Der Tag danach

Ignaz Staub's picture

Der Tag danach

Von Ignaz Staub, Washington D.C. - 10.11.2016

Während die Demokraten noch ihre Wahlniederlage verdauen, bereiten sich die Republikaner auf den Machtwechsel im Weissen Haus vor. Zu lernen haben beide.

Auch nach einer umgehend als „historisch“ und „noch nie dagewesen“ titulierten Wahlnacht geht in Washington D. C. erneut die Sonne auf, nach einer Reihe von sonnigen Herbsttagen erstmals teils von dunklen Wolken verdeckt. Die Temperatur ist gefallen, Regen droht. Doch die Welt ist nicht untergegangen, dem politischen Erdbeben zum Trotz, das Donald Trump mit seinem unerwarteten Wahlsieg ausgelöst hat. Und auch das Washington Monument auf dem Mall, das ein Erdbeben 2011 beschädigt hatte, steht noch. Sogar das „Fortune Cookie“, der Glückskeks beim Chinesen an der M Street, verheisst nur Gutes: „Es erwarten Sie viele gute Gelegenheiten.“

Nebenwirkungen

Unverändert ist morgens auch der Eindruck, aufgrund unvermeidlicher Fernsehwerbung, dass Amerika ein krankes Land ist. TV-Spots warnen vor allen möglichen Krankheiten und Unpässlichkeiten, unter denen Schnupfen, Sodbrennen oder Verstopfung noch die harmlosesten sind. Die Werbung preist entsprechende Gegenmittel an, nicht aber ohne alle möglichen Nebenwirkungen dieser Medikamente zu nennen.

„Unter Umständen ist Donald Trump die Medizin, die Amerika jetzt braucht, um zu gesunden“, hat in der Wahlnacht ein Beobachter am Fernsehen bemerkt. Auf jeden Fall sind die möglichen Nebenwirkungen des neuen Präsidenten zur Genüge bekannt. Eine Dosis Bescheidenheit oder Empathie würde ihm, der stets im Superlativ lebt und redet, sicher gut tun.

Das Versagen der Medien

Noch sind Mitte der Woche die Schockwellen zu spüren, die Donald Trumps bevorstehender Einzug ins Weisse Haus ausgelöst hat – nicht zuletzt unter den Medien, die allen angeblich immer genauer werdenden Analyse- und Umfragemethoden zum Trotz völlig falsch lagen, als sie prophezeiten, Hillary Clinton würde es gelingen, die sprichwörtliche Glasdecke, an die sie bereits 2008 als Verliererin im demokratischen Vorwahlkampf gegen Barack Obama gestossen war, zu durchbrechen und Amerikas erste Präsidentin werden.

„Politik besteht nicht nur aus Zahlen“, schreibt in der „New York Times“ Medienkolumnist Jim Rutenberg: „Daten gelingt es nicht immer, die Befindlichkeit von Menschen einzufangen, die den Kern der amerikanischen Politik bildet. Und es nicht die einzige Funktion der politischen Berichterstattung, den Leuten zu sagen, wer gewinnen oder wer verlieren wird.“ Rutenberg zitiert einen konservativen Autor, der ihm gesagt hat, die meisten Journalisten seien blind gegenüber ihrer eigenen „Doppelmoral, was traditionelle Religion, die ländliche Bevölkerung, die Arbeiterschaft und weisse Arme betrifft“.

Der grosse Katzenjammer

Statt Euphorie herrscht unter Clintons Anhängern und Helfern Katzenjammer, und im Javits Center in New York, wo die grosse Wahlparty der Demokraten über die Bühne hätte gehen sollen, werden die Konfetti aus den Kanonen zurück in die Säcke gekehrt. Und all die „Star Power“, all die Prominenz von Beyoncé über Stevie Wonder bis Bruce Springsteen, die Clinton im Wahlkampf hat aufbieten können, ist unvermittelt erloschen, überstrahlt von Donald Trumps „One-Man Show“, der ausser sich niemanden im Rampenlicht duldet.

Hillary Clintons Wahlkampforganisation war um einiges grösser, erfahrener und potenter finanziert als die des Konkurrenten. Doch ihre Botschaft, wenig mitreissend vermittelt, verpuffte – ganz im Gegensatz zu jener Trumps, der vollmundig versprach, Amerika wieder gross zu machen und allein die Probleme des Landes zu lösen, nicht so inkompetent wie die etablierten Politiker in der Hauptstadt, die sich am liebsten um sich selbst drehen und nur selten einen Blick auf die Realität im Lande erhaschen.

Trotzdem hätte der zwischenzeitliche Erfolg von Bernie Sanders im Vorwahlkampf die Demokraten stärker dafür sensibilisieren müssen, dass sich ausserhalb des Beltway (Washingtons Ringautobahn) etwas zusammenbraute, dass sich der Zorn und der Frust der Bevölkerung zu einem gefährlichen Schwelbrand ausweiteten, der mit herkömmlicher politischer Rhetorik nicht mehr zu löschen war. Anzeichen dafür gab es, man hätte sie nur ernst nehmen müssen innerhalb jener „Echokammer“, zu der clevere Wahlkampforganisationen regelmässig mutieren, abgekoppelt vom gesunden Menschenverstand.

Der amerikanische Traum

Sowohl in den ländlichen Gebieten zwischen den Küsten, die despektierlich als „flyover country“ bezeichnet werden – jener Teil des Landes, den man überfliegt – wie auch im Süden und in den Industriestaaten im Nordosten – dem „Rust Belt“ (Rostgürtel) –, ist Donald Trumps plakative Botschaft auf offene Ohren gestossen. Nicht nur unter ungebildeten Weissen, sondern auch unter mehr Frauen, Schwarzen und Latinos, als Hillary Clintons Analysten und die Medien erwartet hatten.

Anders als für abgeklärte Akademiker und Meritokraten, die es geschafft haben, ist unter Trumps Wählerschaft der Glaube an den amerikanischen Traum noch wach, mag er als Gemeinplatz noch so untauglich sein, flimmernd wie eine Fata Morgana über den weiten Ebenen der Nation, wo Weizen und Mais wachsen, wo Rinder und Wildpferde grasen: „America the Beautiful“. Auch Hillary Clinton bemüht den abgelutschten Begriff am Morgen nach der Wahl im Hotel „New York“ in Manhattan, wo sie um halb zwölf in einer kurzen Rede ihre Niederlage eingesteht, Helfern, Familienangehörigen und Unterstützern dankt und Donald Trump, den sie in der Nacht zuvor angerufen hat, alles Gute wünscht.

Es tue ihr leid, räumt sie ein, dezent in eine dunkelgraue Jacke und eine purpurne Bluse gekleidet, nicht gewonnen zu haben: „Das schmerzt und wird es noch einige Zeit tun.“ Obwohl die Nation polarisierter sei, als sie angenommen habe, glaube sie nach wie vor an die USA und deren Potenzial: „Der amerikanische Traum ist gross genug für jedermann.“ An die Jungen im Lande gewandt, sagt Clinton, auch sie würden einst Erfolge feiern und Misserfolge erleiden. Doch nur Eines dürften sie nicht: den Glauben aufgeben an Dinge, von denen sie überzeugt seien.

Das Ende der Clinton-Dynastie

„Unsere besten Tage liegen noch vor uns“, ruft sie am Ende ihrer Ausführungen aus und verlässt, von Familie und Freunden flankiert, sichtlich bewegt die Bühne. Noch weiss niemand, ob sich Hillary Clinton als stolze Grossmutter ins Privatleben zurückzieht oder ob sie – nach so vielen Jahren im Dienste der Öffentlichkeit wahrscheinlicher – in irgendeiner Form politisch oder karitativ aktiv bleibt.

So oder so, mutmasst ein Experte im Studio von CNN, bedeute ihr Abgang wohl das Ende der Dynastie Clinton. Dass Hillary 2020 ein drittes Mal kandidieren wird, ist kaum anzunehmen, umso weniger, als im Lande bereits Stimmen laut werden, die fordern, First Lady Michelle Obama solle sich in vier Jahren um den Einzug ins Weisse Haus bemühen.

In Washington D. C. wäre Hillary Clinton eine bekannte Grösse gewesen. Donald Trump ist es nicht. Er wird lernen müssen, dass Politik und Business, so verquickt sie sein mögen, nicht das Gleiche sind, und dass er ihm unliebsames politisches Personal, einen aufmüpfigen Senator der eigenen Partei etwa, nicht einfach entlassen kann. Auch wird er nicht umhin können, die sogenannten „intelligence briefings“ (die Aufklärung über jüngste Geheimdiensterkenntnisse), die er als designierter Präsident von nun an täglich erhält, ernst zu nehmen und nicht an Untergebene zu delegieren.

Trump muss sich zudem in die Details des Übergangsprozesses einarbeiten, bei dem es darum geht, wichtige Posten in Kabinett, Diplomatie und Verwaltung mit Leuten seiner Wahl zu besetzen. Hat die Nation Glück, lässt er sich kompetent beraten, wenn auch nicht von einer ihm nahe stehenden Gruselgestalt wie dem früheren New Yorker Bürgermeister Rudy Giuliani.

Der heikle Übergangsprozess

Der Übergangsprozess beginnt diese Woche mit einem Treffen zwischen Barack Obama und Donald Trump im Weissen Haus, anlässlich dessen erste Modalitäten des Umzugs besprochen werden. „Wir alle wünschen ihm (Trump) viel Erfolg bei der Aussöhnung und der Führung des Landes“, sagte Obama gegenüber den Medien: „Es ist kein Geheimnis, dass der designierte Präsident und ich einige ziemlich grosse Differenzen haben. Aber erinnern Sie sich, vor acht Jahren hatten auch Präsident Bush und ich einige unübersehbare Meinungsunterschiede. Aber sein Team hätte nicht professioneller oder zuvorkommender sein können beim Unterfangen, uns einen nahtlosen Übergang und einen fliegenden Start zu ermöglichen.“

Und zum Wahlausgang äusserte sich der abtretende Präsident wie folgt: „Jeder ist traurig, wenn seine Seite einen Urnengang verliert, aber am Tag danach müssen wir uns daran erinnern, dass wir alle im selben Boot sitzen.“ Wahlen, so Barack Obama, seien eine interne Auseinandersetzung: „Wir sind nicht zuerst Demokraten. Wir sind nicht zuerst Republikaner. Wir sind zuerst Amerikaner. Wir sind zuerst Patrioten. Wir wollen nur das Beste für dieses Land.“      

Kommentare

Die Redaktion von Journal21.ch prüft alle Kommentare vor der Veröffentlichung. Ehrverletzende, rassistische oder anderweitig gegen geltendes Recht verstossende Äusserungen zu verbreiten, ist uns verboten. Da wir presserechtlich auch für Weblinks verantwortlich sind, löschen wir diese im Zweifelsfall. Unpubliziert bleiben ausserdem sämtliche Kommentare, die sich nicht konkret auf den Inhalt des entsprechenden Artikels oder eines bereits aufgeschalteten Leserkommentars beziehen. Im Interesse einer für die Leserschaft attraktiven, sachlichen und zivilisierten Diskussion lassen wir aggressive oder repetitive Statements nicht zu. Über Entscheide der Redaktion führen wir keine Korrespondenz.

H. Clinton und die Demokraten haben verloren. "New deal" war angesagt!
Schon in den Vorwahlen war zu sehen, dass viele in den USA eine Veränderung der Politik wollen. Nicht ohne Grund wurden D. Trump und B. Sanders von einer grossen Gruppe gegen den Willen ihrer Parteien auf gute Plätze gebracht.
B. Sanders ist mit grosser Trickserei der Partei aus dem Rennen geworfen worden. "Weiter so mit H.C.!" war deren Devise. Und genau dieses "weiter so!" hat den Demokraten jetzt den Sieg gekostet.
Politik ist in den USA seit "Gestern" nicht mehr gegen die eigene Bevölkerung zu machen. Ob sich das auch in Europa rumspricht?

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren