Der Zeichenstift der Kamera

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Der Zeichenstift der Kamera

Von Stephan Wehowsky, 26.10.2013

Mit ihrer Kamera wurde Barbara Klemm zur Chronistin der Nachkriegszeit in und um Deutschland. Sie zeigt eine neue Auswahl ihrer Bilder in Berlin. Der Katalog ist jetzt schon ein Standardwerk.

Da gefriert das Blut in den Adern: Der Diktator Augusto Pinochet. Er schaut in die Richtung Barbara Klemms, durch ihre Kamera hindurch - direkt auf die Fotografin.

In diesem Blick liegt die Drohung: „Warte nur. Ich habe Dich durchschaut.“ Der Diktatur sitzt zwischen seiner Frau mit ihrer schimmernden doppelten Perlenkette und einem Militär. Sein Blick, in seinem ruhigen, kalten Hass geradezu intim, enthüllt die ganze Schutzlosigkeit der Fotografin Barbara Klemm mit ihrer kleinen, unscheinbaren Kamera. 

Augusto Pinochet, Santiago de Chile, 1986 © Barbara Klemm
Augusto Pinochet, Santiago de Chile, 1986 © Barbara Klemm

Und selbst dieses Schreckensbild lebt von der bezwingenden Symmetrie Barbara Klemms, dem Bildaufbau, der in sich ruht wie eine sehr gute Erzählung. Man spürt es geradezu: Sie ist da, erfasst die Situation, baut sie mit ihrer Kamera zum gültigen Ausdruck; der Diktator begreift. Und dann ein fast unhörbarer Klick.

"Bilder und Zeiten"

Die Auswahl der Bilder Barbara Klemms im Berliner Martin-Gropius-Bau umspannt die Jahre von 1968 bis 2013. Die Kapitel des Katalogs sind nach Themen und Regionen geordnet. Statt der üblichen Kapitelüberschriften hat Barbara Klemm entsprechende Seiten aus „Bilder und Zeiten“ reproduziert. Diese Tiefdruckbeilage der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die Ende 2001 eingestellt wurde, gehört ganz sicher zum Besten, was die Deutsche Publizistik nach dem Zweiten Weltkrieg hervorgebracht hat. Themenwahl, Autoren, die klassische Gestaltung, die Bilder – überwiegend von Barbara Klemm und Wolfgang Haut – schufen eine publizistische Ausdruckskraft, die man heute schmerzlich vermisst.

Barbara Klemm setzt mit ihrem Bildband der Tiefdruckbeilage „Bilder und Zeiten“ ein Denkmal. Und gleichzeitig wird noch einmal die eminent politische Fotografin sichtbar, die Porträtistin und Ästhetin. Sie ist alles zusammen. Nie ging sie ohne gründliche Vorbereitung an Ihre Arbeit. Vieles dürfte sie sich in den Gesprächen mit ihrem Ehemann, dem Psychoanalytiker Leo Hilbert, erarbeitet haben. Ihre Porträts und ihre – im buchstäblichen Sinne - „Momentaufnahmen“ von politischen Ereignissen oder Menschen auf der Strasse enthalten eine Tiefendimension, die nur der wissende Blick offenbaren kann.

Leipzig 1970 © Barbara Klemm
Leipzig 1970 © Barbara Klemm

Und so ist der Bildband auch ein Geschichtsbuch. Er erzählt die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, wie sie sich auf der Strasse, in sozialen Einrichtungen und auf der Bühne der grossen Politik zeigte. Und er erzählt aus anderen Ländern und Kontinenten, ganz so, wie die Themen damals in „Bilder und Zeiten“ und auf anderen Seiten der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, für die Barbara Klemm von 1970 bis 2005 als Redaktionsfotografin tätig war, erschienen. Barbara Klemm hat mit unglaublicher Energie und Zähigkeit zahllose Reisen unternommen.

Als die Mauer fiel, stellte sie in der Redaktion in Frankfurt nicht erst einen Reiseantrag, bevor sie nach Berlin fuhr. Dort war sie zu jener Zeit mitten unter den Demonstranten, an erhöhten Punkten, oder sie beobachtete Grossereignisse wie den Auftritt von Helmut Kohl - zusammen mit anderen Spitzenpolitikern - am Tag der deutschen Vereinigung in Berlin am 3. Oktober 1990.

Der Zeichenstift

Eine Auswahl von Bildern wie die von Barbara Klemm sieht man heute mit anderen Augen als noch vor zehn oder fünfzehn Jahren. Denn die Dominanz der digitalen Fotografie hat unsere Sehgewohnheiten verändert. Nicht nur, dass heute Farbbilder die Norm sind, während Barbara Klemm nach wie vor ausschliesslich schwarzweiss fotografiert. Es geht noch um etwas anderes:

Die analoge Fotografie ist gegenüber der Digitaltechnik wie ein Zeichenstift. Ein Film hat 36 Aufnahmen, die Empfindlichkeit, einmal gewählt, muss für den jeweiligen Film beibehalten werden. Barbara Klemm fotografiert meistens mit einer Leica der M-Reihe und einer analogen Spiegelreflex. Besonders die Leica ist zierlich, vergleichsweise leicht. Die Einstellungen erfolgen manuell. Und man kann nicht gleich auf einem Display sehen, wie die Aufnahmen in etwa geworden sind.

San Francisco, USA, 2004 © Barbara Klemm
San Francisco, USA, 2004 © Barbara Klemm

Dazu kommt das Bildformat: 24 x 36 mm. Barbara Klemm verwendet grundsätzlich die ganzen Bilder, also nicht einfach nur Ausschnitte, wenn die irgendwie beeindruckender aussehen. Diese Beschränkung der Mittel zwingt sie zu einer Konzentration, die die fehlerfreundlichere digitale Fotografie nicht in diesem Masse erfordert. Dazu kommt noch, dass die heutigen professionellen Kameras mit ihren hoch auflösenden Sensoren und den exorbitanten Empfindlichkeiten alle Grenzen mühelos überwinden, die der herkömmlichen Fotografie gezogen sind.

Aber gerade diese Grenzen, die bei manchen Bildern spürbar sind, steigern die Ausdruckskraft. Der hasserfüllte Blick des Augusto Pinochet wäre mit einer höheren Auflösung und in Farbe nie so hervorgetreten wie in dem Schwarzweissbild, in dem die Atmosphäre der Angst und Unsicherheit nachzittert. Es ist wie eine von Hand geschriebene Mitteilung, die noch anderes enthält als ein digital erzeugter Text.

Die grosse Sorgfalt

Zur Handschrift Barbara Klemms gehört auch, dass sie alle ihre Bilder selbst auf Barytpapier vergrössert. Dieses Papier hat einen speziellen Tonumfang, der sich im Druck nur mit grosser Sorgfalt nachvollziehen lässt. Referenz dafür ist wiederum die ehemaligen Tiefdruckbeilage „Bilder und Zeiten“ der FAZ, von der man sagte, dass sie das genuine Druckmedium für Barbara Klemm war. Der Bildband besticht ebenfalls durch seine vorzügliche Druckqualität.

Mit ihrer Kamera hat Barbara Klemm die Geschichte Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg beschrieben. Der erläuternde Text von Michael Koetzle führt schön in die Arbeitsweise Barbara Klemms ein und schildert, wie sie auch darum kämpfen musste, um ihre Sichtweise zu behaupten. Der Lyriker Durs Grünbein knüpft daran eine Reihe von Spekulationen. Schon jetzt ist dieser Band ein Standardwerk im besten Sinne.

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Barbara Klemm, Fotografien 1968 – 2013. Mit Texten von Durs Grünbein und Michael Koetzle, Nimbus. Kunst und Bücher AG, 2013

Ausstellung im Martin-Gropius-Bau, Berlin, vom 16. 11. 2013 - 9. 3. 2014

Kommentare

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Beeindruckende Aufnahmen einer ebenso beeindruckenden Frau.
Es läuft einem kalt den Rücken runter beim Blick des Generals!
Herzlichen Dank für diese zwei Berichterstattungen...cathari

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