Die alte Dame auf Besuch

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Die alte Dame auf Besuch

Von Jürg Schoch, 26.01.2017

Wer den Wortkaskaden zur USR III nicht mehr folgen kann oder will, greife zu Dürrenmatt. Er liefert uns eine vergnügliche Abstimmungshilfe.

„Der Besuch der alten Dame“ wurde am 29. Januar 1956 in Zürich uraufgeführt. Das ist lange her. Derzeit, so scheint es, hält sich die alte Dame, Frau Claire Zachanassian, die dank ihrer Heirat mit einem superreichen armenischen Ölmagnaten selber superreich geworden ist, immer noch oder wieder in Güllen auf, dieser Kleinstadt, in der die Tragikomödie spielt.

Die Macht der Versuchung

Frau Zachanassian ist die grosse Hoffnung der Güllener. Sie stellt ihnen eine Milliarde in Aussicht. Eine Milliarde! Aber nicht einfach so, nicht einfach als bedingungslosen Zustupf. Sie will etwas dafür. Sie will Rache an jenem Güllener, der sie, als sie selber noch in Güllen wohnte und Kläri Wäscher hiess, geschwängert, seine Vaterschaft geleugnet und die Schwangere ins Unglück, in die Prostitution getrieben hatte.

Der Deal, den Frau Zachanassian, geb. Wäscher, anbietet: Eine Milliarde gegen den Tod des Schwängerers Alfred Ill, der in Güllen einen wenig erfolgreichen Krämerladen führt. 

Kommt nicht in Frage, antworten die Güllener und verweisen auf ihre Werte, Überzeugungen, humanitären Traditionen, auf Goethe und Schiller. „Ich lehne im Namen der Stadt Güllen das Angebot ab. Im Namen der Menschlichkeit. Lieber bleiben wir arm denn blutbefleckt“, verkündet Güllens Bürgermeister theatralisch. Doch die Versuchung ist mächtiger. Die Güllener beginnen sich zu verrenken, korrigieren ihre Überzeugungen, justieren ihre Werte, buckeln und kriechen vor der reichen Claire Zachanassian und bedrängen, gestützt auf ihre revidierten Moralvorstellungen, den einstigen Schwängerer Ill, er möge sich seinem Schicksal fügen, schliesslich gehe es um das Wohl der Allgemeinheit, um die Milliarde.

Die Verrenkungen unserer Elite

Folgt man den Wortgefechten, die hier und jetzt in unserem helvetischen Güllen zur USR III ausgetragen werden, wähnt man sich mitten in einer Aufführung von Dürrenmatts Tragikomödie. Es geht zwar nicht um einen Schwängerer oder eine rachsüchtige Dame. Wohl aber um Geld. Und man verrenkt sich wie einst in Güllen, man baut einen Werkzeugkasten, wie man das bodenständig nennt, und legt neues Werkzeug hinein, das dafür sorgen soll, dass das fremde Geld der Zachanassians und Konsorten unseren heimatlichen Boden ja nicht verlässt.

Was es mit den Patentboxen, der zinsbereinigten Gewinnsteuer, der Dividendenteilbesteuerung oder der Input-Förderung, also diesen wundersamen Werkzeugen, genau auf sich hat, verstehen zwar die wenigsten. Aber das spielt auch keine Rolle, Hauptsache, das Geld bleibt, wo es ist, und zieht womöglich noch mehr an.

Das „gute“ und das „böse“ Fremde

Die Vehemenz, mit der die Befürworter der USR III auf die Barrikaden steigen, wirft ein eigenartiges Licht auf unser Land. Beflissen, beinahe servil, streicht man den Multis, den mobilen und globalen Investoren um den Bart, kümmert sich um ihr Wohl und Wehe, tastet ab, welche Steuern sie goutieren und wann der Punkt erreicht sein könnte, an dem ihre Zuneigung kippt.

Als stünden unsere Bundesräte, der Finanzminister, die Finanzdirektoren und die so genannt gutbürgerlichen Politiker vollständig im Bann der grossen, internationalen Marktleader. So viel Fremdenfreundlichkeit ist gewöhnungsbedürftig.

Willfährigkeit und Anpassung

Die Vehemenz – garniert mit Drohungen an die USR III-Kritiker, ein Nein führe geradewegs in die Katastrophe – offenbart aber auch die Abhängigkeit vom grossen fremden Geld. Eigentlich wäre zu erwarten, die rechtsnationalistische AUNS, die das Postulat der Unabhängigkeit des Landes in ihrem Namen führt, würde ihre Stimme gegen so viel Willfährigkeit und Anpassung erheben. Doch hat jemand ein Wörtchen des Widerspruchs von dieser Seite gehört?

Tragikomisch – oder echt „güllerisch“ – mutet die SVP an, deren Exponenten zuoberst auf den Barrikaden und am lautesten für die USR fechten. Die Partei ist nicht dafür bekannt, dass sie dem Fremden gewogen wäre. Flüchtlinge? Lieber keine. Fremdarbeiter? Abbauen. Fremde Richter? Des Teufels. Internationale Konzerne, Rohstoffmultis, hoch mobile Holdings? Das ist etwas ganz anders: Das ist das „gute“ Fremde. Klopft das „gute“ Fremde an, verkümmert das patriotisch und mythisch überhöhte SVP-Bild der Schweiz merkwürdig flink zu einem „attraktiven Standort“. Und der unbändige Unabhängigkeitswille unserer Patrioten wird auch etwas leiser, obwohl gerade dieses „gute“ Fremde nicht selten und ziemlich robust diktiert, wo es auf dem Standort lang gehen soll – ganz ähnlich wie die alte Dame zu Besuch in Güllen. 

Kommentare

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Martullo-Blocher kriecht vor den ausländischen Firmen,
exportiert mit ihrer EMS 95% ins Ausland und ist gleichzeitig gegen Ausländer in der CH und gegen erleichterte Einbürgerung. Ist das kindisch oder postfaktisch?

Was für ein genialer Artikel, vielen Dank. Oh, hätten doch alle Stimmbürgerinnen und Stimmbürger noch Dürrenmatt intus! Klarer kann man kaum beschreiben, was die Beweggründe und Verblendungen sind.

Güllen ist die Schweiz und hat nichts an Aktualität eingebüsst. Leider. Es ist zu befürchten, dass es so bleibt und die USR III vom "Volch" angenommen wird. Denn wenn die Mächtigen und Reichen jammern, dass es unserem Wohlstand an den Kragen gehen könnte, wird das "Volch" hellhörig. Zu gross die Angst vor dem sozialen Abstieg infolge Arbeitslosigkeit und Verarmung. Es gibt wohl kein Land auf der Welt, in dem die Stigmatisierung von Verlierern und Gescheiterten so gross ist, wie hierzulande. Das wird den Reichen und Superreichen helfen, fast alles zu bekommen. Seit der Finanzkrise sind viele Amerikaner insofern geläutert, als dass sie wissen, nie reich werden zu können. Der American Dream hat sich erledigt. Der Swiss Dream bei weitem nicht. Hier träumen noch ganz viele davon, auch einmal reich zu werden. Und für um reich zu werden und dazuzugehören, scheint es keinen anderen Ausweg zu geben, als die Reichen zu belohnen, ihnen zu hofieren, alles zu geben, in der Hoffnung, sie würden es schon richten und investieren und gut bezahlte Arbeitsplätze schaffen. Des Schweizers Glaube an eine Welt, in der es sich gut leben lässt, ist unerschütterlich. Alles andere wäre Nestbeschmutzung. Die Volkspartei sorgt dafür, dass die Anzahl der Nestbeschmutzer überschaubar bleibt. Die SVP wird nicht müde zu lamentieren, dass der Standort Schweiz für Nichtgutbetuchte ein Auslaufmodell ist. Für die Reichen hingegen macht sie alles, damit sie in Scharen kommen. Superreiche brauchen einen durch und durch schlanken Staat, im Gegensatz zu denen, die davon betroffen sind, nicht reich zu sein. Die Verlogenheit der Volkspartei ist so gross wie das Universum. Das stört die, welche ins Albisgüetli pilgern, nicht im Geringsten. Denn dort redet der Herr zum "Volch". Und er wird erhört, weiss Gott. Was will eine der Schweizen mehr? Und die andere Schweiz? Sie hofft noch ein wenig, dass am 12. Februar 2017 ein kleines Wunder geschieht.

Die SVP ist gegen die Masseneinwanderung von bedrohten oder verfolgten Menschen, aber für die Masseneinwanderung von fremdem Reichtum zusammen mit dessen Besitzern.
Es gibt wohl kaum eine verlogenere und dreckigere Politik, nur leider darf man dass in der Schweiz gar nicht mehr sagen, ohne dass man sich nicht gleich der Majestätsbeleidigung der mächtigen SVP-Eliten schuldig macht.
Der offizieller Sprachgebrauch lautet, dass Milliardäre den Volkswillen besser kennen, als das gemeine Volk. Vermutlich weil ihre PR- und Werbeabteilungen inzwischen bestimmen, wo dem Volk der Schuh zu drücken hat?

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