Die Ärmsten der Armen

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Die Ärmsten der Armen

Von Marianne Pletscher, 12.09.2020

Dies ist die Geschichte von Maria, eine der vielen «Sans-Papiers», die unter Corona ganz besonders leiden.

Im Text Armut in Zürich: wieder aus den Augen – für die meisten auch aus dem Sinn beschreibt Marianne Pletscher die Essensverteilungen für Bedürftige in Zürich, die seit dem Shutdown regelmässig stattfinden.

Zu den Ärmsten der Armen gehören die sogenannten «Sans-Papiers», die Papierlosen. Völlig rechtlos, waren sie die ersten, die in der Krise ihre Stellen verloren, denn sie arbeiten ja illegal. Viele von ihnen, vor allem die im Reinigungssektor oder im Gastgewerbe Beschäftigten, haben ihre Stellen noch immer nicht zurückbekommen, viele werden sie kaum je zurückbekommen.

Erwerbsersatz oder andere Hilfen gab es für sie keine. Nur schon im Kanton Zürich leben Tausende, in der ganzen Schweiz Zehntausende papierlose Menschen. Dass sie aus ganz verschiedenen Gründen hier und keinesfalls nur untergetauchte Asylbewerber sind, weiss kaum ein Zürcher. Ja, es gibt sie, die jungen Männer, die immer wieder mal ein paar Monate im Ausschaffungsgefängnis verbringen und dann wieder freigelassen werden müssen. Aber es gibt auch viele andere, die seit Jahren und Jahrzehnten unter uns und mit uns leben und niemandem auffallen. Maria* ist eine von ihnen.

Maria beim Fototermin. Obwohl sie weiss, dass sie nur anonym fotografiert werden kann, hat sie ihre schönste Bluse angezogen und sie sorgfältig gebügelt. (Foto: © Marc Bachmann)
Maria beim Fototermin. Obwohl sie weiss, dass sie nur anonym fotografiert werden kann, hat sie ihre schönste Bluse angezogen und sie sorgfältig gebügelt. (Foto: © Marc Bachmann)

Ich suchte papierlose Menschen, die mir erzählen sollten, wieso sie die Gratis-Nahrungsmittelverteilung dringend brauchen. Und fand eine, die so vorsichtig und diskret in Zürich lebt, dass sie sogar das Anstehen in der Schlange zu öffentlich findet und sich lieber diskret in einer Kirchgemeinde verpflegt oder anderswie zu Resten kommt, die sie sich selbst kocht. Nicht aufzufallen ist ihr Lebensmotto und sie hat es über die Jahre perfektioniert. Seit sie in der Schweiz lebt, wurde sie kein einziges Mal kontrolliert. Sie hat gelernt, sich so zu bewegen, dass sie überall übersehen wird.

Einzige Möglichkeit, dem kranken Sohn zu helfen

Maria kam vor 17 Jahren aus Lateinamerika in die Schweiz. Für sie war Arbeiten in der Schweiz die einzige Möglichkeit, ihrem schwer diabeteskranken Sohn Medikamente und Spitalpflege zu bezahlen. Er war damals vierundzwanzigjährig und hatte bereits selbst zwei Kinder.

Dreimal pro Woche musste er zur Dialyse, eine Krankenversicherung hatte er keine. Vom Vater ihrer beiden Kinder lebte Maria getrennt, seit der ältere Sohn siebenjährig war. Ihr Ex-Partner hatte in einem andern lateinamerikanischen Land eine neue Familie gegründet und liess nie mehr von sich hören. Diese Informationen erzählt sie unter Tränen, es ist schwierig, die Fakten klar zu ordnen, und wir schaffen es erst beim dritten Versuch.

Am Anfang lief alles gut in der Schweiz, sie fand sofort Arbeit als Reinigungskraft, eine Unterkunft und konnte bald Geld nach Hause schicken. Zehn Jahre später starb ihr Sohn, sie hat ihn und ihre Tochter nie mehr gesehen. Auch ihre Enkelkinder kennt sie nur von Fotos. Dass sie nicht zur Beerdigung ihres Sohns nach Hause reisen konnte, fiel ihr schwer, aber sie hatte schlicht kein Geld, musste sie jetzt doch die Mutter der beiden Enkelkinder unterstützen. Ausserdem wäre ihr illegaler Aufenthalt bei einer Rückreise aufgeflogen. Wieder bricht sie in Tränen aus, als sie das erzählt. Die Enkel sind inzwischen erwachsen und sie fühlt sich verpflichtet, sie im Studium zu unterstützen. Die Frage, ob sie je zuerst an sich gedacht habe, kann sie gar nicht richtig verstehen. Sie kommt aus einer Kultur, in der Aufopferung für Kinder und Enkel eine Selbstverständlichkeit ist.

Die Schweiz ist schöner

Trotzdem ist Maria nicht verbittert, sie findet, es gehe ihr bis auf das ständige Leben unter dem Existenzminimum gut. Die Schweiz sei ruhiger, sicherer und schöner als ihr Heimatland. Ein paar Jahre lang, so sagt sie, fühlte sie sich wie im Paradies. Sie hatte einen Schweizer Partner gefunden und lebte mit ihm zusammen. Heiraten konnten sie nicht. Sie hätte dazu zuerst in ihr Heimatland reisen müssen, hätte aus administrativen Gründen zu lange nicht mehr zurückkehren können und hätte nichts mehr verdient.

Als ihr Partner starb, verbrachte sie die schlimmste Zeit ihres Lebens, wie sie erzählt. Die Wohnung musste sie innerhalb von drei Stunden räumen – soviel Zeit gab ihr die Ärztin des Mannes – denn nachher kam die Polizei, um den Tod festzustellen, da musste sie verschwunden sein. Der nächste Tränenstrom folgt, Genaueres mag sie nicht erzählen. Für sechs Monate verkroch sie sich in einem winzigen Zimmerchen, sie fühlte sich unfähig zu arbeiten. Zum Glück hatte sie damals etwas gespart. Auch das hat sie von Anfang an gelernt: Jeden unnötigen Franken legt sie sofort auf die Seite, Luxus liegt für sie nicht drin, Kleider bezieht sie nur secondhand, günstig oder gratis.

Haushalthilfe und Kindermädchen für neun Franken Stundenlohn

Später arbeitete sie weiterhin als Haushalthilfe und Kindermädchen. Allerdings war da auch eine Arbeitgeberin, die ihr für drei Tage pro Woche neun Franken pro Stunde bezahlte. «Das ist pure Ausbeutung», sagt sie und ist immer noch empört, wenn sie daran denkt.

Vor der Corona-Krise lebte sie von knapp 1500 Franken pro Monat, davon benötigte sie 500 Franken für ihr Zimmer und 350 Franken für die Krankenkasse. Eine solche Versicherung ist in der Schweiz möglich, ohne dass die Kassen dies den Ausländerbehörden melden müssen. Im Normalfall laufen diese Anmeldungen über eine legale Organisation oder Drittperson. Nur wenige Sans-Papiers sind tatsächlich versichert, sie können es sich nicht leisten. Maria aber ist eine Person, die sehr sorgfältig mit ihrer schwierigen Situation umgeht. Doch mit einer Pandemie konnte sie nicht rechnen.

Nach dem Shutdown verlor sie drei ihrer vier ständigen Arbeitgeber. Nur von einer Person bekam sie den Ausfall bezahlt. Sie stand also praktisch ohne Geld da. Das bisschen, dass sie auf die Seite legen konnte, war schnell aufgebraucht. In den ersten Monaten half ihr die Sans-Papiers-Anlaufstelle Zürich (SPAZ)**. Diese hatte nach dem Shutdown sehr viele Spenden erhalten, von Privaten, aber auch von den Städten Zürich und Uster, und konnte damit sehr vielen Papierlosen Nothilfe leisten.

Maria erhielt Essensgutscheine, ihre Miete und die Krankenkassenrechnungen bis Ende August wurden ihr bezahlt. Als ich sie traf, wusste sie nicht mehr weiter und schleppte sich von Gelegenheitsarbeit zu Gelegenheitsarbeit. Noch hatten sich zwei der festen Arbeitgeber nicht zurückgemeldet und neue sind schwierig zu finden, denn viele wollen keine Papierlose anstellen. Auch verständlich, denn man begibt sich damit ebenfalls in die Illegalität.

Das SPAZ ist für Maria ein Stück Heimat, im Büro kennt sie alle. Sie ist auch seit zwölf Jahren Mitglied des Papierlosen-Kollektivs, einer Gruppierung, die für mehr Rechte für Sans-Papiers kämpft und deren Mitglieder sich gegenseitig unterstützen. Dort hat sie auch Freundinnen und Freunde gefunden. Kontakte pflegt sie auch zu kirchlichen Kreisen, zu Menschen, die nicht nach Papieren fragen.

Angst, entdeckt zu werden, hatte sie eigentlich nie, nur zu Beginn des Shutdowns, als sie von verstärkter Militärpräsenz und Polizeipatrouillen in den Strassen hörte. Da war sie noch vorsichtiger als sonst. Das ist auch der Grund, dass sie eine legal hier lebende Bekannte bat, sich für sie in die Schlange bei «Essen für Alle» zu stellen. Sie selbst traute sich nicht.

Maria ist sehr gläubig und überzeugt, dass Gott ihr eigentlich immer helfen werde. Bestärkt wurde sie in diesem Glauben, als kürzlich quasi ein Engel vom Himmel fiel. Sie braucht dringend eine Staroperation. Das brachte sie in ihrer jetzigen Situation in grosse Verzweiflung, denn die Ärztin erklärte ihr, schwere Putzarbeit dürfe sie zwei Wochen lang nicht machen. Dazu kommt, dass sie eine Speziallinse braucht und diese Zusatzkosten und der Selbstbehalt sind für Maria viel Geld.

In letzter Minute tauchte ein Spender auf, der ihr über das Schlimmste hinweghalf. Jetzt hat sie das Geld beiseite gelegt und wartet auf die Operation. Da sie kein Deutsch spricht, wurde sie von einer jungen Frau zur Vorabklärung begleitet, die sie als Kind gehütet hat. Dank ihrem freundlichen Wesen findet sie immer jemanden, der ihr hilft.

Positiver Blick in die Zukunft

Am erstaunlichsten ist für mich, dass Maria positiv in die Zukunft schaut, auch wenn sie sagt, dass Planen unmöglich sei. Wenn sie irgendwo putzt, singt sie leise dazu, wenn sie allein ist. Am meisten macht ihr Sorgen, dass es in Zürich auch viele Kinder von Papierlosen gibt und dass diese schlechte Aussichten für die Zukunft haben. Das ist mit ein Grund, dass sie mit dem Papierlosen-Kollektiv überzeugt für eine Regularisierung der Sans-Papiers kämpft.

Sie selbst ist nie negativ aufgefallen, es gibt sie in der Schweiz offiziell noch gar nicht. Sie käme unter Umständen für eine individuelle Härtefall-Regelung in Frage. Aber dazu müsste sie Deutsch können. Lernen war bisher einfach unmöglich, sie kennt fast keine Schweizer, und alle ihre Kontakte sprechen Spanisch. Jetzt hat sie, nach 17 Jahren in der Schweiz, mit einem Deutschkurs angefangen. «Irgendwann darf ich legal hier leben», ist sie überzeugt.

Maria schaut trotz allem positiv in die Zukunft (Foto: © Marc Bachmann)
Maria schaut trotz allem positiv in die Zukunft (Foto: © Marc Bachmann)

Es gäbe Möglichkeiten für eine generelle Besserstellung von Papierlosen wie Maria. In den Kantonen Genf und Waadt erhielten 2018 Hunderte von Sans-Papiers eine Aufenthaltsbewilligung. Dies war unter anderem eine Folge der Operation «Papyrus», die der Genfer FDP-Regierungsrat Pierre Maudet im Februar 2017 aus wirtschaftlichen Gründen in die Wege geleitet hatte. Regularisiert wurden Personen, die schon lange in der Schweiz leben, nie kriminell wurden und integriert sind.

Auch das Project «City-Card» plant eine indirekte Besserstellung von papierlosen Menschen. Es ist in verschiedenen Schweizer Städten in Vorbereitung. Es will, analog zur «Urban City Card» in nordamerikanischen Städten, einen Ausweis schaffen, der nicht unterscheidet, ob jemand legal oder illegal in der Stadt lebt.  

Die Trägerin der Karte bekommt so eine gewisse Aufenthaltssicherheit  und die Möglichkeit, sich zu versichern, Spitäler aufzusuchen und ohne Angst bei einem Notfall die Polizei zu rufen. City Cards funktionieren dann gut, wenn auch legal in einer Stadt lebende Bürger sie nutzen.

Dies ist dann der Fall, wenn Cafés, Läden und Museen den Trägern der Karte Ermässigungen gewähren. In Zürich ist die City-Card kurz vor der Einführung. Der Gemeinderat hat dem Projekt bereits zugestimmt, der Stadtrat will nach den Herbstferien entscheiden, es sind noch nicht alle Details geregelt.

* Name geändert

**Auch in andern Schweizer Städten gibt es Organisationen, die sich um «Sans-Papiers» kümmern.

Kommentare

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Liebe Marianne,
wieder hast Du mit Deinem engagierten Bericht die Situation von betroffenen und benachteiligten Menschen anschaulich aufgezeigt, und damit auch die Schwachstellen unserer Gesellschaft. Es sind eindrückliche Bilder, die zum Nachdenken anregen.
Vielen Dank und herzliche Grüsse
Margreth

liebe Marianne,

danke für diesen bewegenden und eindrücklichen Bericht.

Viele Grüße
Ruth

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