Arztpraxen sind heute digitalisiert. Doch die gängigen Systeme decken den Bedarf an elektronischer Unterstützung nur unzureichend ab. – Der Allgemeinmediziner Emil Schalch lenkt in seinem Gastbeitrag das Augenmerk auf die Steuerung der ärztlichen Versorgung.
Die Schweiz hat eines der teuersten Gesundheitssysteme der Welt. Um die ständig wachsenden Kosten in den Griff zu bekommen, diskutieren wir über Tarife, Prämien, Spitalplanung und neue Vergütungsmodelle. Was in diesen Debatten erstaunlich selten vorkommt, ist eine strukturelle Frage: Ist die digitale Infrastruktur unserer Arztpraxen überhaupt auf die heutige Versorgungsrealität ausgelegt?
Auf den ersten Blick scheint die Antwort klar. Fast alle Praxen arbeiten elektronisch. Befunde werden gespeichert, Medikamente dokumentiert, Rechnungen digital erstellt. Das Papier ist verschwunden. Doch genau hier liegt das Missverständnis: Digitalisierung bedeutet nicht automatisch Versorgungssteuerung.
Dokumentation ist nicht Versorgungssteuerung
Moderne Grundversorgung besteht heute zu einem grossen Teil aus der Betreuung chronisch kranker, multimorbider Patientinnen und Patienten. Die Behandlungen von Diabetes, Herzinsuffizienz, COPD oder Polypharmazie sind keine Einzelereignisse. Sie verlangen Verlaufskontrolle, Fristen, Nachverfolgung und klare Zuständigkeiten.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht mehr: Wurde etwas dokumentiert? Zu fragen ist vielmehr: Ist das Richtige zur richtigen Zeit passiert – und wurde es überprüft?
Viele Praxisinformationssysteme sind von ihrer Entstehung her um die einzelne Konsultation herum gebaut. Sie speichern, was geschah. Sie prüfen jedoch nicht systemisch, was hätte geschehen sollen.
Ein Beispiel: Eine Diabetikerin sollte alle sechs Monate einen HbA1c-Wert bestimmen lassen. Das Resultat liegt in der elektronischen Akte. Doch erkennt das System automatisch, wenn diese Kontrolle überfällig ist? Wird jemand verbindlich für zuständig erklärt? Gibt es eine Eskalation, falls nichts geschieht?
Oft ist genau dies nicht der Fall. Die Information ist zwar im System vorhanden. Doch die Steuerungslogik für die daraus resultierenden Konsequenzen fehlt.
Teure Nicht-Steuerung
Das Problem ist nicht theoretisch. Die fehlende Register- und Fristenlogik führt in der Praxis zu verspäteten Kontrollen, Doppeluntersuchungen, unnötigen Konsultationen und im schlimmsten Fall zu vermeidbaren Komplikationen. Und mit Blick auf die Kostenproblematik ist festzuhalten: Reaktive Medizin ist teurer als gesteuerte Medizin.
Gleichzeitig klagen wir über Fachkräftemangel. Doch wir verlangen von Ärztinnen, Ärzten und Praxisteams, Fristen im Kopf zu behalten, offene Befunde manuell herauszusuchen und Prozessketten ohne digitale Unterstützung zu organisieren. Das Gedächtnis muss die Mängel des elektronischen Praxissystems wettmachen, und Improvisation muss das leisten, was in der Architektur dieses Systems angelegt sein müsste. Dieser Zustand ist weder effizient noch praxistauglich.
Delegation braucht digitale Transparent
Moderne Praxen arbeiten interprofessionell. Medizinische Praxiskoordinatorinnen, MPAs und Ärztinnen teilen sich in den vielfältigen Aufgaben. Delegation ist notwendig – gerade unter Ressourcenknappheit.
Doch Delegation ohne digitale Transparenz erzeugt Risiken. Wer trägt die Verantwortung, wenn ein abnormaler Befund nicht nachverfolgt wird? Wie wird nachgewiesen, dass Prozesse konsistent eingehalten wurden?
Eine offene Aufgabenliste genügt nicht. Patientensicherheit verlangt geschlossene digitale Workflows mit klaren Zuständigkeiten, definierten Fristen, automatischer Anzeige von Überfälligkeit und dokumentierter Eskalation. Das sind keine Komfortfunktionen. Das ist Governance.
Politische Reformen brauchen Grundlagen
Gleichzeitig diskutiert die Politik neue Vergütungsmodelle für Chronikerpauschalen, Qualitätsanreize, strukturierte Versorgung. Doch solche Modelle setzen voraus, dass Patientenkohorten eindeutig identifizierbar sind, Zeitfenster überprüfbar bleiben und Indikatoren verlässlich gemessen werden können.
Ohne digitale Register- und Workflow-Logik werden Qualitätsmodelle entweder bürokratisch oder intransparent. Es ist widersprüchlich, Qualitätsnachweise zu verlangen, ohne die digitale Mindestarchitektur dafür verbindlich zu machen.
Die Digitalisierung der Grundversorgung darf sich nicht auf eine elektronische Ablage beschränken. Sie muss die Steuerung der ärztlichen Versorgung ermöglichen. Das erfordert:
- Systeme, die automatisch erkennen, wer überfällig ist
- Systeme, die Aufgaben verbindlich zuweisen
- Systeme, die Eskalationen dokumentieren
- Systeme, die Qualität über Zeit sichtbar machen
Solange Praxissoftware primär dokumentiert statt steuert, bleibt die integrierte Versorgung ein Zusatzaufwand der engagierten Teams.
Die Zukunft der Grundversorgung entscheidet sich nicht nur in Tarifverhandlungen oder politischen Programmen. Sie entscheidet sich im digitalen Fundament unserer Praxen.
Und darüber reden wir noch viel zu wenig.