Der Kollaps

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Der Kollaps

Von Heiner Hug, aktualisiert - 07.05.2020

Hitler erschiesst sich. Die deutsche Wehrmacht kapituliert. Vor 75 Jahren geht der Zweite Weltkrieg in Europa zu Ende. Hunderttausende feiern in den Strassen.

London, 8. Mai 1945: Siegesfeiern (Foto: Keystone/United Archives)
London, 8. Mai 1945: Siegesfeiern (Foto: Keystone/United Archives)

Churchill schreibt in seinen Memoiren: „Die bedingungslose Kapitulation unserer Feinde war das Signal für den grössten Freudensausbruch in der Geschichte der Menschheit.“

Amerikanische Soldaten umarmen auf dem Piccadilly Circus in London eine Passantin. (Bild: National Archive, Washington D.C., 531280)
Amerikanische Soldaten umarmen auf dem Piccadilly Circus in London eine Passantin. (Bild: National Archive, Washington D.C., 531280)

Paris, 8. Mai 1945: Siegesfeier auf der Place de l’Opéra, Friedenstauben. De Gaulle verkündet die bedingungslose Kapitulation der Deutschen. (Foto: Keystone/Photopress-Archiv/Str)
Paris, 8. Mai 1945: Siegesfeier auf der Place de l’Opéra, Friedenstauben. De Gaulle verkündet die bedingungslose Kapitulation der Deutschen. (Foto: Keystone/Photopress-Archiv/Str)

Paris, 8. Mai 1945: „Capitulation sans condition“ - Bedingungslose Kapitulation. Die Pariserinnen und Pariser mit Sonderausgaben der Zeitungen. (Foto: Keystone/Photopress-Archiv)
Paris, 8. Mai 1945: „Capitulation sans condition“ - Bedingungslose Kapitulation. Die Pariserinnen und Pariser mit Sonderausgaben der Zeitungen. (Foto: Keystone/Photopress-Archiv)

Siegesfeier am 9. Mai in Moskau: Das Bild stammt vom SNB (Sowjetisches Nachrichtenbüro). Originaltext der Bildlegende: „Der Tag des Sieges über die faschistische deutsche Armee, der 9. Mai 1945, wird von der Moskauer Bevölkerung auf dem Roten Platz freudig gefeiert.“ Die Sowjetunion zahlte mit 27 Millionen Toten den höchsten Blutzoll im Zweiten Weltkrieg. (Bild: Deutsches Bundesarchiv 183-R89791)
Siegesfeier am 9. Mai in Moskau: Das Bild stammt vom SNB (Sowjetisches Nachrichtenbüro). Originaltext der Bildlegende: „Der Tag des Sieges über die faschistische deutsche Armee, der 9. Mai 1945, wird von der Moskauer Bevölkerung auf dem Roten Platz freudig gefeiert.“ Die Sowjetunion zahlte mit 27 Millionen Toten den höchsten Blutzoll im Zweiten Weltkrieg. (Bild: Deutsches Bundesarchiv 183-R89791)

In den letzten Wochen vor der deutschen Kapitulation überstürzten sich die Ereignisse. Blenden wir zurück. Das letzte Kriegsjahr begann schlecht für die Nazi-Deutschen.                          

                                             RÜCKBLENDE

Dezember 1944/Januar 1945: Die Ardennenoffensive

Nochmals wirft Hitler alles in die Schlacht. Es ist eine Verzweiflungsaktion, die er mit den meisten Militärs zunächst nicht abgesprochen hat. Am 16. Dezember 1944 starten die Deutschen in Belgien und Luxemburg ihre letzte grosse Offensive. Ziel war der für die Alliierten wichtige Hafen von Antwerpen.

Deutscher Panzer in den tiefverschneiten Ardennen (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 183-J28683, Januar 1945, Jäkisch)
Deutscher Panzer in den tiefverschneiten Ardennen (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 183-J28683, Januar 1945, Jäkisch)

Die Kämpfe finden bei teils schwerem Schneefall und eisigen Temperaturen statt. Den Deutschen fehlt schnell der Nachschub. Panzer bleiben im Schnee stecken, weil ihnen das Benzin ausgegangen war.

Ein deutscher Spähtrupp arbeitet sich durch einen tief verschneiten Wald. (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 183-J28642, Januar 1945, Rottensteiner)
Ein deutscher Spähtrupp arbeitet sich durch einen tief verschneiten Wald. (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 183-J28642, Januar 1945, Rottensteiner)

Die meisten deutschen Militärs sehen schon früh die Sinnlosigkeit dieser Kämpfe ein. Doch Hitler will nicht auf sie hören. Verblendet und stur wagt er ein letztes Aufbäumen. Doch die Amerikaner besitzen die Lufthoheit und besseres Material.

US-amerikanische Soldaten des 290 Reg. in der Nähe von Amonines, Belgien (Foto: PD)
US-amerikanische Soldaten des 290 Reg. in der Nähe von Amonines, Belgien (Foto: PD)

Am 25. Januar kapitulieren die Deutschen. Auf deutscher Seite starben 18’000 Mann; die Amerikaner verloren 20’000 Soldaten. Auf beiden Seiten wurden Zehntausende verletzt oder gerieten in Kriegsgefangenschaft.

Gefangene amerikanische Soldaten werden in ein Sammellager abgeführt. (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 183-J28533, Januar 1945, Büschel)
Gefangene amerikanische Soldaten werden in ein Sammellager abgeführt. (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 183-J28533, Januar 1945, Büschel)

Nach dem Scheitern der Ardennen-Offensive scheint das Schicksal Nazi-Deutschlands besiegelt zu sein. Doch die Kämpfe gehen noch drei Monate weiter.

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  • 16. Januar: Die Royal Air Force bombardiert Magdeburg: 6’000 Menschen sterben.

Der 80-jährige Tischlermeister Wilhelm Ebert wird in Magdeburg nach einem britisch-amerikanischen Bombenangriff in seinem Haus verschüttet und kann sich nicht befreien. Er schreibt auf ein Brettchen: „Nun ist keine Rettung mehr. - Es brennt von oben runter und hier erstickt man. Der Opa - auf Wiedersehen.“ Das Brett wird später von seinen Angehörigen neben der Leiche des alten Mannes gefunden. (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 183-D0114-0007-001, Januar 1945)
Der 80-jährige Tischlermeister Wilhelm Ebert wird in Magdeburg nach einem britisch-amerikanischen Bombenangriff in seinem Haus verschüttet und kann sich nicht befreien. Er schreibt auf ein Brettchen: „Nun ist keine Rettung mehr. - Es brennt von oben runter und hier erstickt man. Der Opa - auf Wiedersehen.“ Das Brett wird später von seinen Angehörigen neben der Leiche des alten Mannes gefunden. (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 183-D0114-0007-001, Januar 1945)

17. Januar: Die Rote Armee befreit Warschau.

27. Januar: Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz

30. Januar: Ein sowjetisches U-Boot versenkt vor Pommern das deutsche Motorschiff Wilhelm Gustloff. Bis zu 9’000 Menschen kommen ums Leben. Es ist die verlustreichste Schiffskatastrophe in der Geschichte. An Bord befanden sich deutsche Zivilisten und Wehrmachtsangehörige aus Ostpreussen, die vor der vorrückenden Roten Armee flüchteten.

Plakat der NSDAP, Januar 1945 (Bild: Deutsches Bundesarchiv, Plak 003-029-061)
Plakat der NSDAP, Januar 1945 (Bild: Deutsches Bundesarchiv, Plak 003-029-061)

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1. Februar: Berlin wird zur Festung

Joseph Goebbels lässt rund um die Stadt Verteidigungsanlagen bauen. Der Bevölkerung wird befohlen, Strassensperren und Panzergräben zu bauen.

Bau von Verteidigungsanlagen und Strassensperren in Berlin.  Zur Verstärkung einer Panzersperre am S-Bahnhof Hermannstrasse in Neukölln graben Volkssturmsoldaten am 10. März 1945 Eisenträger ein.  (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 183-J31319)
Bau von Verteidigungsanlagen und Strassensperren in Berlin. Zur Verstärkung einer Panzersperre am S-Bahnhof Hermannstrasse in Neukölln graben Volkssturmsoldaten am 10. März 1945 Eisenträger ein. (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 183-J31319)

Berlin, Oranienstrasse am Moritzplatz nach dem alliierten Angriff am 3. Februar 1945 (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 183-J31327)
Berlin, Oranienstrasse am Moritzplatz nach dem alliierten Angriff am 3. Februar 1945 (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 183-J31327)

Auf der Krim treffen sich „Die grossen Drei“ zu einem Gipfeltreffen. Diskutiert wird dabei unter anderem die Zerstückelung Deutschlands nach dem Krieg. Ein definitiver Beschluss wird nicht gefasst.

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4. – 11. Februar: Konferenz von Jalta

Winston Churchill, Franklin D. Roosevelt und Josef Stalin in Jalta im Februar 1945 (Bild: Keystone/Photopress-Archiv)
Winston Churchill, Franklin D. Roosevelt und Josef Stalin in Jalta im Februar 1945 (Bild: Keystone/Photopress-Archiv)
  • 11. Februar: Die Rote Armee befreit Budapest.
     
  • 13.–15. Februar: Amerikanische und britische Bomber und Kampfflugzeuge bombardieren Dresden: 20’000 bis 25’000 Tote
     
  • 22./23. Februar: 3’500 Bomber und 3’000 Kampfflugzeuge der US Air Force und der RAF bombardieren Häfen, Bahnhöfe, Züge, Schiffe und Brücken.

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Ein Land in Trümmern

Berlin, die Stallschreiberstrasse nach einem alliierten Luftangriff (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 183-J31345, Februar/März 1945)
Berlin, die Stallschreiberstrasse nach einem alliierten Luftangriff (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 183-J31345, Februar/März 1945)

Köln, Hohenzollernbrücke, dahinter der Dom (Deutsches Bundesarchiv, B 145 Bild-P008041, 1945)
Köln, Hohenzollernbrücke, dahinter der Dom (Deutsches Bundesarchiv, B 145 Bild-P008041, 1945)

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7. März: Die Brücke von Remagen

Es war ein Glücksfall, wie Churchill schreibt. Unerwartet finden die Alliierten die Rhein-Brücke von Remagen bei Bonn passierbar vor. Zwar hatten die Deutschen alle Rheinbrücken gesprengt, um ein Vorrücken der Alliierten zu verhindern. Auch die Eisenbahnbrücke von Remagen  griffen sie mit Bombern, Tauchern und V-2-Raketen an. Doch die 325 Meter lange Brücke hielt vorerst stand.

Das erlaubt den amerikanischen und britischen Soldaten erstmals den Rhein zu überqueren. Tausende alliierte Soldaten bilden am Ostufer des Flusses einen Brückenkopf und dringen dann ins Innere Deutschlands vor.

Amerikanische Soldaten auf der beschädigten Brücke von Remagen, zwischen dem 8. und 10. März (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 173-0422, Helmut J. Wolf)
Amerikanische Soldaten auf der beschädigten Brücke von Remagen, zwischen dem 8. und 10. März (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 173-0422, Helmut J. Wolf)

Zehn Tage nach der Eroberung durch die Alliierten stürzt die Brücke ein. (Bild: PD)
Zehn Tage nach der Eroberung durch die Alliierten stürzt die Brücke ein. (Bild: PD)

17. März: Koblenz fällt

Soldaten der Dritten U.S. Army nehmen nach heftigen Strassenkämpfen Koblenz ein. Im Bild die Kastorpfaffenstrasse (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 146-1970-088-30)
Soldaten der Dritten U.S. Army nehmen nach heftigen Strassenkämpfen Koblenz ein. Im Bild die Kastorpfaffenstrasse (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 146-1970-088-30)
  • 22. März Hildesheim zerstört.

Anfang April besucht Hitler in Begleitung von Hermann Göring (Mitte) eine Truppeneinheit der deutschen Wehrmacht. (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 183-1983-0331-500)
Anfang April besucht Hitler in Begleitung von Hermann Göring (Mitte) eine Truppeneinheit der deutschen Wehrmacht. (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 183-1983-0331-500)
  • 11. April: Befreiung der KZ Buchenwald und Mittelbau-Dora
     
  • 12. April: Der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt stirbt. Nachfolger wird der bisherige Vizepräsident Harry S. Truman.
     
  • 15. April: Befreiung des KZ Bergen-Belsen

Frankfurt/Main: Passanten gehen an gefallenen, deutschen Soldaten vorbei. (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 146-1971-054-23)
Frankfurt/Main: Passanten gehen an gefallenen, deutschen Soldaten vorbei. (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 146-1971-054-23)
  • 23. April: Beginn der Schlacht um Berlin
     
  • 23. April: Befreiung des KZ Sachsenhausen
     
  • 23. April: Befreiung des KZ Flossenbürg

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25. April: Begegnung in Torgau

Die von Westen her vorrückenden amerikanischen und die von Osten her kommenden sowjetischen Soldaten treffen sich an der Elbe in Torgau in Sachsen. Diese erste Begegnung findet auf einer Wiese inmitten getöteter Zivilisten statt.

Das berühmte Foto ist gestellt. Amerikanische und sowjetische Soldaten sind sich schon einige Stunden früher begegnet. Für die Fotografen reichten sie sich dann erneut die Hände. Ein weiteres Propagandabild wird am 27. April aufgenommen. (Bild: Keystone/Str)
Das berühmte Foto ist gestellt. Amerikanische und sowjetische Soldaten sind sich schon einige Stunden früher begegnet. Für die Fotografen reichten sie sich dann erneut die Hände. Ein weiteres Propagandabild wird am 27. April aufgenommen. (Bild: Keystone/Str)

Das Bild entsteht nach der ersten Begegnung: Amerikanische und sowjetische Soldaten Arm in Arm in den Strassen von Torgau (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 183-1985-0531—314)
Das Bild entsteht nach der ersten Begegnung: Amerikanische und sowjetische Soldaten Arm in Arm in den Strassen von Torgau (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 183-1985-0531—314)

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  • 28. April: Am Comersee wird Benito Mussolini erschossen.

Adolf Hitler begutachtet Ende April 1945, kurz vor seinem Suizid, in Berlin die zertrümmerte Reichskanzlei. Es ist eines der letzten Bilder des Diktators. (Foto: Keystone/AP/Photopress-Archiv)
Adolf Hitler begutachtet Ende April 1945, kurz vor seinem Suizid, in Berlin die zertrümmerte Reichskanzlei. Es ist eines der letzten Bilder des Diktators. (Foto: Keystone/AP/Photopress-Archiv)
  • 29. April: Hitler verfasst sein „politisches Testament“. Darin ernennt er Grossadmiral Karl Dönitz zum Reichspräsidenten und Oberbefehlshaber der Wehrmacht. Joseph Goebbels wird zum Reichskanzler bestimmt.

Hitler empfängt im Führerbunker kurz vor seinem Suizid den Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, Grossadmiral Karl Dönitz. (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 183-V00538-3, April 1945)
Hitler empfängt im Führerbunker kurz vor seinem Suizid den Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, Grossadmiral Karl Dönitz. (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 183-V00538-3, April 1945)
  • 29. April: Hitler heiratet Eva Braun im Führerbunker. Goebbels ist Trauzeuge.
     
  • 29. April: Befreiung des KZ Dachau
     
  • Ende April: Befreiung des KZ Neuengamme
     
  • 30. April: Befreiung des KZ Ravensbrück

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30. April: Die Sowjet-Flagge auf dem Reichstag

Die Rote Armee hisst auf dem Reichstagsgebäude in Berlin die Rote Fahne. Das Bild des Fotografen Jewgeni Chaldei ist zur Ikone geworden und symbolisiert den Zusammenbruch von Nazi-Deutschland. Die Sowjets wussten um die Macht der Bilder.

Um die Entstehung des Fotos kreisen zahlreiche Mythen. Bereits vor der Aufnahme dieses Bildes sollen sowjetische Flaggen auf dem Reichstag gehisst worden sein. Sicher ist, dass das berühmt gewordene Bild nachgestellt wurde und erst am 2. Mai entsteht. Nicht restlos geklärt ist, wieweit es retouchiert worden ist. Der Rauch im Hintergrund wurde offenbar schwarz eingefärbt, um die Szene zu dramatisieren. (Bild: mil.ru, минобороны.рф), Verteidigungsministerium der Russischen Föderation)
Um die Entstehung des Fotos kreisen zahlreiche Mythen. Bereits vor der Aufnahme dieses Bildes sollen sowjetische Flaggen auf dem Reichstag gehisst worden sein. Sicher ist, dass das berühmt gewordene Bild nachgestellt wurde und erst am 2. Mai entsteht. Nicht restlos geklärt ist, wieweit es retouchiert worden ist. Der Rauch im Hintergrund wurde offenbar schwarz eingefärbt, um die Szene zu dramatisieren. (Bild: mil.ru, минобороны.рф), Verteidigungsministerium der Russischen Föderation)

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30. April: Hitler begeht Suizid

Churchill beschreibt Hitlers Suizid in seinen Memoiren so:

„Der Tag begann mit Routinearbeiten im Luftschutzkeller der Reichskanzlei; später traf dann die Nachricht vom Ende Mussolinis ein. Das war ein Menetekel. Am 30. nahmen Hitler und seine Umgebung noch ruhig das Mittagessen ein; dann gab er allen Anwesenden die Hand und zog sich in sein Zimmer zurück. Um halb vier Uhr fiel ein Schuss. Man betrat sein Zimmer und fand ihn auf dem Sofa liegen. Er hatte sich eine Kugel in den Mund gejagt; neben ihm lagen der Revolver und die Leiche Eva Brauns, die er noch in den letzten Tagen in aller Heimlichkeit geheiratet hatte. Sie hatte Gift genommen. Man brachte die Toten in den Hof, wo man sie verbrannte.“

(Bild: Ludovic Kennedy, War Papers, 1989/Journal21.ch)
(Bild: Ludovic Kennedy, War Papers, 1989/Journal21.ch)

Der britische Soldat Edward Law raucht eine Zigarette in Hitlers Lehnstuhl in der zerstörten Reichskanzlei. (Foto: Keystone/Str)
Der britische Soldat Edward Law raucht eine Zigarette in Hitlers Lehnstuhl in der zerstörten Reichskanzlei. (Foto: Keystone/Str)

Zwei russische Soldaten zeigen am 7. Mai 1945 im zerstörten Garten der Reichskanzlei auf die Grube, in welcher die Leichen Adolf Hitlers und seiner Frau Eva Braun nach deren Suizid vom 30. April 1945 verbrannt und verscharrt sein sollen. Neben der Grube sind drei leere Benzinkanister zu erkennen. (KEYSTONE/Str)
Zwei russische Soldaten zeigen am 7. Mai 1945 im zerstörten Garten der Reichskanzlei auf die Grube, in welcher die Leichen Adolf Hitlers und seiner Frau Eva Braun nach deren Suizid vom 30. April 1945 verbrannt und verscharrt sein sollen. Neben der Grube sind drei leere Benzinkanister zu erkennen. (KEYSTONE/Str)

Sowjetische Soldaten feiern singend ihren Sieg und das Ende der Kämpfe. (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 183-R83727, Mai 1945)
Sowjetische Soldaten feiern singend ihren Sieg und das Ende der Kämpfe. (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 183-R83727, Mai 1945)

Sowjetische Soldaten auf der Berliner Charlottenburger Chaussee vor der Siegessäule (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 183-R83727, Mai 1945)
Sowjetische Soldaten auf der Berliner Charlottenburger Chaussee vor der Siegessäule (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 183-R83727, Mai 1945)

1. Mai Admiral Dönitz ruft dazu auf, den Krieg im Osten fortzusetzen.

1. Mai: Goebbels Ende

Propagandaminister Joseph Goebbels und seine Frau Magda töten im Führerbunker ihre sechs Kinder mit Zyankali und nehmen – laut verschiedenen Quellen – anschliessend selbst Zyankali. Laut Churchill soll Goebbels einer SS-Wache befohlen haben, ihn und seine Frau zu erschiessen.

Familienporträt Goebbels: Mitte Magda Goebbels, Joseph Goebbels mit ihren sechs Kindern Helga, Hildegard, Helmut, Hedwig, Holdine und Heidrun. Dahinter Harald Quandt, ein Sohn Magdas aus erster Ehe, in der Uniform eines Feldwebels der Luftwaffe. Das Bild stammt aus den Jahren 1940/1942. (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 146-1978-086-03)
Familienporträt Goebbels: Mitte Magda Goebbels, Joseph Goebbels mit ihren sechs Kindern Helga, Hildegard, Helmut, Hedwig, Holdine und Heidrun. Dahinter Harald Quandt, ein Sohn Magdas aus erster Ehe, in der Uniform eines Feldwebels der Luftwaffe. Das Bild stammt aus den Jahren 1940/1942. (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 146-1978-086-03)
  • 5. Mai: Befreiung des KZ Mauthausen (inkl. Gusen)
     
  • 6. Mai Berlin wird von den Sowjets vollständig eingenommen.

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7./8. Mai: Bedingungslose Kapitulation

Dönitz will Zeit gewinnen und die deutschen Soldaten aus dem sowjetischen Machtbereich nach Deutschland zurückholen. Er versucht mit Eisenhower einen separaten Waffenstillstand mit den Westalliierten zu schliessen. Dazu schickt er am 6. Mai Generaloberst Jodl ins amerikanische Hauptquartier in Reims zu General Eisenhower. Dieser lehnt einen Separatfrieden ab und verlangt die totale, bedingungslose Kapitulation.

Jodl schreibt darauf an Dönitz:

„General Eisenhower besteht darauf, dass wir heute unterzeichnen. ... Ich sehe keinen anderen Ausweg: Unterzeichnen oder Chaos. Bitte bestätigen Sie mir unverzüglich durch Funk, dass ich zur Unterzeichnung der Kapitulation bevollmächtigt bin.“

Dönitz bestätigt. Jodl unterzeichnet am 7. Mai um 02:41 Uhr.

Generaloberst Alfred Jodl am 7. Mai 1945 in Reims vor der Unterzeichnung der Kapitulationsurkunde. Links General Wilhelm Oxenius; rechts Admiral Hans-Georg von Friedeburg. Jodl wird im Nürnberger Prozess zum Tode verurteilt und gehängt.  (Bild: Keystone/Photopress-Archiv/Str)
Generaloberst Alfred Jodl am 7. Mai 1945 in Reims vor der Unterzeichnung der Kapitulationsurkunde. Links General Wilhelm Oxenius; rechts Admiral Hans-Georg von Friedeburg. Jodl wird im Nürnberger Prozess zum Tode verurteilt und gehängt. (Bild: Keystone/Photopress-Archiv/Str)

Danach tritt die Kapitulation der Wehrmacht und aller Teilstreitkräfte am 8. Mai um 23.01 Uhr MEZ in Kraft (0:01 Uhr deutsche Sommerzeit).

8. Mai: In Europa und den USA gehen Hunderttausende auf die Strasse und feiern den VE-Day, den Victory in Europe Day.

8. Mai: Dönitz verkündet über den Flensburger Radiosender die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht.

9. Mai: In Berlin-Karlshorst wird am Sitz des Oberkommandierenden der Roten Armee in Deutschland, Georgi K. Schukow, ein weiteres Kapitulationsdokument unterzeichnet, und zwar von Wilhelm Keitel, dem Chef des Oberkommandos der Wehrmacht sowie den Oberbefehlshabern von Heer, Luftwaffe und Kriegsmarine.

Wilhelm Keitel, der Oberkommandierende der Wehrmacht, unterzeichnet im sowjetischen Hauptquartier in Berlin-Karlshorst die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht. Keitel wird im Nürnberger Prozess für schuldig befunden und zum Tod durch den Strang verurteilt. (Bild: PD)
Wilhelm Keitel, der Oberkommandierende der Wehrmacht, unterzeichnet im sowjetischen Hauptquartier in Berlin-Karlshorst die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht. Keitel wird im Nürnberger Prozess für schuldig befunden und zum Tod durch den Strang verurteilt. (Bild: PD)

Für das sowjetische Oberkommando unterzeichnete Marschall Schukow.

Marschall Georgi K. Schukow unterzeichnet als Vertreter des Oberkommandos der Roten Armee die Kapitulationsurkunde. Links neben Schukow: der stellvertretende sowjetische Aussenminister A. J. Wyschinskij, rechts Armeegeneral W. D. Sokolowski. Die Sowjetunion erleidet im Krieg die höchsten Verluste. Auf sowjetischer Seite starben 13 Millionen Armeeangehörige und 14 Millionen Zivilisten. (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 183-J0422-0600-002, 8. Mai 1945)
Marschall Georgi K. Schukow unterzeichnet als Vertreter des Oberkommandos der Roten Armee die Kapitulationsurkunde. Links neben Schukow: der stellvertretende sowjetische Aussenminister A. J. Wyschinskij, rechts Armeegeneral W. D. Sokolowski. Die Sowjetunion erleidet im Krieg die höchsten Verluste. Auf sowjetischer Seite starben 13 Millionen Armeeangehörige und 14 Millionen Zivilisten. (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 183-J0422-0600-002, 8. Mai 1945)

Durch die Zeitverschiebung tritt die Kapitulation erst am 9. Mai Moskauer Zeit in Kraft. Deshalb feierte die Sowjetunion und Russland heute den 9. Mai als „Tag des Sieges“ und Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa.

  • 9. Mai: Befreiung des KZ Stutthof

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Danach

Die ersten Nachkriegstage: Eine Frau sitzt in Berlin auf einem Klappstuhl inmitten von Trümmern und liest. Im Hintergrund die Marienkirche (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 183-M1015-325, 1945, Otto Donath)
Die ersten Nachkriegstage: Eine Frau sitzt in Berlin auf einem Klappstuhl inmitten von Trümmern und liest. Im Hintergrund die Marienkirche (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 183-M1015-325, 1945, Otto Donath)

Berlin-Wilmersdorf in den ersten Nachkriegstagen: Warteschlange an einer Ausgabestelle für Frischmilch (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 183-S74008)
Berlin-Wilmersdorf in den ersten Nachkriegstagen: Warteschlange an einer Ausgabestelle für Frischmilch (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 183-S74008)
  • 21. Mai: Heinrich Himmler, der zweitmächtigste Mann im Nazi-Staat und Hauptverantwortlicher für den Holocaust, wird in Meinstedt in Niedersachsen von den Briten festgenommen. Am 23. Mai beisst er im Verhörzimmer in Lüneburg auf eine Zyankali-Kapsel.

                                                ***

17. Juli – 2. August: Konferenz von Potsdam

Im Schloss Cecilienhof bei Potsdam findet die Potsdamer Konferenz statt. Offiziell heisst sie: „Dreimächtekonferenz von Berlin“. Auf britischer Seite nimmt zunächst Winston Churchill teil.

Churchill in Potsdam (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 183-14059-0005, Juli/August 1945)
Churchill in Potsdam (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 183-14059-0005, Juli/August 1945)

Nach der Wahlniederlage seiner Konservativen Partei am 3. Juli wird er ersetzt durch den neuen Premierminister Clement Attlee.

Clement Attlee, Harry S. Truman, Josef Stalin in Potsdam. Hinten rechts der sowjetische Aussenminister Molotow (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 183-R86965, Juli/August 1945)
Clement Attlee, Harry S. Truman, Josef Stalin in Potsdam. Hinten rechts der sowjetische Aussenminister Molotow (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 183-R86965, Juli/August 1945)

An der Potsdamer Konferenz wird unter anderem Deutschland in vier Besatzungszonen aufgeteilt.

                                                    ***

Nach der bedingungslosen Kapitulation der Deutschen wird in Asien weitergekämpft. Am 6. und 9. August fallen die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki. Am 2. September 1945 unterzeichnet Japan die Kapitulationsurkunde. Damit geht der Zweite Weltkrieg auch in Asien zu Ende. Er hat je nach Quelle zwischen 55 und 66 Millionen Todesopfer gefordert. Rechnet man jene Opfer dazu, die nach dem Ende der Kampfhandlungen als Folge des Krieges starben, so kommt man auf bis 80 Millionen Tote.

Der zweite Weltkrieg gilt als die blutigste militärische Auseinandersetzung in der Geschichte der Menschheit.

Literatur:

  • Winston Churchill: Der Zweite Weltkrieg, Alfred Scherz Verlag Bern, 1954
  • Heinrich August Winkler: Der lange Weg nach Westen, Band 2, Deutsche Geschichte vom Dritten Reich bis zur Wiedervereinigung, C.H. Beck, 2009
  • Ian Kershaw: Das Ende. Kampf bis in den Untergang. NS-Deutschland 1944/45. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2011
  • Ian Kershaw: Höllensturz. Europa 1914–1949. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2016
  • Rolf-Dieter Müller: Hitlers Wehrmacht 1935 bis 1945 (Bd. 4). Oldenbourg, München 2012
  • Deutsches Bundesarchiv, Koblenz
  • Ludovic Kennedy, War Papers, 1989
  • Nikolaus Wachsmann: „Kl – Die Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager“. Siedler, München, 2016
  • Wolfgang Benz, Hermann Graml, Hermann Weiss: „Enzyklopädie des Nationalsozialismus“. Klett-Cotta, Stuttgart, 2007 (überarbeitete Ausgabe von 1997)

Siehe auch:
Journal21: KZ-Gedenkfeiern abgesagt
Journal21: Odyssee einer Leiche
Journal21: Instrumentalisierter Feuersturm

 

Kommentare

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Tragisch ist es, dass Deutschland 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges heute zu den grössten Exporteuren von Kriegsmaterial gehört und sich auch wieder an Kriegen beteiligt. Angeblich um den Frieden zu sichern. Friedrichshafen über dem Bodensee wurde im Zweiten Weltkrieges durch alliierte Bomber zerstört. Die Region Friedrichshafen war ein wichtigen Standort des Vernichtungskrieges von Hitler gewesen. Das mussten die Einwohner von Friedrichshafen teuer bezahlen: Die Stadt wurde durch die Bomben der Alliierten dem Boden gleichgemacht, in Schutt und Trümmer gelegt. Tausende Menschen starben oder wurden obdachlos.

Heute wird in Friedrichshafen wieder Kriegsmaterial produziert. Die Parole: «Nie wieder Krieg» wurde ersetzt durch das Leitmotiv: «Geschäfte mit dem Krieg». Heute sind die Rüstungsfirmen rund um den Bodensee grösser und mächtiger denn je. Ihre Produkte sind so tödlich wie noch nie.

Die meisten guten Bürger in Friedrichshafen haben sich mit der Rüstungsindustrie «arrangiert». Fast niemand stellt Fragen nach Sinn, Zweck, Moral und Schuld, stellt Fragen zu den Toten und den Zerstörungen, die von Friedrichshafen und vom «schönen Bodensee» ausgehen. Rainer Schmid, ein Pfarrer der zivile Produktion statt die Herstellung von Rüstungsgütern forderte, war in Friedrichshafen nicht mehr tragbar, er wurde von der Kirche nach Aalen in den Norden versetzt. Für Diskussions-Veranstaltungen über die Produktion von Kriegsmaterial werden von der Kirche in Friedrichshafen keine Versammlungslokale zur Verfügung gestellt.

Deutschland gehört heute, wie oben schon erwähnt, zu den grössten Rüstungsexporteuren dieser Welt. Waffen aus der Bundesrepublik kommen im Krieg im Jemen, Syrien, Afghanistan und vielen anderen Kriegen zum Einsatz. Deutschland beteiligte sich selbst am Krieg auf dem Balkan, am Krieg in Afghanistan, in Syrien usw. Trotzdem lieferte die Schweiz diesem Land für hunderte Millionen Franken Kriegsmaterial.
Kriegsmaterialexporte der Schweiz wären zwar nach der Kriegsmaterialverordnung verboten, «wenn das Land in einen internen oder internationalen Konflikt verwickelt ist.» Aber die Kriegsmaterialverordnung kümmert den Bundesrat nicht und auch nicht die Nationalbank, die Banken, Versicherungen und Pensionskassen (auch die Pensionskasse SBB und der Stadt Zürich nicht), die um maximale Profite zu machen in Rüstungskonzerne investieren.

Eine sehr interessante Übersicht über diese wichtigen historischen Tage. Besten Dank!

Grossartige Rückschau auf das Kriegs-Ende vor 75 Jahren mit tollen Archiv Bildern, trotz der Tragik.
Selber würde ich gerne noch etwas mit selbst Besuchtem ergänzen:
16. bis 19. April Eröffnung der Schlacht um Berlin mit der Schlacht um die Seelower Höhen mit ca. 130'000 Gefallenen und 40.000 deutschen Verwundeten.
25. bis 28. April Kesselschlacht von Halbe gegen die Rote Armee mit insgesamt ca. 60'000 Toten und 120'000 deutschen Gefangenen. Ausbruch unter General Busse am 29. April unter schwersten Verlusten mit Ergebung den Alliierten ab 1. Mai. Busse selbst setzte sich ab und kam im Juli 1945 aber doch in US Kriegsgefangenschaft.
Nie wieder Krieg!

Erinnerung ist wichtig. Vielleicht lassen sich so weitere Abschlachtungen vermeiden

SRF Archiv

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