Die Ukraine wehrt sich schon vier Jahre gegen den russischen Angriffskrieg. Kraft schöpfen die Menschen aus der Geschichte und aus Gedichten von Taras Schewtschenko. Ein Gastbeitrag von Martin Bornhauser.
Die Menschen in der Ukraine leiden. Täglich fällt stundenlang der Strom aus und viele Wohnungen und Häuser sind nicht geheizt. Dazu kommen die zur Gewohnheit gewordenen, oft tödlichen Raketen- und Drohnenangriffe der Russen, die in der Ukraine nur noch die Raschisten genannt werden. Trotz des Leids kämpfen die Ukrainer weiter. Woher kommen dieser Durchhaltewillen und diese Stärke, die andere Länder wohl nicht hätten?
Blutige Katastrophen im 20. Jahrhundert
Die traurige, vordergründige Antwort: Die Ukraine, die Kornkammer Europas, erlebt nicht zum ersten Mal, dass sie jemand angreift. Das fruchtbare Land und die schwarze Erde haben immer wieder Eroberungsgelüste anderer Länder geweckt. Insbesondere Russland hat die Ukraine über Jahrhunderte unterdrückt.1932/1933 liess Stalin durch die Zwangskollektivisierung der Landwirtschaft um die vier Millionen Menschen in der Ukraine verhungern. Diese Katastrophe wird heute in der Ukraine als Holodomor bezeichnet, abgeleitet vom Wort Holod (Hunger). Beim Einmarsch der Hitler-Armeen während der Zweiten Weltkrieges war die Ukraine ein Hauptschauplatz der Zerstörung, des Tötens und der Unterdrückung. Und heute herrschen in den von Russland seit 2014 besetzten Gebieten der Ostukraine Gulag-ähnliche Zustände wie zu Zeiten der Sowjetunion. Die Ukrainerinnen kennen die brutale russische Herrschaft und wissen, wie es ist, in Unfreiheit unter dem russischen Joch zu leben.
Kosakische Traditionen
Der Wille, für Freiheit und Selbstbestimmung zu kämpfen, gründet auch darin, dass die Ukraine in ihrer Geschichte Erfahrungen mit demokratischen Strukturen machte: Im 17. Jahrhundert schufen die Kosaken auf dem Gebiet der Ukraine einen Staat, dessen Chef an einer Versammlung der Kosaken gewählt wurde. Diese konnte ihn bei Unzufriedenheit auch wieder abwählen. Und zu Beginn des 18. Jahrhunderts entwarf der Anführer der (Saporoscher) Kosaken – Pylyp Orlyk – eine liberale Verfassung, die die Gewaltenteilung und einen Rechtsstaat postulierte. Der Kosakenstaat hatte jedoch wegen kriegerischer Auseinandersetzungen keine Zukunft, leider eine typische Erfahrung der Ukraine. Trotzdem spielt diese liberale Tradition auch heute noch eine Rolle, und die Kosaken-Vergangenheit ist noch gegenwärtig: In der Nationalhymne wird besungen, dass die Ukrainer zum Kosakengeschlecht gehören.
Spuren gleichberechtigten Zusammenlebens finden sich auf dem Gebiet der Ukraine zudem noch viel früher: Vor knapp 7000 Jahren befand sich in dieser Gegend die älteste neolithische Stadt mit schätzungsweise 15'000 Einwohnern, in der die Menschen offenbar selbstbestimmt und ohne Hierarchien, Stadtmauern und Tempel lebten, wie jüngste Ausgrabungen ergaben.
Schewtschenkos Gedichte formen die nationale Identität
Russland versuchte über Jahrhunderte hinweg systematisch, die ukrainische Kultur nicht nur zu unterdrücken, sondern zu zerstören: 1876 verhängte Zar Alexander II. ein Verbot, ukrainische Texte zu veröffentlichen und an Schulen, in Verwaltungen und an Gerichten ukrainisch zu sprechen. Wenn die russischen Machthaber ukrainisch einmal erlaubten oder gar förderten wie in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts zu Beginn der Sowjetunion, war dies eine Ausnahme und geschah aus reinem Opportunismus. Gemäss sowjetkommunistischer Theorie war zur Modernisierung eine Phase des «Nationalismus» und des Kapitalismus nötig. Diese würde dann überwunden und die ukrainische wie auch andere Sowjetrepubliken gingen – so die marxistische Vorstellung – in der Sowjetunion auf. Unter Stalin wurde das Ukrainische jedoch bald wieder zurückgedrängt und die Russifizierung setzte sich fort wie im Zarenreich.
Die Ukraine zeigte sich jedoch widerstandsfähig. Das lag und liegt massgeblich an Taras Schewtschenko, dem ukrainischen Nationaldichter. Er drückte in seinen Gedichten und Liedern das Leiden der ukrainischen Bevölkerung aus, versprach aber auch Hoffnung. Schewtschenkos Werk steht beispielhaft für das Schicksal der Ukraine und für die Widerstandskraft. Insbesondere sein 1840 veröffentlichtes Werk «Kobsar» stiess in der Ukraine auf grossen Anklang. Schewtschenko beschrieb darin in Form von Gedichten die menschlichen Schicksale in der Ukraine, die Schönheit der Natur und das insbesondere durch die russische imperiale Herrschaft erlittene Leid.
«Schüttelt ab die Fesseln und verbrüdert euch!»
Viele Ukrainerinnen sahen und sehen sich selbst und ihre Erfahrungen in seinen Gedichten. Schewtschenko erzählte jedoch nicht nur Geschichten, sondern rief dazu auf, Widerstand zu leisten und sich gegen die russische Tyrannei zu erheben. So ermunterte er, dessen Eltern wie die meisten Ukrainer Leibeigene waren, dazu, sich gegen die Sklaverei zu wehren. Schewtschenko verachtete das Verhalten der ukrainischen Eliten, die sich von Russland kaufen liessen und sich so an der russischen Gewaltherrschaft beteiligten. 1845 schrieb er an seine Landsleute: «Schüttelt ab die Fesseln und verbrüdert euch! Nur im eigenen Hause ist eigene Rechtlichkeit und Kraft und Freiheit! (...) Und die verflossenen schändlichen Zeiten werden vergessen sein und der gute Ruf, der Ruhm der Ukraine, wird neu erstehen!»
Das imperialistische Russland, das keine unabhängige Ukraine duldete, sah in solchen Äusserungen seiner Natur gemäss eine Gefahr. Und so liess der Zar Schewtschenko 1847 verhaften. Er verbrachte zehn Jahre in der Verbannung in Orenburg am Aralsee und am Kaspischen Meer. Nach seiner Entlassung vier Jahre später starb er, gezeichnet und gebrochen. Doch die ukrainische Tradition, Lieder und Gedichte (auch mündlich) von Generation zu Generation weiterzugeben, sorgte dafür, dass er in den Köpfen der Ukrainerinnen und Ukrainer weiterlebte und weiterlebt. Und mit ihm der Wille, für die eigene Freiheit zu kämpfen.