In locker gefügten Szenen verfolgt Christian Haller in seiner Novelle «Einfallende Dämmerung» einen angesehenen Wissenschaftler beim Älterwerden. Und zeigt: Das Alter ist nicht nur gesundheitlich, sondern auch psychisch eine grosse Herausforderung. Die anzunehmen sich aber sehr lohnt.
Zu seinem achtzigsten Geburtstag hat seine Pariser Freundin Madeleine dem Mikrobiologen Paul Bálint eine schöne Überraschung bereitet. Sie hat Freunde und enge Wegbegleiter zu einem Abendessen in ein altes, nicht allzu grosses Bistro eingeladen. Bálint ist glücklich, gekommen ist auch Martha Herschova von der California University – eine Koryphäe seines Fachs, die schon bald zum Mittelpunkt der Diskussionen wird. Er sei stolz, noch immer der Forschungscommunity anzugehören, sagt Bálint: «Ihr seid meine Familie.»
Doch in seinem Innern spürt er etwas anderes, und das breitet Christian Haller in seiner Novelle «Einfallende Dämmerung» nun in lose gefügten, wunderbar knapp gehaltenen Szenen vor seinen Leserinnen und Lesern aus: Er spürt, dass er nicht mehr dazu gehört. Dass er, bei allem Ehrgeiz, der ihn immer noch beseelt, ein Mann von gestern ist. Er, ein Weltbürger mit beruflichen Stationen in Basel, Paris, London, Berkeley, hat keinen Anschluss mehr. Die Geburtstagsfeier macht ihm den Abschied erst richtig bewusst. Er ist nur noch eine Erinnerung, «gut und ehrenwert, doch längst vergangen». Dabei hat er doch vor seiner Reise nach Paris «geglaubt, es sei nur eine Zahl, die sich änderte» mit dem Geburtstag.
«Im Museum der eigenen Biografie»
In der Krise, in die Paul Bálint mit seiner Pensionierung langsam gerutscht ist, hat sich nicht nur seine Frau Carla nach fast fünfzigjähriger Beziehung überraschend von ihm getrennt. Sie hat sich verliebt, unglücklich, wie sich bald zeigt, und nimmt sich deshalb auch das Leben. Kinder hat das Paar nicht, also auch keine Enkel. Was soll dieser Paul Bálint nun mit seinen leer gewordenen Tagen anfangen? Genussvoll flaniert er zunächst herum, beobachtet die Natur und die Menschen, fotografiert, was ihm auffällt, und kommentiert es mit kurzen Sätzen. Schaut zurück, reist sogar nach Siebenbürgen, der Heimat seiner Vorfahren, und findet dort nichts, was ihn berührt. Es kommt ihm vor, «als sässe er im Museum der eigenen Biografie», in dem vieles ihn schmerzlich an Carla erinnert. Kann es da noch Gegenwart, ja Zukunft geben?
Er sucht Rat beim 59-jährigen Steinberg, einem Therapeuten, der im weiteren Verlauf der Erzählung mehr und mehr zum Freund wird – der dann mit seiner eigenen Pensionierung das ebenfalls erlebt, wovon er zuvor seinem Patienten erzählt hat. Steinberg erklärt, dass es im Haus des Alters zwei Kammern gebe: die Kammer des jungen Alters und die Kammer des alten Alters. «Beide sind verschieden eingerichtet und haben durch ihre Fenster eine andere Aussicht auf das noch unbekannte Land künftiger Jahre», lässt Christian Haller ihn mit der für ihn typischen, von einer schlichten Prägnanz geprägten Sprache reden.
Mit der Pensionierung sei er mit Sack und Pack in die Kammer des jungen Alters getreten, führt Steinberg weiter aus. Im Vordergrund lärme eine «Vergnügungs- und Ablenkungsindustrie», die ihre Klientel mit lauter «du sollst» bewerbe: Du sollst reisen, dich bewegen, meditieren, mobil bleiben, den Herzmuskel trainieren und fünftausend Schritte am Tag gehen. Das Paradoxe aber sei, «dass diese ganze Industrie mit ihren Forderungen von ‘du musst’ und ‘du solltest’ auf ein vergittertes Fenster hinweist, das es im Haus auch gibt.» Der Blick durch dessen Gitterstäbe aber gehe «in eine Gruft, von wo ein kalter Anhauch Vergänglichkeit hereinweht».
Am Ort, wo die Toten sind
Das junge und das alte Alter – Bálint beobachtet diese beiden Phasen jetzt mit geradezu wissenschaftlicher Akribie, was ein wenig künstlich wirkt, etwa wenn er eine Liste anlegt mit den Merkmalen der beiden Phasen. Aber vielleicht ist es seine Methode, ein sich allmählich auflösendes Leben nach aussen hin und auch vor sich selbst noch beisammenzuhalten. Warum hat Carla ihn verlassen, fragt er sich an quälend ereignislosen Tagen. Hat sie nichts Neues mehr von ihm erwartet? Er geht eine lose Bekanntschaft ein mit einer jüngeren Musikerin, später dann mit Seraina, einer Studentin, die in den Semesterferien als Bedienung arbeitet. Seraina, die ihn stark an Carla erinnert, erzählt er sogar von jenen Träumen, die er seinem Freund Steinberg vorenthält. Sie führen auf schmalen Pfaden über schwindelnde Tiefen – und an den Ort, wo er die Toten trifft: die Mutter, den Vater, den Bruder. Und Carla.
Es ist ein Ton schicksalsergebener Gelassenheit, der Christian Hallers Novelle «Einfallende Dämmerung» durchwirkt. Deren Lektüre ist zugleich tröstlich und schmerzlich. Der Mikrobiologe Paul Bálint weiss: Alles, was entsteht, wird auch wieder zugrunde gehen. Wir sind alle nur flüchtige Schatten auf dieser Erde.
Christian Haller: Einfallende Dämmerung, Luchterhand Verlag, München 2026, 140 Seiten