Der zweitälteste Beruf der Welt

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Der zweitälteste Beruf der Welt

Von Christian Buckard, 24.10.2010

Von Christian Buckard "Wir müssen ein Volk werden mit Staat, Fahnen, Taschendieben und Huren." So rief der junge ungarische Zionist Arthur Koestler einst während einer hitzigen Diskussion mit seinem Jerusalemer Bekannten Moshe Ben-Gavriel aus.

Assaf Gavron

Aus dem großen jüdischen Staat zu beiden Seiten des Jordans, von dem Koestler Ende der Zwanziger Jahre noch träumte, wurde zwar nichts, doch Koestlers Traum von Normalität hat sich entgegen aller Erwartungen in zumindest einem Teil der historischen Heimat erfüllt.

Den zweitältesten Beruf der Menschheitsgeschichte hatte der übermütige Zionist Koestler in seiner Aufzählung allerdings vergessen zu erwähnen – den des Umzugshelfers. Der junge israelische Schriftsteller Assaf Gavron hat nun die Aufgabe auf sich genommen, eine Gruppe junger „Mover“ zu den Helden eines spannenden und rasanten Romans zu machen.

Das Buch trägt den Titel „Alles Paletti“ und ist gerade in deutscher Übersetzung erschienen. Die Helden des Romans sind die jungen Israelis Jonsy, Schlomi und Izzi, die in New York bei der Umzugsfirma „Sababa“ arbeiten. Gavron hat mehrere Monate in New York für seinen Roman recherchiert, Möbel geschleppt, geschwitzt und dabei schnell ein Gefühl für die Extremsituation entwickelt, die jeder größerer Umzug darstellt.

„Du siehst Menschen im Augenblick der Veränderung“, schreibt Gavron, „am Übergangspunkt, siehst, wie sie ein ganzes Leben zusammenpacken, das sie an einem Ort hatten, mit Arbeit, Freunden, Nachbarn und all dem, was ihnen zwischen diesen Wänden und in dieser Luft passiert ist, und du bringst sie an einen anderen Ort, wo alles neu und unbekannt, aufregend und beängstigend ist. (…) Die drei traumatischsten Dinge, die Leuten passieren, sind der Verlust ihrer Kinder, Scheidung und Umzug. Schlimmer als Unfälle oder Krankheiten. Das ist nachgewiesen. Beim Tod eines Kindes gibt es Familie und Freunde, die kommen und trösten und die Trauernden nicht alleine lassen; bei der Scheidung hat jeder seine eigene Seite, die Familie, den Anwalt; und beim Umzug, da gibt es dich, den Umzugshelfer, den Mover.

Deine Jeans mögen dreckig sein, vielleicht warst du drei Tage am Stück mit den Möbeln unterwegs, hast dich nicht geduscht, nicht rasiert. Vielleicht bist du ein simpler Nahostler, der nur seine Muskeln für einen Tag hergegeben hat, um das Bett zu schleppen, doch im Prinzip bist du viel mehr – du hast für sie geschwitzt, bist tagelang für sie gefahren, hast den Kontinent durchquert und andere Zeit- und Klimazonen erreicht, alles, nur um ihr Zeug umzuziehen. Du bist die Schulter, an die man sich lehnt und an der man sich ausweint. Du bist das sympathische Lächeln für den, der keine Familie hat, die lächeln könnte. Du bist der Freund in einem Stadium des Lebens, in dem es fast keine Freunde mehr gibt.“

Gejagt von der Mafia

Da die drei Israelis von ihrem Boss hemmungslos ausgebeutet werden, träumen sie vom großen Coup. Der Augenblick scheint gekommen, als sie eine Ladung vermeintlich wertvoller Gemälde und obendrein zwei nagelneue Spielautomaten transportieren sollen. Die Spielautomaten gehören der russischen Mafia. Und die versteht keinen Spaß, als die Israelis mit ihrem Laster und dem Traum vom Glück das Weite suchen. Schon bald werden die naiven jungen Männer von ihrem Arbeitgeber, der Mafia und dem FBI über den amerikanischen Kontinent gejagt.

Assaf Gavron erzählt die Geschichte in einem atemlosen Tempo, mit viel Humor und einer Prise Heimweh. Kein Wunder, dass sich bereits ein Filmproduzent die Rechte an „Alles Paletti“ gesichert hat. Sollte der Roman verfilmt werden, wären die Zuschauer gut beraten, Sicherheitsgurte anzulegen.

„Wir Israelis können auch über andere Dinge schreiben!“

Assaf Gavron hält sich zurzeit als Gast des Berliner Künstlerprogramms des Deutschen Akademischen Auslandsdienstes in der Bundeshauptstadt auf. Bekannt wurde der Schriftsteller in Deutschland mit seinen Politthrillern „Ein schönes Attentat“ (2008) und „Hydromania“ (2009). Der Roman „Alles Paletti“ wurde nach seinem Erscheinen im Jahre 2003 ein Bestseller in Israel. Die Kriminalschriftstellerin Batya Gur lobte das Buch als „tragikomisch, faszinierend, authentisch und originell“. Im Ausland interessierte sich indes kein Verlag für den ungewöhnlich spannenden Roman.

Ein literarisches Roadmovie über drei israelische Umzugshelfer war offensichtlich nicht das, was die Verlage von einem israelischen Schriftsteller lesen wollten. Wenn israelische Autoren schon nicht über den Nahost-Konflikt schreiben, so erwarten die Verlage in den USA oder Europa von ihnen zumindest geschwätzige Bücher über Sex (siehe: Zeruyah Shalev). Doch für Sex haben Gavrons Umzugshelfer während ihres turbulenten Abenteuers natürlich kaum Zeit. Also musste Gavron außerhalb Israels erst einmal mit seinen Politthrillern debütieren. „Wenn die Verlage oder die Leser außerhalb Israels das Buch eines israelischen Autoren in die Hand nehmen, dann erwarten sie eine Geschichte über den Nahost-Konflikt“, erzählt Gavron. „Schön, ich verstehe das zwar, aber es ist dennoch schade. Denn wir Israelis können auch über andere Dinge schreiben! Und ich hoffe sehr, dass auch 'Alles Paletti' ein Erfolg wird.

Obwohl es kein Buch über den Konflikt ist. Aber 'Alles Paletti' erzählt natürlich auch über Israelis und Israel, darüber was es heute bedeutet, ein junger Israeli zu sein. Über dieses Lebensgefühl.“ Wegen der typischen Erwartungshaltungen an israelische Autoren wissen deutsche Journalisten mitunter nicht recht, in welche Schublade sie 'Alles Paletti' stecken sollen. „In meinem Buch“, so erzählt Gavron, „fragt ein amerikanischer Jude die israelischen Möbelpacker: 'Nach dreitausend Jahren leidvoller Geschichte, machen Juden jetzt so etwas? Möbel schleppen?!' Und letzte Woche hat mich hier in Berlin ein Journalist gefragt: 'Also wirklich, wieso machen Juden nach 3000 Jahren so eine Arbeit?' In dieser Frage liegt fast so etwas wie eine Art umgekehrter Rassismus. Als ob alle Juden Schriftsteller und Intellektuelle sein müssten! Warum dürfen Israelis nicht alle denkbaren Arbeiten machen? Auch dieses Statement macht mein Buch: Israelis dürfen ganz normale Möbelpacker sein!“

New York entspannt

Die Idee einen Roman über israelische Umzugshelfer in New York zu schreiben, so bekennt Assaf Gavron freimütig, kam nicht von ihm, sondern von einem Freund, der drei Jahre lang in den USA als „Mover“ gearbeitet hatte. „Also hat er mir einen Job in der Umzugsfirma eines israelischen Freundes besorgt, die ein wenig an die Firma „Sababa“ in meinem Roman erinnert. Dieser Freund, der Boss des Umzugsunternehmens, war furchtbar wütend als er das Buch gelesen hatte.“

Gavron sitzt im Café des Berliner „Literaturhauses“ und grinst. „Jedenfalls, ich habe drei Monate lang für diese Firma gearbeitet. Das hat mir großen Spaß gemacht. Und weil es eine kleine Firma ist, bekam ich sehr schnell die Aufgabe mit einem Möbelwagen bis Boston, Nebraska, Florida und Texas zu fahren. Das war sehr schön und auch sehr interessant. Viele Israelis arbeiten in New York in der Umzugsbranche. Ich schätze, dass dort inzwischen fast die Hälfte aller Umzugsfirmen Israelis gehören. Und in Israel weiß man das.

Fast jeder Israeli kennt irgendjemanden, der in New York Möbel schleppt. Und das ist typisch für Israel, dieses Bedürfnis nach der Beendigung des Militärdienstes aus Israel fort zu gehen. In einem Alter, wo man ja noch nicht genau weiß, was man mit seinem Leben anstellen soll. Und so entstand eine Art Gesellschaft von israelischen Umzugshelfern in New York, mit ihren Lieblingsrestaurants und Cafes wo man sich trifft. Sogar ihre eigene Sprache haben sie. Die nennt sich 'Hebrish', etwas zwischen Hebräisch und Englisch.“ Für Assaf Gavron ist New York der einzige Ort außerhalb Israels, wo er sich wohl fühlt. „Manchmal fühlte ich mich in New York sogar noch wohler als in Israel“, erzählt Gavron.

„Ich habe lange in London gelebt und jetzt wohne ich in Berlin. Und beide diese Städte sind Orte, wo man zig Sprachen hört, wo es alle möglichen verschiedenen Communities gibt, aber in New York ist man zu Fremden viel offener als es in europäischen Städten der Fall ist. Sehr multi-national geht es in New York zu. Jeder respektiert dort jeden. Zumindest habe ich dieses Gefühl. Außerdem sind Juden wirklich ein Teil dieser Stadt. Und jeder New Yorker weiß, dass Freitagabend der Shabbat beginnt. Wer weiß das schon in Berlin oder London? Einmal saß ich Freitagabend in der New Yorker U-Bahn und unterhielt mich mit einem hispanischen Arbeiter. Und da fragte er mich doch glatt, ob ich auf dem Weg in die Synagoge sei, schließlich sei doch Freitagabend. In New York bin ich sehr entspannt, als Jude und als Israeli. In London habe ich dagegen manchmal vermieden zu erzählen woher ich komme. Aber in New York? Kein Problem.“

Assaf Gavron: Alles Paletti Aus dem Hebräischen von Barbara Linner 511 Seiten Luchterhand 2010 11,00 EURO

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