Die alte Utopie der Bücherwelt

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Die alte Utopie der Bücherwelt

Von Urs Meier, 21.05.2018

„The Bookshop“ ist ein kleiner, feiner Film von Isabel Coixet über die humanisierende Kraft der Literatur. Geht das eigentlich noch im 21. Jahrhundert?

Florence Green ist seit 16 Jahren verwitwet, als sie ins ostenglische Küstenstädtchen Hardborough zieht, um hier in einem heruntergekommenen alten Haus eine Buchhandlung zu eröffnen. Die Story ist die des gleichnamigen Romans von Penelope Fitzgerald. Sie erzählt eine Parabel über die Welt der Bücher und die stille, langsame Wirkung des Lesens. Es ist die spekulative, zugleich alte und immer utopisch bleibende Geschichte, die da sagt: In der Begegnung mit Literatur kommen Menschen zu sich selbst. Bücher zeigen ihnen, was menschenmöglich ist. Kunstvoll erzählte Geschichten erschaffen Welten, in denen Lesende sich orientieren und geistig entwickeln.

Bücher stossen auf Widerstand

Der fiktive Ort Hardborough (gedreht wurde im nordirischen County Down) ist ein Provinzkaff Ende der 50er Jahre. Ungekrönte Königin dort ist Violet Gamart, eine intrigante und machtbesessene Dame der gehobenen Gesellschaft. Noch bevor Florence Green, wunderbar gespielt von Emily Mortimer, ihren Buchladen im notdürftig hergerichteten Haus eröffnet hat, legt sich Lady Gamart bei einer noblen Party in ihrem Haus auf die unerbittliche Bekämpfung dieses nicht von ihr autorisierten Vorhabens fest. Sie braucht dafür ausser ihrem generellen Herrschaftsanspruch keine Gründe und bemüht sich denn auch nicht, ihrer angeblich langgehegten Idee, aus dem von Florence Green gekauften alten Haus ein Kulturzentrum zu machen, auch nur den Anschein von Ernsthaftigkeit zu geben. Es geht einzig darum, den Bookshop abzuschiessen und so die Hackordnung in Hardborough sicherzustellen, und das sollen durchaus alle wissen.

Mit dieser Gegenspielerin, schmallippig und böse funkelnd verkörpert von Patricia Clarkson, kommt Dramatik in die Story. In einem bildungsoptimistischen Feelgood-Movie müsste eine solche Figur zum Schluss geschlagen oder zumindest an den Rand gespielt werden. Ein solches Happy End wäre jedoch ein narrativer Pyrrhussieg, weil es die Geschichte in eine Sphäre verlagern würde, in der allenfalls Musicals und Fernsehserien zuhause sind. Nein, der Untergang des Bookshops in Hardborough ist von Anfang an klar. Bloss: Statt wie in der prosaischen Wirklichkeit an mangelnder Rentabilität scheitert in diesem poetischen Plot die Buchhändlerin an einer von ihrer Feindin eingefädelten Intrige.

Unterschiedliche Verbündete

In diesem von Anfang an verlorenen Kampf findet Florence Green gerade mal zwei Verbündete: die kecke zwölfjährige Christine und den menschenscheuen alten Edmund Brundish. Die übrigen Figuren stehen auf Lady Gamarts Seite oder ducken sich weg. Christine wird der Buchhändlerin von der ärmlichen Familie als Hilfskraft aufgedrängt, und die rotzige Kleine lässt keinen Zweifel aufkommen, dass es bei ihrem Einsatz ausschliesslich um Geld geht. Für Bücher interessiert sie sich dezidiert nicht. Florence akzeptiert dies, und so ist die Basis gelegt für eine selbstverständliche Vertrautheit. Honor Kneafsey gibt das widerborstige, abgebrühte Mädchen, das sich Florence unmerklich annähert bis zum verschworenem Zusammenhalt von gleich zu gleich. Allein diese jetzt 13-jährige Schauspielerin macht den Film schon sehenswert.

Der alte Edmund Brundish (vornehm knorrig: Bill Nighy) lebt allein in seinem abgelegenen Herrschaftshaus. Von ihm heisst es im Ort, er rede mit niemandem. Tatsächlich geht er Florence sogleich aus dem Weg, als er beim Spazieren am Strand in ihre Nähe gerät. Trotzdem kommt ein Kontakt zustande. Mister Brundish ist ein grosser Leser, er braucht Bücher und lässt sie sich von Florence nicht nur liefern, sondern bald auch empfehlen. Nachdem er auf ihren Vorschlag Ray Bradburys „Fahrenheit 451“ gelesen hat, meldet er zurück: Bitte mehr Bradbury.

Subversive Bücher

Mit „Fahrenheit 451“ unterstreicht der Film sein Thema: Literatur hat ein subversives Potential, und jegliche Art von autoritärer Herrschaft will dieses unter Kontrolle bringen. Bradbury entwirft hierzu die beängstigende Dystopie einer Gesellschaft, die den Störfaktor Literatur vollständig ausrottet. Anders als „Fahrenheit 451“ entwirft „The Bookshop“ aber kein schockierendes Szenario, sondern lediglich eine milde karikierende Tragikomödie: Die Herrschaft wird nicht von einem allgegenwärtigen Apparat, sondern von einer ebenso gelangweilten wie durchtriebenen Dame ausgeübt; den Rahmen bildet nicht die Vision einer gleichgeschalteten Gesellschaft, sondern lediglich die falsche Idylle eines verschlafenen Kaffs, in dem Mief und Duckmäusertum den Ton angeben.

Als weiteren Lektürevorschlag aus dem Buchladen erhält Mister Brundish Vladimir Nabokovs „Lolita“. Das 1955 erschienene Buch schildert die sexuelle Hörigkeit eines Mannes mittleren Alters gegenüber der minderjährigen Tochter seiner Vermieterin und galt zu der Zeit, in welcher der Film angesiedelt ist, noch immer weithin als Pornographie. Florence bittet Brundish um sein Urteil über das Buch; davon will sie es abhängig machen, ob sie „Lolita“ in ihrer Buchhandlung propagiert. Nachdem Brundish das skandalumwitterte Werk gelesen hat, sucht Florence ihn auf in seinem abgelebten und verwilderten Wohnsitz.

Langsamkeit und Intensität

Dieser Afternoon Tea bei Mister Brundish ist ein Meisterstück anspielungsreicher und bis fast zum Stillstand verlangsamter Inszenierung. „The Bookshop“ ist generell ein gemächlich fliessender Film, doch hier geschieht alles gewissermassen in Zeitlupe. (Kein Wunder, haben einzelne Kritiken den Film als streckenweise langweilig taxiert.) Brundish wartet oben an der Treppe, die Besucherin zögert, die Tür zu öffnen und einzutreten. Gemeinsam decken sie die Tafel, und nur schon die Ausbreitung der Tischdecke wird zur zeitraubenden Prozedur. Endlich haben sie Platz genommen. Geredet wird bis dahin nicht, und auch die Verständigung über das Anschneiden des Kuchens und das Einschenken des Tees geschieht allein mit fragenden Blicken. Wunderbar: Das Zögern, die Wortlosigkeit haben nichts Peinliches an sich, sondern sie kosten das endlich möglich gewordene Zusammenkommen aus.

Eine schönere, erotischere Liebesszene hat man im Kino selten gesehen. Erotisch? Beide haben Nabokovs „Lolita“ gelesen, und hinter jedem Blick, jeder Geste steht die skandalöse Geschichte von der unbezwingbaren Macht des Eros. Ob es ein gutes Buch sei, will Florence Green wissen, und Mister Brundish bejaht ohne Umschweife. Ob er es für richtig halte, das Buch in Hardborough gross in Verkauf zu bringen? Brundish bejaht auch dies, fügt aber an, „Lolita“ dürfte hier wohl kaum verstanden werden.

Bombe in Hardborough

Für Florence ist damit die Sache klar. Sie bestellt 250 Exemplare, und das Buch schlägt wie eine Bombe ein – was in Hardborough bedeutet, dass sich vor dem Schaufenster des Buchladens die Leute drängen. Sie lesen zwar das Buch nicht – auch der Pfarrer reagiert entrüstet, als Christine ihm den Nabokov zum Kauf empfiehlt – und haben vom anstössigen Charakter des Romans zweifellos eine unzureichende Vorstellung. Aber sie haben die Ahnung, dass ein Stück Literatur in ihrer heilen Welt angekommen ist, das die Festigkeit ihrer Ansichten erschüttern würde, wenn sie es läsen. Der Skandal zieht sie an, aber kennen wollen sie ihn nicht.

Die Verletzung sexueller Tabus war beim Erscheinen von „Lolita“ nicht nur Grund zur Aufregung, sondern führte in vielen Ländern zu Verboten. Heute sticht bei „Lolita“ vielleicht stärker die Irritation angesichts der Hörigkeit und der menschlichen Abgründe hervor. Ob Penelope Fitzgerald und Isabel Coixet dies im Blick hatten, ist dem Film nicht zu entnehmen. Bestimmt aber sind die Schlüsseltitel „Fahrenheit 451“ und „Lolita“ mit Bedacht gewählt. Der erste repräsentiert die widerständige emanzipatorische Kraft von Literatur, der zweite ihre Fähigkeit, Lebenslügen zu entlarven und blinde Flecken der Gesellschaft aufzudecken.

„Grosse Erzählung“ im Hintergrund

Die Berufung auf die Werke von Bradbury und Nabokov mit ihren epochalen Themen könnte auf den ersten Blick für die tragikomische Story über einen gescheiterten Buchladen in der englischen Provinz ein paar Nummern zu gross erscheinen. Doch in „The Bookshop“ geht es nicht um realistisches Erzählen, sondern um ein gleichnishaftes Setting. Es lässt durch die Story eine dahinter liegende Geschichte – eine der „Grossen Erzählungen“ der abendländischen Kultur – durchscheinen: Der Buchladen ist eine Metapher für die Utopie der humanisierenden Wirkung von Literatur.

Es ist eine alte Utopie – ein halbes Jahrtausend zählt sie nun ungefähr –, und man weiss heute nicht recht, ob sie vielleicht dieser Tage an ihr Ende kommt. In dem 2017 entstandenen Film schwingt unausgesprochen die Frage mit, ob nicht die Gesellschaft aus all den bekannten Gründen im letzten halben Jahrhundert einige grosse Schritte auf dieses Ende hin getan hat.

„The Bookshop“ ist melancholisch grundiert. Der Film hat gar resignative Züge, aber er lässt sich die Utopie menschlicher Bildung durch Bücher dann doch nicht widerstandslos rauben. Das Ende hat es in sich. Es ist zwar nicht „happy“, dafür aber listig. Der Philosoph Hegel hat das schöne Diktum „die List der Vernunft“ geprägt: Die Dinge können sich zum Besseren wenden, selbst wenn die Menschen dies gar nicht anstreben. So etwas deutet „The Bookshop“ am Ende an. Es ist Christine, welche die Utopie am Leben zu halten hilft. Und so löst sich am Ende auch das Rätsel, für wen die erzählende Off-Stimme (Julie Christie) wohl spricht. – Doch auf welche Weise der Film diesen anti-resignativen Dreh hinbekommt, sei hier nicht verraten.

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