Der Verlauf des Bösen

Stephan Wehowsky's picture

Der Verlauf des Bösen

Von Stephan Wehowsky, 28.02.2020

Ein Rätsel des Bösen besteht darin, dass wieder und wieder von ihm erzählt werden muss. Man starrt es an, ohne es je ganz zu begreifen.

Das Unheimliche liegt dabei in der Unmerklichkeit, mit der es beginnt. Und diejenigen, die sich davon mitreissen lassen und seinen Lauf beschleunigen, unterscheiden sich nicht wie Schwarz und Weiss von den anderen. Es ist eine Gemengelage. Grau in Grau. Dann aber entstehen Kontraste. Davon handelt der Roman von Bernt Spiegel.

Gegensätze

Bernt Spiegel hat in seinem ausgreifenden Panorama, das sich vom Ende des Ersten Weltkriegs bis in die ersten Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland erstreckt, seine eigenen Erfahrungen in der Gestalt ganz verschiedener Personen wiedergegeben. Spiegel selbst ist Jahrgang 1926. Sein Vater war ein angesehener Arzt, der zum Nationalsozialismus Distanz hielt. Bernt Spiegel aber kam aufgrund seiner Jugend in die Mühlen des Krieges.

Sein Roman heisst „Milchbrüder, Beide“. Diese Milchbrüder bleiben innerlich zeitlebens verbunden. Aber charakterlich unterscheiden sie sich mehr und mehr. Ludwig wird zu einem glühenden Nationalsozialisten und Viktor zu einem begeisterten und begnadeten Piloten, der an der Front allerdings feststellen muss, dass er aus einer inneren Hemmung heraus nicht fähig ist, auf feindliche Flugzeuge zu schiessen: "Nicht, dass er nicht hätte schiessen können – nur, er zögerte eben im entscheidenden Augenblick, und wenn er einmal am Zögern war, dann zögerte er zu lange. Man konnte auch sagen, wenn er einmal zögerte, konnte er sich nicht mehr lösen vom Zögern."

Bienchen

Spiegel beschreibt zahlreiche andere Personen: die Eltern der beiden, Freunde, Bekannte und natürlich im weiteren Verlauf Nationalsozialisten und Militärs. Es gelingt ihm dabei, den Personenkreis nicht zu gross werden zu lassen. So kann man die meisten über mehrere Stationen verfolgen. Und Spiegel taucht in jeden buchstäblich ein. Er lässt jeden so reden, wie er damals geredet hat. Man hört also die Originaltöne von SA- und SS-Leuten, Polizisten, von Militärs, von Technikern und Verwaltern. Ohne den Kontext könnte manches wie NS-Propaganda klingen. Aber bei allem Bemühen um Authentizität gelingt es Spiegel nie ganz, seinen Abscheu zu verbergen. Irgendwie schimmert der wieder und wieder zwischen den Zeilen durch. Jonathan Littell hat mit seinem Bestseller, "Die Wohlgesinnten", seinen Lesern weitaus mehr zugemutet.

Und beim Schreiben des Romans hat sich offensichtlich noch eine andere Dynamik ergeben. Zwar sind die Milchbrüder vom Konzept her die Leitfiguren, aber die Hauptperson ist Sabine Strauss. Sie gehört der gleichen Generation wie Ludwig und Viktor und ihrem Freundeskreis an. Sie ist eine hochbegabte Violinistin und sie hat ein heissgeliebtes Instrument, eine Guarneri. Diese Guarneri wird in der Reichspogromnacht im November 1938 von einem SA-Mann zertrümmert, nachdem ein Junge aus dem Bekanntenkreis ihrer Familie den NS-Schergen den Zugang zum elterlichen Haus gewiesen hat.

Der rote Faden

Die Geschichte von Sabine und der Guarneri ist der eigentliche rote Faden des Romans. Nicht nur, weil ihre Geschichte als jüdische Verfolgte des Nazi-Regimes an sich schon voller Spannung ist, sondern auch, weil Spiegel sie mit geradezu väterlicher Liebe schildert. Ausser zu Viktor hat er zu keiner anderen Romanfigur eine derartig enge Beziehung. Mit Sabine oder „Bienchen“ kann er erzählen, was es damals hiess, knapp dem Konzentrationslager zu entgehen, weil es ein „Häftlingsorchester“ gab.Und dann erzählt er, wie sich Bienchen erst vor den Nazis und dann vor den Russen in Wien versteckte, um schliesslich in das völlig zerstörte Deutschland zurückzukehren.

Und die Guarneri wird zu einem einprägsamen Bild: Zwar gelingt es einem Meister seines Fachs, sie wieder zusammenzusetzen, und sie sieht aus wie vorher, aber ihr Klang ist nicht derselbe wie vorher. Nicht schlechter, aber anders. Sabine beschliesst daraufhin, keine öffentlichen Konzerte mehr zu geben.

Viktor

Die zweite Person, der Spiegel ersichtlich nahe steht, ist Viktor, der Pilot. Denn sie eröffnet Spiegel die Möglichkeit, seine eigene Begeisterung für die Technik der Flugzeuge und das Fliegen auszuleben. Das hat für den Leser immense Vorteile. Denn er wird selten einmal derartig genaue Beschreibungen der damaligen Entwicklungen der Kampfflugzeuge und ihrer Einsätze finden. Dabei ergibt sich ein besonderer Effekt: Die damaligen Kampfpiloten und ihre Einsatzleiter waren keine besonders bösen Menschen, sondern sie gehorchten der Logik der Technik – und ihrem Jagdtrieb, der Viktor fremd war. An einer Stelle schildert Spiegel einen Feldwebel, der genüsslich davon erzählt, wie er einen Flüchtlingstreck beschossen hat. Das erinnert an Protokolle, die Harald Welzer zusammen mit Sönke Neitze in seinen Buch „Soldaten“ veröffentlicht hat.

Vom Beginn seines Romans an beschreibt Spiegel unglaublich viele Details des täglichen Lebens und der Technik, zum Beispiel der Autos. Manches erscheint zu weitschweifig, aber meistens stellt sich heraus, dass diese Details für das weitere Verständnis von Verhaltensweisen oder Vorlieben wichtig sind. Spiegel macht eben den Versuch, den Verästelungen der menschlichen Seele zu folgen. Und dazu gehören die Sachen ebenso wie die Geschichten.

Schuld

Aber die Kernfrage des Romans ist die nach der Schuld. Die grosse Abrechnung erfolgt am Schluss. Da gibt es nach dem Krieg eine Abendeinladung des „Konsuls“. Konsul Zabener ist der Vater von Viktor, und er hat in sich immer einen Gegenspieler zum Nationalsozialismus gesehen. Sein Chauffeur war übrigens der Vater von Ludwig, der Milchbruder von Viktor. Der Konsul wirft die Frage auf, wie es denn um die Mitwisserschaft stehe. Schliesslich beteuerten jetzt alle Deutschen, dass sie nie etwas von den Untaten der NS-Zeit gewusst hätten. Und Nazis waren sie schon gar nicht.

Daraufhin macht ein Gast folgende Rechnung auf: Die Hetze gegen die Juden war allen bekannt, denn damit traten die Nazis auf. Die Reichspogromnacht war ebenfalls kein Geheimnis, denn schliesslich brüsteten sich die Nazis damit. Und jeder konnte die vandalisierten Geschäfte und Häuser sehen. Und jeder konnte die Judensterne auf den Strassen sehen, denn schliesslich waren sie dazu da. Und jeder konnte wissen, dass es Konzentrationslager gab, denn das sagten die Nazis als Abschreckung und als Ausweis ihrer „Tüchtigkeit“ ganz offen. Und jeder wusste, dass über Nacht Juden abtransportiert wurden.

Hierin liegt die Aktualität des Romans: Auch heute gibt es Parolen, die sich harmlos geben und zugleich Hetze sind. Spiegel macht beklemmend klar, wie aus Worten Taten folgen.

Die Regie des Bösen

Was wusste man aber von der den massenhaften Morden? Es gab eine riesige Industrie und Verwaltung um die KZs, und es gab Fronturlauber. Kaum zu glauben, dass keiner je über diese Dinge gesprochen hätte. Soweit ist man sich an dem Abend beim Konsul einig. Aber dann gerät er ausser sich. Denn er verstand sich als Nazi-Gegner und war doch für einen wichtigen Betrieb verantwortlich. Dort wurden Häftlinge beschäftigt, die wegen Unterernährung nach wenigen Tagen verstarben. Dagegen protestierte er, aber nicht aus humanitären Gründen, sondern aus Gründen der Effizienz. Wie anders hätte ich damals argumentieren sollen, fragt er an dem Abend voller Wut und Verzweiflung.

Bernt Spiegel ist ein eindrückliches Zeitpanorama gelungen. Er beschreibt, wie sich das Böse wie selbstverständlich nähert, um dann alles zu verschlingen. Und die meisten machen mit, nicht weil sie das Böse wollen, sondern weil sie auch unter der Regie des Bösen noch ihr Glück suchen.

Bernt Spiegel, Milchbrüder, Beide, 928 Seiten, edition fotoTAPETA, 2020, ca. 28 Euro

Kommentare

Die Redaktion von Journal21.ch prüft alle Kommentare vor der Veröffentlichung. Ehrverletzende, rassistische oder anderweitig gegen geltendes Recht verstossende Äusserungen zu verbreiten, ist uns verboten. Da wir presserechtlich auch für Weblinks verantwortlich sind, löschen wir diese im Zweifelsfall. Unpubliziert bleiben ausserdem sämtliche Kommentare, die sich nicht konkret auf den Inhalt des entsprechenden Artikels oder eines bereits aufgeschalteten Leserkommentars beziehen. Im Interesse einer für die Leserschaft attraktiven, sachlichen und zivilisierten Diskussion lassen wir aggressive oder repetitive Statements nicht zu. Über Entscheide der Redaktion führen wir keine Korrespondenz.

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren