Totenmessen spielen in der Musikgeschichte eine grosse Rolle. Berühmt sind die Requiems von Mozart, Brahms, Verdi, Dvorak und Britten. Hier soll es jedoch um das «Antwerp Requiem» von 1650 des Komponisten Philippus van Steelant (1611–1670) gehen.
Schon die auf das 7. Jahrhundert zurück gehende Gregorianik kennt spezielle Gesänge für den Totenkult. Der Begriff Requiem für musikalische Kompositionen zum Totengedenken leitet sich ab von den Eingangsworten der Totenmesse «Requiem aeternam dona eis, Domine» (Ewige Ruhe schenke ihnen, o Herr).
Im Unterschied zu den eingangs genannten Werken finden sich im «Antwerp Requiem» von 1650 des Komponisten Philippus van Steelant (1611–1670) zusätzliche Texte, das heisst, eine Passage, die sich «Absolve» nennt.
Dieser Text lautet, hier aus dem Lateinischen übersetzt: «Befreie, Herr, die Seelen aller Verstorbenen von den Fesseln ihrer Sünden. Durch Deine anhaltende Gnade mögen sie würdig sein, der Strafe des letzten Gerichts zu entgehen und so teilzuhaben am Glück ewigen Lichtes.»
Die Beschäftigung mit dem Komponisten Philippus van Steelant ist auf jeden Fall eine Bereicherung für Musikliebhaber. Er war Organist und Komponist in der St. James Kirche in Antwerpen, in der damaligen Zeit eines der höchsten Ämter, die ein Musiker in Europa erlangen konnte. Heute ist sein Requiem sein in der weiten Welt bekanntestes Werk.
Hier wird es in zwei Varianten aufgeführt, eine aus dem Jahr 1650, eine aus dem Jahr 1656. Von 1656 stammt auch ein «Miserere mei Deus». Das sind die einzigen Werke, die heute von van Steelant erhältlich sind. Umso dankbarer ist man für diese Einspielung aus dem Jahr 2022, die bei Pentatone Music erschienen ist.
Orchester und Chor sind hervorragend solistisch besetzt. Das ergibt einen vollkommen anderen und sehr intimen Eindruck eines Requiems als wir es sonst in der westlichen Musik in Fassungen aus dem 18. bis 21. Jahrhundert kennen: gravitätisch und pompös-feierlich, wie es etwa in grosser Vollkommenheit in Verdis Requiem zum Ausdruck kommt.
Doch Trauer um die Toten hat auch intime Aspekte, hier geradezu in kammermusikalischer Gestaltung eingefangen, ohne Posaunen und Pauken, um die Schrecken des Jüngsten Gerichtes einzufangen, so berechtigt diese auch sein mögen. Man könnte dieses Requiem als eine meditative Variante des Gedenkens an die Verstorbenen bezeichnen. Umso dankbarer ist man dem Kirchenmusiker aus Antwerpen dafür, dass er uns erlaubt, ganz in uns zu gehen und im Tod vor allem Einsamkeit, Stille und ein Licht der anderen Art zu erleben.