Die Anstrengung der Freiheit

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Die Anstrengung der Freiheit

Von Carl Bossard, 06.05.2016

Ethische Werte beruhen heute nicht mehr auf Traditionen, sondern auf Überzeugungen, die stets neu gewonnen werden müssen. Eine schwierige pädagogische Aufgabe.

Das soziale Klima wird rauer, der Zusammenhalt schwindet, die einzelnen gesellschaftlichen Milieus können immer weniger miteinander kommunizieren. Die nachlassende Kohäsion bereitet Sorge. Die Schule muss gegenhaltende Kräfte entwickeln.

Wertevielfalt

Wer um sich sieht, spürt: Wir haben heute nicht weniger Werte als früher; wir haben eher zu viele Werte. Das Problem: (Fast) jeder hat seine eigenen und damit andere Werte; jeder ist bald sein eigener Wertedesigner. Nicht umsonst kursiert das Wort des Wertepluralismus oder der Werteinflation.

Soziologisch lässt sich die Wertevielfalt der Moderne leicht erklären. Die Zivilisationsdynamik mit der Integration hat unsere Gesellschaft in den letzten Jahren rasant verändert. Drei Phänomene sind charakteristisch: die Ent-Traditionalisierung und als Folge davon die Pluralisierung und die Individualisierung. Sie prägen unsere Gesellschaft und damit die „Kinder der Freiheit“, wie es der kürzlich verstorbene Soziologe Ulrich Beck (1) nannte.

Weisheit im Cartoon

Wie sollen die Eltern, wie muss die Schule angesichts dieser Wertepluralität reagieren? Was können sie zum Wertebewusstsein und zu einer menschlichen Haltung beitragen? Diese Frage ist zwar schwierig, aber der Alltag bietet immer wieder Ansatzpunkte für Antworten.

Cartoongeschichten gehören zum Leserepertoire heutiger Jugendlicher. Eine dieser Cartoonfiguren ist Hagen the Horrible. Der kraftstrotzende Wikinger überfällt England, zerstört Kulturgüter, tyrannisiert Menschen. Sein Sohn, dem Vater moralisch überlegen, fragt, warum er denn so etwas tue. „Weil es mir Spass macht und ich Lust empfinde!“, antwortet Hagen. Der Sohn staunt, schweigt, überlegt: „Aber den Engländern gefällt das gar nicht!“, sagt er nach einer Weile, worauf der Vater lakonisch meint: „Man kann es nicht jedem recht machen!“ Stimmt, man kann es wirklich nicht jedem recht machen. Doch hat der Vater damit auch recht?

Hagen the Horrible verspürt bei seinem Handeln keine moralische Hemmung; bei ihm kann kaum Entwicklung stattfinden. Er bleibt auf seiner (tiefen) Stufe stehen. Wie aber können wir heute bei Kindern und Jugendlichen die moralische Entwicklung fördern und damit die humane Haltung stärken? Welches Konzept hat die Schule?

Falsche Toleranz

Angesichts der modernen Wertepluralität und der divergierenden Normansprüche können Schule und Unterricht nicht im Ruf nach Toleranz verbleiben; sie müssen erzieherisch handeln. Die Pädagogik kann und darf in vielen Fällen nicht entscheiden, was richtig oder falsch ist; sie kann und muss aber die Schülerinnen und Schüler zur Verantwortung und damit zu einer mitmenschlichen Haltung erziehen. Das geht nur, wenn Jugendliche eine Problembewusstheit entwickeln. Sie müssen verantwortlich Entscheide treffen und sie auch begründen können.

Für diese Aufgabe gibt es Konzepte. Eines dieser pädagogischen Programme beruht auf der Moralentwicklung, wie sie die beiden Hochschullehrer Lawrence Kohlberg und Fritz Oser analysiert und ihrem Konzept zugrunde gelegt haben. Im Unterricht gehen sie von moralischen Konfliktsituationen aus.

Werte sind erfahrbar

Dafür gibt es im konkreten Schulalltag zahlreiche Beispiele: Ein Kind wird blossgestellt und ausgelacht, der Klassenkontrakt wird gebrochen oder Schulmaterial wird zerstört. Daraus ergeben sich konkrete Diskursmöglichkeiten. Kinder müssen verstehen, was es heisst, richtig zu handeln. Und sie sollen das Warum ihres Handelns erklären können. Der Diskurs wird anhand realer Begebenheiten im Hier und Jetzt der Kinder und Jugendlichen in Gang gesetzt. Das "Lernen durch Erfahrung" überzeugt – besonders, wenn es um Werte und Haltungen geht. Die Schule kann so viel zur Wertebildung und damit zur Förderung der Handlungsautonomie beitragen.

Wer auf Hagens Moralstufe stecken bleibt, wird sich kaum um das Gefühl anderer kümmern; er sieht nur sich. Wir brauchen aber ein humanes Interesse am andern, eine echte Anteilnahme am Du. Das ist ethische Haltung: Abstand gewinnen von sich, weil ein „Du“ die Aufgabe übernimmt, dem „Ich“ ein Gegenüber zu sein.

Handlungssituationen aufzunehmen, in denen dies geübt werden kann, ist eine wichtige Aufgabe der Eltern und der Schule. „Man kann es zwar nicht jedem recht machen!“, aber man muss das andere mitbedenken können, die anderen verstehen wollen – unabdingbar für unser gesellschaftliches Zusammenleben.

(1) Ulrich Beck (1997), Kinder der Freiheit: Wider das Lamento über den Wertezerfall, in: Ders. (Hg.) Kinder der Freiheit. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, S. 9-33.

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Null-Toleranz, Selbstüberschätzung einiger Autoritäten.

Die Natur kennt sie nicht, CH Uhrenmacher kennen sie nicht aber Diktatoren/innen kennen sie sehr wohl. Dein Wille geschehe! Vom Rudel zur Horde, in die Gemeinschaft und dann Auszug aus dem Dschungel über die Savannen in die weite Welt. Urerfahrungen, eingeprägt ins Unterbewusstsein! Jenes widerstrebt seit je her jedem Triebdiktat. Ruhig sitzen in einem Alter von dosierter Lernfähigkeit, innerer Unruhe, einem Alter noch unkontrollierter Triebhaftigkeit wird zur Prüfung. Wo der Widerstand an Nulltoleranz zerbricht, wird sie zur verdrängten Energie. Energie die sich bestenfalls in zusätzlicher Kreativität aber auch schnell in Destruktivität umwandeln kann. Die Fähigkeit des Einfühlens in die individuellen Besonderheiten eines Untergebenen könnten manch kritische Nachwirkung verhindern, aber eben Zeit sollte man haben und wer gut ist, nimmt sie sich einfach und kümmert sich nicht um selbsternannte Diktatoren/innen. Weiterentwicklung kann auch hier manchmal Umkehr heissen. Rückbesinnung auf längst bekannte Erfahrungen.
… cathari

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