Sollte Ali Khamenei amtsunfähig werden oder sterben, entstünde – zumindest theoretisch – ein kurzer Moment institutioneller Offenheit. Die Verfassung der Islamischen Republik sieht zwar die rasche Wahl eines Nachfolgers durch die 88-köpfige Expertenversammlung vor. Doch zwischen dem Ende einer Ära und der formellen Inthronisierung eines neuen Revolutionsführers läge ein Intervall, das politisch genutzt werden könnte: die Möglichkeit, die Position unbesetzt zu lassen – eine Sedisvakanz –, um eine strukturelle Reform des Systems überhaupt denkbar zu machen.
Mit der Wahl eines Nachfolgers würde die bestehende Konfliktordnung fortgeschrieben. Im Sommer 2025 soll Khamenei drei Namen als potenzielle Kandidaten verzeichnet haben. Eine solche Nachfolgeregelung würde die duale Ordnung der Islamischen Republik – das Nebeneinander von gewählten Organen und übergeordneter geistlicher Führungsinstanz – stabilisieren. Es sei denn, der Nachfolger erwiese sich als ein iranischer Gorbatschow, der die Logik des Systems von innen heraus infrage stellte.
Doch wahrscheinlicher erscheint ein anderes Szenario.
Der Statthalter
In den vergangenen Jahren hat sich Ali Larijani als eine Figur herauskristallisiert, der in Teilen der politischen Elite eine moderierende, zugleich machtpolitisch versierte Rolle zugetraut wird. Larijani, konservativ sozialisiert, aber pragmatisch agierend, könnte – so die Spekulation – als eine Art Statthalter fungieren: nicht als Revolutionsführer, sondern als starker Mann einer Übergangsordnung.
Eine solche Konstruktion liesse sich formal als Provisorium deklarieren, als notwendige Stabilisierung in unsicheren Zeiten. Das Versprechen lautete: In ruhigeren Jahren werde die alte Ordnung wiederhergestellt. Faktisch jedoch käme dies einer Revision der Machtarchitektur gleich.
Die bisherige Zwei-Säulen-Struktur – gewählte Republik hier, sakral überhöhte Führungsinstanz dort – würde einer hierarchischen Ein-Säulen-Ordnung weichen. Der Staat selbst würde zur letzten Quelle der Legitimität, religiös gerahmt, aber politisch zentralisiert. Das Corps der Islamischen Revolutionsgarden böte die exekutive Durchsetzungskraft. Entstehen könnte eine zivilmilitärische Staatsordnung mit religiöser Begründung.
Das Modell Atatürk?
Larijani könnte versucht sein, das Amt des Revolutionsführers – inzwischen von nicht wenigen als systemhemmend betrachtet – ganz abzuschaffen. Ein historisches Vorbild böte das Jahr 1924, als Mustafa Kemal Atatürk das Kalifat aufhob. Nicht das religiöse Prinzip wurde formal negiert, sondern seine institutionelle Verkörperung. Das Amt verschwand, die religiöse Legitimation ging im republikanischen Staat auf.
Ein ähnliches Argument liesse sich auch im Iran formulieren: Das Amt des Revolutionsführers habe seine historische Funktion erfüllt; die Prinzipien der Revolution seien inzwischen in den Institutionen des Staates selbst aufgehoben. Der Staat verkörpere nun die Beauftragung, die einst einer einzelnen geistlichen Figur übertragen war.
Ein solcher Schritt wäre jedoch kein blosser Verwaltungsakt. Er griffe tief in die religiös-ideologische Grundordnung ein.
Die soteriologische Republik
Ruhollah Khomeini hatte die Islamische Republik nicht als gewöhnlichen Staat konzipiert. In seiner Theorie der Velayat-e Faqih – der Herrschaft des Rechtsgelehrten – übernimmt der Klerus eine heilsgeschichtliche Aufgabe: Er soll eine Ordnung schaffen, die die Voraussetzungen für die Rückkehr des verborgenen zwölften Imams, des Mahdi, bereitet. Revolution war für Khomeini kein abgeschlossenes Ereignis, sondern ein permanenter Prozess mit eschatologischem Horizont.
Der Staat erhielt damit eine soteriologische Funktion. Er wurde Träger eines Heilsauftrags. Der Oberste Führer war die institutionelle Verdichtung dieser Beauftragung, die Verkörperung des religiösen Mandats.
Hier läge der neuralgische Punkt jeder Reform. Würde man argumentieren, dass der Staat selbst diese Beauftragung verkörpere, verlöre die sakrale Überfigur ihre Notwendigkeit. Doch zugleich verlöre die Ordnung ihre metaphysische Absicherung. Aus der transzendental begründeten Revolutionsrepublik würde ein religiös legitimierter Präsidialstaat.
Ironischerweise schlösse sich damit ein Kreis. Khomeini selbst hatte die Idee einer Nation mit religiösem Auftrag verbunden. Die iranische Nation sei historisch berufen, die Bedingungen für die Wiederkehr des Mahdi zu schaffen. Religiöse Normen galten ihm zugleich als nationale Symbole. Das Kopftuch erschien nicht nur als religiöse Pflicht, sondern als Zeichen nationaler Mission.
Krieg, Bewährung, Repression
Der irakische Angriff von 1980 und der achtjährige Krieg gegen Iran wurden zur Bewährungsprobe dieser Ideologie. Hunderttausende Opfer, eine militarisierte Gesellschaft, ein belagerter Staat – und am Ende das Überleben des Systems. Nach 1988 stabilisierte sich die Republik in einer Phase sozialer und politischer Rekonstruktion. Das Regime deutete diese Kontinuität als Bestätigung seines Auftrags.
Daraus leitete es eine harte Repressionspolitik ab. Innere Gegner galten nicht nur als politische Dissidenten, sondern als Verderber der religiösen und nationalen Ordnung. Besonders in den Jahren 1988 bis 1991 erreichte die Verfolgung politischer Gegner eine Intensität, die bis heute das kollektive Gedächtnis belastet.
Revolution, Nation und Heil verschmolzen zu einer ideologischen Totalität.
Die Krise der Gegenwart
Heute jedoch steht das System vor einer multiplen Krise: wirtschaftliche Stagnation, internationale Isolation, soziale Erosion und wachsender Legitimationsverlust setzen die politische Elite unter Druck. Das bisherige Modell erzeugt keine stabilen Lösungen mehr.
Die Nomenklatura, Teile der Traditionseliten und Netzwerke der Revolutionsgarden wissen: Ohne Transformation sinken die Überlebenschancen des Systems. Doch jede Transformation berührt die religiös-ideologische Grundarchitektur.
Offenbar traut man Figuren wie Ali Larijani die Quadratur des Kreises zu: Reform ohne Revolution, Machtumbau ohne Kontrollverlust, ideologische Entkernung ohne offenen Bruch.
Kontinuität statt Zäsur? Das restaurative Szenario
Doch was, wenn es gar nicht erst zu einem institutionellen Zwischenraum käme? Wenn die Expertenversammlung rasch handelte und im Sinne eines „Der Revolutionsführer ist tot, es lebe der Revolutionsführer“ einen Kandidaten aus dem innersten Machtzirkel bestimmte?
Ein naheliegender Name ist Sadegh Amoli Larijani, Mitglied des Wächterrat und ehemaliger Justizchef. Er steht für die klerikale Kontinuität des Systems – im Unterschied zu seinem Bruder Ali, der als politischer Machttechniker eher für eine strukturelle Verschiebung stünde. Sadegh Larijani gilt als prinzipientreuer Rechtsgelehrter; seine Wahl würde das bestehende Modell bestätigen, nicht transformieren. Zugleich ist seine Amtszeit von massiven Vorwürfen der Menschenrechtsverletzung überschattet – eine Entscheidung für ihn wäre ein klares Signal der Beharrung.
Noch sensibler wäre ein Szenario um Mojtaba Khamenei. Ohne offizielles Amt, aber mit erheblichem Einfluss auf Sicherheitsapparate, gilt er als Scharnierfigur zwischen Führungsbüro und militärischen Netzwerken. Eine dynastische Anmutung der Nachfolge stünde jedoch im Spannungsverhältnis zu den republikanischen Ursprungsversprechen der Revolution.
Auch Ideologen wie Mohammad Mehdi Mirbagheri oder Kleriker wie Hassan Khomeini werden genannt. Ihre Wahl würde unterschiedliche Akzente setzen – ideologische Zuspitzung hier, symbolische Rückbindung an das Gründungsnarrativ dort –, doch die institutionelle Architektur bliebe unangetastet.
Entscheidung ohne Entscheidung?
Ob Sedisvakanz oder schnelle Kür, ob Statthaltermodell oder restaurative Nachfolge – alle Szenarien kreisen um dieselbe Frage: Wer kontrolliert den Moment des Übergangs?
Die Idee eines machtbewussten Übergangsarchitekten zielte auf Transformation zur Sicherung. Das restaurative Szenario hingegen verspricht Stabilität durch Wiederholung. Doch auch scheinbare Kontinuität ist nie blosse Wiederkehr. Jeder neue Führer verschiebt Machtachsen, stärkt oder schwächt Institutionen, verändert Ton und Reichweite der Ideologie.
Die Islamische Republik steht daher weniger vor einer Entscheidung zwischen Bruch und Kontinuität als vor einer Entscheidung über die Form ihrer Selbstfortsetzung. Der Übergang nach Khamenei wird nicht klären, ob das System sich verändert – sondern wie offen, wie tiefgreifend und wie sichtbar diese Veränderung geschieht.
Die Sedisvakanz wäre nur ein technisches Intervall. Die eigentliche Leerstelle liegt im schwindenden Gleichgewicht zwischen religiöser Heilsordnung, nationaler Mission und gesellschaftlicher Realität.
Vielleicht besteht die grösste Konstante dieser Republik nicht in ideologischer Starrheit, sondern in ihrer Fähigkeit zur kontrollierten Metamorphose. Nicht die Revolution endet – sie passt ihre Form der Machtsicherung an.