Der Verfall einer Familie

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Der Verfall einer Familie

Von Klara Obermüller, 01.10.2017

Im Jahr 1901 erstmals erschienen, wirken Thomas Manns „Buddenbrooks“ auf der Bühne des Zürcher Schauspielhauses, als wären sie von heute.

Im Schaffen von Regisseur Bastian Kraft kommt das Wörtchen „nach“ auffallend häufig vor: „Orlando“ nach Virginia Woolf, „Traumnovelle“ nach Arthur Schnitzler, „Der Steppenwolf“ nach Hermann Hesse – und nun also „Die Buddenbrooks“ nach Thomas Mann. Kraft scheint ein Faible für Bühnenbearbeitungen von Prosawerken zu haben. Aber im Gegensatz zu manch einem seiner Kollegen, die diesem offensichtlichen Trend ebenfalls erlegen sind, hat er auch ein Händchen dafür. Noch ist seine Dramatisierung von Max Frischs „Homo Faber“ im Schauspielhaus Zürich in bester Erinnerung, schon doppelt er mit Thomas Manns Erstlingsroman nach: einem Familienepos bekanntlich, das sich über vier Generationen erstreckt und in der Erstausgabe von 1901 satte 1100 Seiten umfasste. Ein Ding der Unmöglichkeit, sollte man denken und sich gleichzeitig fragen: wozu? Wozu einen solchen Wälzer auf die Bühne bringen, wo man ihn doch in Ruhe zuhause lesen oder sich als Film auf DVD anschauen kann?

Was genau sich Bastian Kraft gedacht hat, als er sich „Die Buddenbrooks“ vornahm, ist mir nicht bekannt. Das Resultat aber ist seit Samstag, dem 30. September, auf der Pfauenbühne zu besichtigen. Und es überzeugt! Es überzeugt dank einem kühnen Kunstgriff des Regisseurs und einer klugen Reduktion auf sieben Haupt- und ein paar wenige Nebenfiguren. Im Gegensatz zu Thomas Manns auktorialem Erzählen lässt Kraft den Letzten der Buddenbrooks, Hanno, als eine Art Spielleiter auftreten, der permanent auf der Bühne steht und uns anhand der minutiös geführten Familienchronik geschickt durch das Labyrinth der Buddenbrookschen Geschäfte und Beziehungen führt. Krafts Hanno ist älter, als Manns Hanno je wurde, aber wie dieser weiss auch er, wie alles endet und dass nach ihm „nichts mehr kommt“. Diese Kunstfigur erlaubt es dem Regisseur nicht nur, das Geschehen zu raffen und komplizierte Vorgänge in ein paar knappen Sätzen zusammenzufassen; er stellt durch ihn auch jene ironische Distanz her, die Thomas Mann bereits in seinem nobelpreisgekrönten Erstling so meisterhaft einzusetzen wusste.

Alles Menschlich-Allzumenschliche

Ein weiteres Plus der Inszenierung ist die Besetzung: Bastian Kraft stehen mit Claudius Körber (Hanno), Jean-Pierre Cornu (Konsul), Susanne-Marie Wrage (Konsulin), Edmund Telgenkämper (Thomas), Henrike Johanna Jörissen (Tony), Daniel Strässer (Christian) und Lea Schwarz (Gerda) Darstellerinnen und Darsteller zur Verfügung, die jede und jeder auf seine, auf ihre Art Charakterstudien von grosser Eindringlichkeit abgeben. Matthias Neukirch, Benito Bause, Milian Zerzawy und vor allem Simon Benedikt, der am Premierenabend das Kind Hanno spielt, stehen ihnen in der Gestaltung kleiner Kabinettstückchen in nichts nach. Wenn man ihnen durch den Abend folgt – dem würdevollen Konsul und seiner eleganten Gemahlin, dem gestrengen Thomas, der unglücklich liebenden Tony, dem genial-verkrachten Christian –, dann kann man nur einmal mehr staunen, mit welch tiefem Wissen um alles Menschlich-Allzumenschliche dieser Thomas Mann mit seinen beim Erscheinen des Romans gerade mal 26 Jahren gesegnet war.

Dass Thomas Manns Roman über den Verfall einer Familie im Lübeck der Jahre 1835 bis 1877 angesiedelt ist, bleibt in Bastian Krafts Inszenierung zwar angedeutet, spielt aber für das Verständnis der Aufführung keine entscheidende Rolle mehr. Was hier dargestellt wird – der Niedergang eines Familienunternehmens, die Vater-Sohn-Konflikte, der Bruderzwist, die ehelichen Missverständnisse und schliesslich das stumme Erlöschen eines am Leben scheiternden Kindes –, könnte sich so oder ähnlich auch heute noch zutragen. Der alternde Patron, der sich an seine Prinzipen klammert, der Erstgeborene, der sich beweisen muss, der jüngere, der seinen Platz im Leben nicht findet, die vernachlässigte und unverstandene Ehefrau, die Leere, die entsteht, wenn die Karriere alles und das Empfinden nichts mehr gilt, das Kind, das die familiären Konflikte auszutragen hat – all das kommt einem auf beängstigende Weise bekannt vor. Höchstens die Art, wie damals Ehen geschlossen bzw. ausgehandelt wurden, entspricht nicht mehr ganz unseren heutigen Vorstellungen. Die Ursachen, an denen sie zugrunde gehen, sind hingegen mehr oder weniger die gleichen geblieben.

Über alle Zeit- und Ortsgebundenheit hinaus

Diese in Bastian Krafts Bearbeitung angelegte Aktualität oder, besser gesagt, Zeitlosigkeit wird durch das nüchterne Bühnenbild von Peter Baur und die moderat-modernen Kostüme von Sabin Fleck noch zusätzlich unterstrichen. Die Inszenierung ist frei von jeglichem Stuck und Plüsch. Kahle Wände, einen ellenlangen, graugestrichenen Holztisch und Stühle – mehr gibt es an Ausstattung nicht. Und das einzige der Romanvorlage entnommene Requisit ist die Familienchronik, die hier allerdings als simples Ringheft und nicht mehr als ledergebundener Foliant daherkommt. Wenn man dann aber miterlebt, wie der einst stattliche Tisch im Verlauf des Abends Stück für Stück zerlegt wird, wie die hochfahrenden Träume von Glück, Ansehen und Reichtum verfliegen und angstgesättigtes Schweigen sich zwischen den Familienmitgliedern breit macht, fühlt man sich von einer Tragik berührt, die über alle Zeit- und Ortsgebundenheit hinaus ist.

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