Der Normalbürger muckt auf

Urs Meier's picture

Der Normalbürger muckt auf

Von Urs Meier, 20.08.2015

Wie der Normalverbraucher nicht in «normale» Zeiten passt, so ist der Normalbürger in der Demokratie im falschen Film.

In Leserbriefen und kommentierenden Postings, gelegentlich auch in Versammlungen haut er auf den Tisch: der Normalbürger. Er entrüstet sich über Unrecht und Gleichgültigkeit, Lasches und Pingeliges, Verschwendung und Knauserigkeit, oder einfacher: über das, was ihm nicht passt.

Dabei sagt er nicht etwa «Ich als Normalbürger bin der oder jener Ansicht», sondern «Das kann man dem Normalbürger nicht erklären». Der aufmuckende Bürger führt quasi als seinen Avatar eine fiktive Figur ins Feld. Sie ist die Instanz, die bei den vom Boulevard festgelegten Aufreger-Themen die Grenzen des Hinnehmbaren markiert. Wer mit diesem Normalbürger argumentiert, glaubt sich der rechtschaffenen Mehrheit zugehörig und hält sich zugute, die gängige Ordnung zu respektieren und die Steuern einigermassen korrekt zu bezahlen.

Dem Begriff Normalbürger ging der des Normalverbrauchers voraus. In Kriegszeiten bezeichnete er eine Kategorie für den Bezug von Lebensmittelkarten: Normalverbraucher wurden anders versorgt als Schwerarbeiter. Im 1948 herausgekommenen Film «Berliner Ballade» spielte Gert Fröbe den Otto Normalverbraucher, eine vom Kabarettisten Günter Neumann kreierte Figur.

Da es bei politischer Freiheit keine vorgeschriebenen Meinungen gibt, ist die Vorstellung eines Normalbürgers unsinnig. Genau wie der Normalverbraucher nach Beendigung der Kriegswirtschaft ist auch der Normalbürger in der Demokratie nur als satirische Figur möglich. Wer mit dessen Anrufung in vollem Bierernst Recht haben will, attestiert sich selber Humorlosigkeit und unterentwickeltes Verständnis für das demokratische Politisieren.

Kommentare

Die Redaktion von Journal21.ch prüft alle Kommentare vor der Veröffentlichung. Ehrverletzende, rassistische oder anderweitig gegen geltendes Recht verstossende Äusserungen zu verbreiten, ist uns verboten. Da wir presserechtlich auch für Weblinks verantwortlich sind, löschen wir diese im Zweifelsfall. Unpubliziert bleiben ausserdem sämtliche Kommentare, die sich nicht konkret auf den Inhalt des entsprechenden Artikels oder eines bereits aufgeschalteten Leserkommentars beziehen. Im Interesse einer für die Leserschaft attraktiven, sachlichen und zivilisierten Diskussion lassen wir aggressive oder repetitive Statements nicht zu. Über Entscheide der Redaktion führen wir keine Korrespondenz.

Also, ich möchte eigentlich als Otto Normalbürger gelten und fühle mich durchaus berechtigt, dessen Meinung in Kommentaren bekannt zu machen.

Warum dies Humorlosigkeit und unterentwickeltes Verständnis für das demokratische Politisieren bedeuten soll geht über meinen Horizont.

Wäre schön, wenn Hr. Meier mir dies erklären möchte?

Einzig das Wort Bürger ist normal in diesem Artikel, der Rest sind Fremdwörter lateinisch/griechischen Ursprungs. Warum besuchen kaum mehr junge Leute das klassische Gymnasium, wenn Journalisten immer mehr sich mit lateinischen/griechischenr Wörtern ausdrücken? Wollen sie nicht verstanden werden?

Was haben denn Sie für einen Artikel gelesen? Doch wohl nicht den hier.

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren