Der Mensch in künstlichen Welten

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Der Mensch in künstlichen Welten

Von Stephan Wehowsky, 29.05.2014

Eduard Kaeser ist ein Meister im Spiel mit Gedanken. Jetzt hat er eine neue Probe seiner Kunst vorgelegt: "Trost der Langeweile"

Langeweile ist ein Zustand, der zuallererst als unangenehm erlebt wird. Deswegen trachtet jeder danach, ihn möglichst rasch zu überwinden, und die Unterhaltungsindustrie verdient prächtig daran. Wie aber, wenn Langeweile ein Befinden ist, in dem wir viel über uns und unsere Welt erfahren? Pointiert formuliert Kaeser: „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er sich langweilt.“

Die Tretmühle

Dieser Satz steht allerdings am Ende einer Reihe von Überlegungen, in denen Kaeser Strategien zur Überwindung der Langeweile darstellt: von philosophischen Theorien bis hin zu Marketingstrategien der Unterhaltungsindustrie. In dem Masse, wie letztere dem Menschen Ablenkungen von der Langeweile verkauft, erzeugt und verstärkt sie die Langeweile:

„Pointiert gesagt, basiert ein Grossteil heutiger Wirtschaft auf dem gelangweilten Konsumenten, denn der Konsum von Gütern soll Bedürfnisse gerade nicht befriedigen oder nur soweit befriedigen, dass sie neue Bedürfnisse nähren. Die Tretmühle muss in Gang gehalten werden. Kann man sie zum Stillstand bringen? Will man es überhaupt?“

Der "digitale Dualismus"

Daher ist es so wichtig, der Langeweile nicht durch dieses oder jenes auszuweichen, sondern sie als Grunderfahrung zu akzeptieren bzw., wie Kaeser schreibt, als "Tugend" zu entdecken. Es geht also darum, eine eigene Haltung zu finden. Das geschieht aber nicht einfach dadurch, dass man den modernen Medien schlichtweg den Rücken kehrt und sich ihnen verweigert. Vielmehr kommt es darauf an, ihre Vielschichtigkeit zu verstehen und zu sehen, wie sie unser Leben formen, ob wir es wollen oder nicht. Dann ergibt sich der eigene Weg.

Kaeser erklärt uns dies nicht in einer trockenen pädagogischen Haltung, sondern immer auch mit einem Schalk im Auge. In seinem Kapitel über den „digitalen Dualismus“ teilt er eine höchst interessante Beobachtung mit: Diejenigen Leute, die am meisten Geld damit verdienen, dass sie künstliche Welten kreieren und damit neue Märkte schaffen, können sich höchst reale Genüsse leisten. „Es mutet nachgerade zynisch an, wenn Sillicon-Valley-Veteranen, die uns das Starren auf den Bildschirm als höchstes Glück verkaufen und daraus ihre exorbitanten Gewinne abschöpfen, im realen Leben physischen Freuden zuneigen, sich an edlem Essen und Spitzenweinen delektieren, gerne die Gesellschaft realer Freunde pflegen, sich abenteuerliche Hobbys zulegen.“

Geist und Körper

Eduard Kaeser ist theoretischer Physiker, promovierter Philosoph und Wissenschaftshistoriker. Bis zum Jahr 2012 war er Gymnasiallehrer für Physik und Mathematik. Er ist für verschiedene Zeitungen publizistisch tätig und schreibt regelmässig für das Journal21. Sein Interesse liegt auf der Frage, wie sich der Mensch unter der Ägide des Künstlichen entwickelt.

Die Kernthese seines vorliegenden Buches besteht darin, dass die menschliche Intelligenz nur in Verbindung mit dem menschlichen Körper existiert. Hinreissend schön beschreibt Kaeser zum Beispiel, welche Bedeutung es hat, Texte nicht einfach über ein Keyboard an einen Computer zu übermitteln, sondern sie mit der Hand zu schreiben. Denn die Hand und die Fingerspitzen erschaffen durch ihre Bewegungen und Berührungen eine Wirklichkeit, die über die blosse gedankliche Texterzeugung hinausgeht:

Die Intelligenz der Finger

„Die Dichte der Nervenenden in unseren Fingerspitzen ist enorm gross. Ihr Unterscheidungsvermögen gleicht nahezu jenem unserer Augen, sagt der finnische Neurologe Matti Bergström. Wenn wir unsere Finger nicht gebrauchen, werden wir «fingerblind», verlieren wir unser Fingerspitzengefühl: eine Form von Verstümmelung des Urteilsvermögens – ergo Dummheit.“

Das letzte Kapitel dieses Buches setzt dem ganzen die Krone auf. Hier beschäftigt sich Kaeser mit dem Phänomen, dass wir trotz aller technischen Hilfsmittel immer wieder in die Welt der realen Dinge zurückkehren. Die Vorstellung, dass die Realität zunehmend durch Computer abgelöst wird und wir in einem „Internet der Dinge“ leben, also in reiner virtueller Realität, ist unerträglich. Denn wir brauchen reale Dinge mit ihren Widerständen, um uns in ihnen wiederzufinden. So schreibt Kaeser über das Sammeln: „Eigentlich verhält es sich nicht so, dass ich Dinge sammle, vielmehr «sammeln» die Dinge auch mich.“

Die Wiederentdeckung der Dinge

Indem wir uns direkt den Dingen zuwenden, haben wir es mit etwas Elementarem zu tun. So beschreibt Kaeser das Glück, dass mit der einfachen Tätigkeit des Holzspaltens verbunden ist oder auch mit dem Wandern: „Wandern braucht keine andere Begründung als das Wandern selbst.“ Auch hier gibt es wieder eine schöne Paradoxie, wie wir sie so oft bei Kaeser finden: Gerade weil wir in einer Welt leben, die ohne die virtuelle Realität der Computer gar nicht mehr auskommt, brauchen wir wieder die Welt der realen Dinge, von denen manche vielleicht geglaubt haben, dass ihre Zeit vorbei sei. Sie sind wieder da, und wir verlangen stärker nach ihnen als jemals zuvor.

Und so zeigt uns Eduard Kaeser in seinem neuen Buch, warum es überhaupt nicht altmodisch ist, altmodisch zu sein.

Eduard Kaeser, Trost der Langeweile. Die Entdeckung menschlicher Lebensformen in digitalen Welten, Rüegger Verlag, Zürich / Chur 2014

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Kommentare

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Extrem schnelle Zeit.
Oft fehlt die haptische Wahrnehmung! Man vermeidet den äusseren Reiz durch angelernte Verunsicherung. Tranquillares Nichtstun um Fehler zu vermeiden. Fehler zu machen ist jedoch einer der grössten Pools für Fortschritt, das vergessen wir in unserer durch Vermeidung und Prävention geprägten Vergausterung. Immer schnelleres Durchrasen von Gegenwart in ungeduldiger Erwartung Sinn erfüllter Zukunft. Es wird kommen wie es muss, die angestrebte Sauberkeit, die unnatürliche Überhygiene, die Überregulierung, die Angst vor dem Chaos entfremdet uns von Wirklichkeit. Im echten, richtigen Leben bemerken wir plötzlich das fehlen einer Delete, einer Escape Taste. So bei Unfall, Krankheiten, Depressionen oder Naturkatastrophen. Langwieriges Aufräumen ist da angesagt. Unangenehmes sich Fügen müssen. Hochbelastete Vergangenheit, schon verstaubt, wird als Museum empfunden oder ist schon aus dem Zeitgeist, der Mode gefallen. Die Entspannung an sauberen, gut beleuchteten, aufgeräumten Bildschirmen wird zum Ersatz für gelebtes Leben. Oft Spiel, Spass und Überhäufung einer nicht mehr verkraftbaren Flut von Information. Die Tastatur dadurch ein Simulant? Nein, so nützlich wie Bakterien an Bord gescheites leisten, (z.B. in den Verdauungsorganen) kann die Tastatur zu lebende Wirklichkeiten vorausplanen. Sei es als Layout, als Konzeptionen oder als Wissensinstrument. Eigentlich sehr viel beitragen um ein echtes, lebenswertes Leben zu gestalten…cathari

Herr Käser trifft den Nagel auf den Kopf. Langeweile, Nichtstun auszuhalten, dies sogar genussvoll zu tun, ist der Schlüssel zu einem Leben mit anderen Werten. Sie sind nötig, um sich dem Marktdiktat wenigstens teilweise zu entziehen. Die Langeweile ist ein Ausbruch aus einer atemlosen Zeit, in der die Menschen mehr und mehr die Orientierung verlieren. Um die Konsumgesellschaft bei der Stange zu halten, indem Menschen in immer schnelleren Rhythmen immer mehr kaufen und konsumieren sollen, darf keine Einkehr oder Müssiggang stattfinden. Der moderne Mensch muss pausenlos in Bewegung sein, nicht in dem Sinne, dass er wandert oder sich klarer wird im Kopf. Nein, er ist auf eine andere Art immer beschäftigt, etwa dass er ständig online ist und seine Agenda permanent voll ist. Das hat mit Leistung, mit Erfolg (fragt sich nur welcher) zu tun. In der heutigen Zeit haftet Langeweile ein Verliererimage an. Einer, der sich langweilt, ist nicht interessant, ist nicht beziehungsfähig, ist ein Lebensverweigerer. Ich finde es wichtig, dass sich ein Autor (Käser) daran macht, die Wertevorstellungen etwas auf den Kopf zu stellen und neue Ansätze zu skizzieren. Besten Dank.

höre ich aber da heraus, zurück zu den natürlichen Dingen.
"Fingerblind" werden wir immer, wenn wir keine "Handarbeiten" mehr machen. Da ist die Hand-Schrift ein kleiner, bescheidener Teil, der durch das Tastatur-Tippen ersetzt wurde (und uns etwas dümmer macht).
„Pointiert gesagt, basiert ein Grossteil heutiger Wirtschaft auf dem gelangweilten Konsumenten, denn der Konsum von Gütern soll Bedürfnisse gerade nicht befriedigen oder nur soweit befriedigen, dass sie neue Bedürfnisse nähren. Die Tretmühle muss in Gang gehalten werden. Kann man sie zum Stillstand bringen? Will man es überhaupt?“
Das, denke ich, ist die Kern-Frage/-Aussage.

Die Marketingstrategie:
"Wirf das Alte weg, kaufe das Aktuelle und freue dich auf das Neue!" hat schon verfangen und die "Liebe zu den Dingen" ersetzt. Wird diese Kette gestört, entsteht diese "Langeweile", die anders als "Ich weiss nicht, was soll ich jetzt tun?" für nichts mehr Raum lässt, nur noch für das Neue (egal was es ist, Hauptsache das Neue).

Da unsere Konsumwelt ständig und in kürzeren Abständen nach dem Neuen giert, werden die Produkte nach "schnell, billig und brüchig" virtuell konstruiert und "schädlich, giftig und gallig" produziert.
Da bleibt kein Platz mehr für "dauerhaft, nachvollziehbar und nachhaltig".
Aber darin liegt der Reiz der Dinge, das erzeugt die Liebe zu den Dingen, die Lust zum Sammeln und Bewahren.
Das ist vorbei!

Wir können das nicht mehr ändern, zum Stillstand bringen.
ES wird uns weiter verändern und ES wird UNS zum Stillstand bringen!

Ach Gott, wieso kehren wir nicht zu Tontafeln zurück - oder meisseln unsere Texte gleich in Stein? Dann erschaffen "Hand und die Fingerspitzen" noch viel mehr als nur Striche auf Papier. Vom noch intensiveren haptischen Erlebnis ganz zu schweigen. Und überhaupt, noch sind wir nicht soweit, dass wir mit reiner Gedankensteuerung Texte in einem Computer erzeugen können. Ergo benutzen wir eine Tastatur, die wir ebenfalls mit Hand und Fingerspitzen benutzen. Oder schreibt der Herr Gymnasiallehrer mit anderen Extremitäten? Hat er denn sein Manuskript auch von Hand geschrieben? Falls nicht, darf - in der Logik des Autors - an der konkreten, gedruckten Konstruktion von Wirklichkeit gezweifelt werden.

Und noch etwas: Das "Internet der Dinge" hat nichts, aber auch gar nichts mit virtueller Realität zu tun. Selber lesen bildet: http://de.wikipedia.org/wiki/Internet_der_Dinge vs. http://de.wikipedia.org/wiki/Virtuelle_Realit%C3%A4t Aber mit solchen "Kleinigkeiten" hält man sich offenbar nicht auf, wenn man zu den "Erleuchteten" gehört ...

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