Der Sound der Grossstädte

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Der Sound der Grossstädte

Von Urs Meier, 01.02.2016

So lange es Menschen gibt, für die das Leben in Metropolen mit Freiheit und Experimentierfreude zu tun hat, so lange wird es Jazz geben.

In der 800. Ausgabe von «Merkur», der hochintellektuellen «Deutschen Zeitschrift für europäisches Denken», befasst sich der Literaturwissenschafter Eckhard Schumacher mit Popmusik. Ausgehend von Charlie Gilletts 1970 erschienener Geschichte des Pop mit dem Titel «The Sound of the City» werden Rock ’n’ Roll und die endlosen Spielarten des Pop immer wieder als «die» urbane Musik verstanden. Schumacher folgt dieser Linie und ortet Stile und Dialekte des Pop der letzten Jahrzehnte in bestimmten (deutschen) Städten und deren Subkulturen. Seine Pop-Geographie gibt Einblick in eine geradezu tribalistisch anmutende Musikwelt, die mit ihren jeweiligen grossstädtischen Soziotopen eng zusammenhängt.

US-Grossstädte als Brutstätten des Jazz

Doch primär – und dies ist nun eine von persönlichen Präferenzen und kultureller Sozialisation des Verfassers beeinflusste Meinung – gehört ja das Prädikat «sound of the cities» dem Jazz. Dessen älteste Wurzeln waren zwar vorwiegend ländlich. Doch erst in grossen Städten mündeten die Traditionsstränge des schwarzen Soul und Blues sowie des Ragtime in eine eigenständige neue Musik. Die bis heute prägenden Stile des Jazz entstanden in den ersten sechs Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts hauptsächlich in New Orleans, Chicago und New York City.

Was in diesen Hot Spots erbrütet wurde, breitete sich alsbald über die westliche Welt aus. Den in dieser Zeit vorherrschenden Stilrichtungen des Swing und Bebop haftete der Ruch des Rebellischen an. Beim (musikalisch ja sehr gesitteten) Swing lag es am treibenden Rhythmus und wohl auch am dynamisch-ekstatischen Tanz, beim Bebop an der wilden Melodik und Improvisation.

Jazz war in dem vom Dritten Reich besetzten oder bedrohten Europa ein heimlicher Inbegriff von Freiheit. Die Nazis ächteten den Jazz, der in ihrem Herrschaftsgebiet praktisch nur in ausländischen – als «Feindsender» verbotenen – Radioprogrammen zu hören war. Explizit wurde Jazz in der NS-Ideologie zur «entarteten Kunst» gezählt und als «Negermusik» rassistisch diffamiert. Beispielhaft für die symbolische Bedeutung des Jazz im Kampf gegen die Hitlerei steht der Bandleader Glenn Miller, dessen Big-Band-Swing für amerikanische Truppen und zivile Regimegegner Widerstandskraft und Durchhaltewillen signalisierte.

Unklare Abgrenzungen

Die Nachkriegszeit der Hochkonjunktur bis zu den Schocks der ersten Ölkrisen und Wachstumsbrüche war eine Periode der entfesselten künstlerischen Kreativität, und das gerade auch im Jazz. Latin, Cool Jazz, Hard Bop, Free Jazz und Fusion sind die noch immer lebendigen Richtungen, nach denen in dieser ebenso optimistischen wie experimentierfreudigen Phase die Post abging.

Seit den Siebzigerjahren ist die Vielfalt des Jazz unübersichtlich geworden. Er hat seine Konturen als deutlich erkennbare Musikgattung verloren. Ob man alle die Spielarten des Ethno-Jazz, Pop-Jazz, Electro-Jazz etc. noch als Stilrichtungen innerhalb einer definierten Gattung namens «Jazz» verstehen kann, ist fraglich geworden. Sollte man sie nicht eher unter World Music, Pop, Techno etc. subsumieren oder sie gar als völlig eigenständige Gattungen sehen? Die Auseinandersetzungen um Zuordnungen und Etiketten sind episch. Programmgestaltungen von Jazzclubs, Labels und Spartensendern sind daher oftmals strittig. Löst sich, was als Jazz eine vielfältige, aber doch klare Identität hatte, in einem beliebigen Mischmasch auf?

Unsichere Perspektiven

Der Niedergang des Jazz wird seit einem halben Jahrhundert diskutiert. Die einen erklären die Entwicklungen der Gattung bis zum Free Jazz für kanonisch und verweigern allem Späteren die Anerkennung. Andere steigen schon bei den Brutalismen des Hard Bop der Fünfzigerjahre aus. Doch es ist längst nicht mehr allein die Frage, was als Jazz gelten solle, die für Unsicherheiten sorgt. Es gibt Stimmen, die den Jazz überhaupt erlöschen sehen. Man muss nicht einmal zu Pessimismus neigen, um einige beunruhigende Indizien zu konstatieren.

Die Nischen des Jazz im Musikleben sind kleiner und die Zahlen der eingeschworenen Jazzfans geringer geworden. Es gibt nur wenige Spielstätten, die das Genre kontinuierlich und kompetent pflegen. Hinzu kommt, dass der Zusammenbruch des Tonträgermarkts für den Jazz schwieriger zu bewältigen ist als für den Pop. Dieser hat als stärker von Hits und Hypes getriebene und auf Weltstars fokussierte Gattung eine natürliche Nähe zum schnellen Markt der Online- und Streaming-Medien.

Jazz hingegen ist eine Sparte für Kenner und Sammler, die gern ihre CDs und Vinylplatten horten. Sie sind, auch wenn sie an neuen Entwicklungen Anteil nehmen, an der Geschichte des Genres interessiert. Längst verstorbene Grössen wie Billie Holiday, Charlie Parker oder John Coltrane bleiben für Jazzfans aktuell. Jazz ist viel weniger durch Mode getrieben als Pop. Zwar gibt es immer Neues, doch es schlägt nicht die Vorgänger aus dem Feld und kann nicht als Must-have-Sensation vermarktet werden.

Unsicherheit – lähmend oder stimulierend?

Vom Jazz-Spezialisten der NZZ, Ueli Bernays, war am 22. Januar das nachdenklich stimmende Porträt eines Jazzmusikers zu lesen. Der CD-Markt sei eingebrochen, die Produktion neuer Aufnahmen koste mehr als sie einbringe, Gelegenheiten für Auftritte seien rar und die Veranstalter böten Honorare, die unter den Selbstkosten der anreisenden Musiker lägen. Wer als professioneller Jazzmusiker eine Familie habe, der sehe sich nach einem anderen Beruf um.

Vielleicht gehören solche Unsicherheiten und Härten auch zum Wesen dieser Musik. Dies zu sagen, ist selbstverständlich problematisch. Eine Romantik des armen Künstlers nach dem Muster von Carl Spitzwegs Dichter, der in seinem undichten Kämmerchen unterm Regenschirm hockt, war im 19. Jahrhundert schon Karikatur und taugt im 21. weder zur Entschuldigung unzumutbarer Arbeitsbedingungen noch zur Verklärung derselben. Ob aber die heutigen vorgespurten Musikerlaufbahnen mit ihren Master-Abschlüssen und Förderbeiträgen tatsächlich diejenigen Rebellen und Rebellinnen hervorbringen, welche mit unbedingter Leidenschaft ihren Weg gehen, der Zeit den Puls nehmen, neue Klänge und Rhythmen erfinden und so den Jazz lebendig erhalten? Es ist ja nur eine Frage.

Vitaler Jazz

Ob der Jazz heute lebendig sei, das hingegen ist keine Frage. In den grossen Konzertsälen der Welt ist er mit nicht erlahmendem Erfolg nachdrücklich präsent in Gestalt einiger Dutzend Solisten und Formationen, die als internationale Spitzenklasse um die Welt tingeln. Diese Grossen des Jazz repräsentieren das artistische und ästhetische Niveau, auf dem diese Musik zu erleben und zu beurteilen ist. Die Besten dieses erlesenen Kreises sind ausserdem Musikerinnen und Musiker, die nicht bei ihren Erfolgsrezepten stehenbleiben, sondern sich und damit die ganze Musikgattung rastlos weiterentwickeln.

Erst recht herrscht diese Kultur des Experiments bei Jazzclubs und manchen Festivals. Im – durchaus nicht seltenen – besten Fall profitieren sie vom Umstand, dass alle Definitionen des Jazz seit längerem in der Schwebe sind. Dies ist eine veritable Einladung zu musikalischen Expeditionen in nicht kartographierten Gebieten. Die renommiertesten Conventions verschreiben sich denn auch nicht allein der Präsentation des zeitgenössischen Jazz und der Förderung des Nachwuchses, sondern verstehen sich auch als musikalische Laboratorien.

Der Jazzclub Moods im Zürcher Schiffbau ist so ein Ort. Am vergangenen Mittwoch konzertierte dort der österreichische Gitarrist Wolfgang Muthspiel in Quintettformation mit dem Trompeter Ambrose Akinmusire, Larry Gernadier (Bass), Brian Blade (Schlagzeug). Der Fünfte im Bund war kein Geringerer als Brad Mehldau, einer der herausragendsten Pianisten des zeitgenössischen Jazz. Mehldau, der auch den grossen Konzertsaal des Luzerner KKL füllt und solo bespielt, hat sich im Moods in ein experimentierfreudiges Ensemble von famosen, aber deutlich weniger berühmten Kollegen eingefügt.

Musik des verschärften Lebens

Der Abend im Moods hat es gezeigt: Jazz ist noch immer «sound of the cities». Er ist die Musik, in der jede Artikulation ein genuines Schaffen darstellt. Im Jazz ist alles individuell und persönlich: primär in der Improvisation, aber auch in der ganzen musikalischen Haltung. Der Jazzer reproduziert nie ein von jemand anderem geschaffenes Kunstwerk; er macht immer die eigene Musik. Das gilt auch beim disziplinierten Unisono-Spiel und sogar bei auskomponierten Arrangements, etwa in der Big Band.

Wenn Städte die Orte individualisierter Massen sind, so ist Jazz die Musik der Cities. So lange Städte als Reviere verschärften, bedeutungsträchtigen und vor allem freien Lebens funktionieren, wird diese Musik immer wieder Hellhörige anspringen – und ein paar wenige unter ihnen ganz in Beschlag nehmen. Wahrscheinlich ist dies das entscheidende Moment für ein Weiterleben des Jazz. Kaum vorstellbar, dass es eines Tages aufhören sollte. Jazz wird es noch geben, wenn Pop schon wieder vorbei ist.

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