Odyssee einer Leiche

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Odyssee einer Leiche

Von Heiner Hug, 18.04.2020

Vor 75 Jahren wurde Mussolini erschossen. Seine Überreste kamen lange nicht zur Ruhe. Eine makabre, abenteuerliche Geschichte.

„Zielt mitten aufs Herz“, rief er den Partisanen zu. Und das taten sie. Das war vor 75 Jahren.

Am 28. April 1945 werden Benito Mussolini und seine Geliebte Clara Petacci vor dem Tor der Villa Belmonte im Dorf Giulino di Mezzagra am Comersee erschossen. Auf Mussolini werden sieben Schüsse abgefeuert.

Der Diktator, der Hunderttausenden den Tod brachte und Millionen ins Elend stürzte, hat alles verloren. Aus Rom war er längst davongejagt worden. Als die Alliierten von Süditalien nach Norden zogen, schufen die Nazis in Norditalien ein letztes faschistisches Bollwerk: Die „Repubblica Sociale Italiana“. Mussolini wurde Staatschef – eine Marionette der SS.

Das letzte Bild

Er residiert mit seiner Familie in der Villa Feltrinelli in Gargnano nördlich von Salò am Gardasee. Doch nun bricht auch die „Republik Salò“ zusammen. Die Deutschen ziehen ab. Am Nachmittag des 25. April begibt sich Mussolini unter dem Schutz der SS von Salò nach Mailand. Dort trifft er mit Vertretern der antifaschistischen „Nationalen Widerstandsbewegung“ (CNL) zusammen und versucht seine Haut zu retten. Doch die neuen Machthaber gehen nicht auf seine Wünsche ein. Nach dieser Begegnung entsteht das letzte Bild, das den lebenden Diktator zeigt.

Das letzte Bild: Mussolini (Mitte) in Mailand. Links SS-Kommandant Fritz Birzer. (Foto: PD)
Das letzte Bild: Mussolini (Mitte) in Mailand. Links SS-Kommandant Fritz Birzer. (Foto: PD)

Jetzt bleibt Mussolini nur die Flucht. Doch wohin? Die Wege nach Süden, Osten und Westen sind von Partisanen versperrt. Bleibt der Norden. Zusammen mit seinen letzten Getreuen macht er sich auf seine letzte Reise. Zuerst flieht er nach Como in der Hoffnung, vielleicht doch die Schweizergrenze überqueren zu können. Es ist eine „kopf- und ziellose Flucht eines verzweifelten Mannes“, schreibt der Historiker Hans Woller (nicht zu verwechseln mit unserem Frankreich-Korrespondenten Hans Woller). Er stülpt sich einen deutschen Stahlhelm über, zieht einen deutschen Militärmantel an und schliesst sich einer Nachrichteneinheit der deutschen Luftwaffe an, die dabei ist, Italien zu verlassen.

Längst hatten ihn die meisten seiner engen Mitstreiter verlassen. Begleitet auf seiner Flucht wird er unter anderen von einigen seiner Minister, einem Parteifunktionär und seinem Privatsekretär. Und der 29 Jahre jüngeren Clara Petacci (im Bild), die seit Jahren seine Geliebte ist.

Doch weit kommen sie nicht. In Dongo nahe dem Comersee werden sie von kommunistischen Partisanen aufgehalten und erkannt.

Die 52. Garibaldi-Brigade versteckt Mussolini und Petacci zunächst in einem Bauernhof im nahen Dorf Giulino di Mezzagra. Dann bringen ihn die Partisanen vor das Dorf. „Oberst Valerio“, der in Wirklichkeit Walter Audisio heisst (im Bild) und im Spanischen Bürgerkrieg gedient hatte, erschiesst die beiden mit einer französischen Maschinenpistole MAS-38. Anschliessend kehrt Audisio nach Dongo zurück und liquidiert auch die letzte Entourage des Diktators.

Alle Leichen werden auf einen Möbelwagen gepackt und in der Nacht nach Mailand gebracht. Dort, auf der Piazzale Loreto, findet am nächsten Morgen, einem Sonntag, ein grausiges und bestialisches Schauspiel statt. Die Leichen werden auf den Platz gekippt. Tausende strömen herbei; sie hatten am Radio von Mussolinis Tod erfahren. Die Leiche des Diktators wird von Schaulustigen bespuckt und getreten. Frauen und Männer urinieren auf den leblosen Körper. Ein Mann steckt eine tote Maus in Mussolinis Mund. Eine Frau schiesst 25 Mal auf die Leiche: fünf Schüsse für jedes ihrer fünf Kinder, die sie im Krieg verloren hat.

Dann werden Mussolini, Clara Petacci und drei weitere Faschisten unter Hohngeschrei an einer Tankstelle kopfüber hochgezogen und mit Müll und Steinen beworfen.

Piazzale Loreto, Mailand, 29. April 1945. Mussolini: zweiter von links, Petacci: dritte von links (Foto: PD)
Piazzale Loreto, Mailand, 29. April 1945. Mussolini: zweiter von links, Petacci: dritte von links (Foto: PD)

Nicht genug: Inzwischen wird auch der faschistische Parteifunktionär Achille Starace aufgegriffen. Ein „Volksgerichtshof“ der Partisanen verurteilt ihn im Eilverfahren zum Tod. Die Partisanen stellen ihn vor die fünf aufgehängten Leichen und fordern ihn auf, die Toten mit dem Römischen Gruss (ausgestreckter Arm) zu grüssen. Während Starace das tut, wird er von hinten erschossen und ebenfalls an den Füssen aufgehängt.

Öffentliche Leichenschau

Mitten in der Volksfeststimmung befiehlt nun der angereiste amerikanische Militärgouverneur in der Lombardei, die Leichen abzunehmen.

In einer Leichenhalle der Universität Mailand wird Mussolini vom italienischen Professor Caio Mario Cattabeni obduziert, und zwar unter den Augen von Schaulustigen, Journalisten, Fotografen und amerikanischen Ärzten. Mit der öffentlichen Leichenschau soll jeder Zweifel über die Identität des Toten ausgeräumt werden.

Jetzt beginnt die Odyssee. Damit die letzten Ruhestätten nicht zu einem Wallfahrtsort der noch immer aktiven Faschisten werden, werden die Leichen anonym am Stadtrand auf dem „Cimitero milanese di Musocco“ begraben. Alle erhalten auf Feld 16 ein Einzelgrab. Mussolini liegt im Grab Nummer 384. Doch seine Ruhe dauert nur ein knappes Jahr.

Raub der Leiche

In der Nacht von Ostermontag auf Dienstag schleicht sich eine Gruppe Faschisten, angeführt von Domenico Leccisi, auf den Friedhof. Es ist die Nacht vom 22. auf den 23. April 1946. Sie graben Mussolinis Leiche aus und lassen im Sarg einen Stiefel und ein faschistisches Pamphlet zurück. Darin heisst es:

Endlich, oh Duce, haben wir dich bei uns. Wir werden dich mit Rosen umgeben, aber das Parfüm deiner Tugenden wird das der Rosen übertreffen.

Der Corriere Lombardo am 24. April 1946
Der Corriere Lombardo am 24. April 1946

Und jetzt: das leere Grab nach Ostern. Viele Faschisten ziehen eine Parallele zur Auferstehung Christi. Nun also die Wiederauferstehung des Faschismus.

In einer Hütte versteckt

Die Leiche wird in einen Gummisack gepackt und in eine Kiste gequetscht. Mussolini hat in den letzten schwierigen Jahren 30 Kilo verloren und wiegt jetzt noch deren 60. Dennoch: Die Holzkiste ist nur 90 Zentimeter lang, 60 Zentimeter breit und 40 Zentimeter hoch – für den 1.69 Meter grossen Toten eine enge Bleibe.

Die Kiste wird über die steile, damals schlecht ausgebaute Splügenpass-Strasse ins Veltliner Dorf Madesimo transportiert. Hier, unweit der Grenze zum Kanton Graubünden, wird Mussolini in einer Hütte, die einem der Leichendiebe gehört, versteckt. Nachdem einer der Räuber festgenommen worden war, fürchtet Leccisi, das Versteck könnte preisgegeben werden.

In der Kapelle des Heiligen Matthäus

In einer überstürzten Aktion führt er die Leiche am 30. Mai  zurück nach Mailand. Er bringt sie ins Convento di Sant’Angelo, mit dem er vorher Kontakt aufgenommen hatte.

Hier im Franziskanerkonvent wird die Kiste deponiert, und zwar in einer Kapelle, die dem heiligen Matthäus geweiht ist. Einige Mönche argumentieren, auch Mussolini müsse christliche Barmherzigkeit geniessen. Andere Mönche waren bekannt als Sympathisanten der Faschisten. Der Superiore des Klosters hat nach dem Krieg ehemalige Faschisten und Nazis beschützt und mit Falschgeld gehandelt.

Transport in die Kartause von Pavia

Die Polizei hat einen Verdacht und befragt einige der Mönche. Leccisi wird festgenommen, doch er gibt das Geheimnis nicht preis.

Doch die Mönche des Klosters Sant’Angelo wollen nicht, dass man die Leiche bei ihnen findet. Deshalb transportieren sie die Kiste in die Certosa di Pavia. Die Kartause liegt südlich von Mailand. Und nun informieren die Franziskaner von Sant’Angelo den Mailänder Polizeipräsidenten Vincenzo Agnesina. Als die Polizei die Truhe öffnet, finden sie neben dem Gummisack mit der Leiche auch ein faschistisches, von Leccisi verfasstes Pamphlet.

Leccisis Werbecoup

Leccisi stahl die Leiche nicht aus Verehrung für den gestürzten Diktator. Hätte er Respekt vor dem Duce gehabt, hätte er ihn nicht – ziemlich unwürdig – in eine Kiste gepresst. Der Leichenraub war ein Werbecoup.

Leccisi, ein Faschist der ersten Stunde, hoffte nach dem verlorenen Krieg, den Faschismus neu beleben zu können – mit ihm an der Spitze. Er gründete eine neue faschistische Partei, den „Partito Fascista Democratico“ PFD und gab die Parteizeitung „Lotta fascista“ heraus. Mit dem Raub der Leiche wollte er Publizität für seine Partei schaffen und ihr Auftrieb geben. Das gelang nicht. Der PFD zählte nie mehr als ein paar hundert Mitglieder.

Wohin mit der Leiche?

Jetzt, nach der Übergabe in Pavia, ist die Leiche wieder in der Obhut der Behörden. Da man nicht sicher sein konnte, dass es sich bei den Überresten um jene von Mussolini handelt, schreitet man zu einer zweiten Obduktion. Wieder ist die Presse geladen. Wieder soll verhindert werden, dass Verschwörungstheorien über den Verbleib der Leiche in Umlauf geraten.

Und jetzt, wohin mit der Leiche? In Italien wimmelt es noch immer von Faschisten. In geheimer Mission wird Mussolini ins Kapuzinerkloster Cerro Maggiore nordöstlich von Mailand überführt. Dort wird er von Polizeichef Agnesina und einem Padre deponiert, und zwar in einem Zinksarg in einer kleinen Kapelle im ersten Stock des Klosters. Selbst die Mönche von Cerro Maggiore wissen nicht, wer da bei ihnen liegt.

Jetzt jagen sich die Gerüchte in den Medien. Man vermutet die Leiche in Rom, in der Certosa di Pavia oder im Kloster Monte Paolo bei Forlì.

Christdemokratisch-faschistischer Pakt?

1957 setzt der neue italienische Ministerpräsident Adone Zoli der Irrfahrt der Leiche ein Ende – aus eigenem Interesse. Die Democrazia Cristiana (DC), der Zoli angehört, hatte bei den Wahlen 1953 die absolute Mehrheit verloren. Die linken Parteien sind auf dem Vormarsch. Im Land herrscht eine grosse politische Instabilität.

Am 29. Mai 1957 soll der Christdemokrat Zoli neuer Ministerpräsident werden. Doch in der grossen Kammer sprechen ihm nur 305 Abgeordnete das Vertrauen aus – 24 mehr als die benötigte absolute Mehrheit. Und diese 24 Stimmen kommen vom faschistischen „Movimento Sociale Italiano“ (MSI). Zoli will zwar deshalb zurücktreten, doch schliesslich bleibt er. Da er auch später immer wieder vom MSI unterstützt wird, liegt der Verdacht nahe, dass es einen Pakt gab: Herausgabe der Leiche gegen parlamentarische Unterstützung.

Auf dem Rücksitz eines PKW

Am 28. August 1957 gibt die Regierung die Leiche frei. Mussolini wird unter strengster Geheimhaltung auf dem Rücksitz eines PKW in seinen Geburtsort Predappio in der Emilia-Romagna überführt. Dort wird er seiner Witwe Rachele und seinen fünf Kindern übergeben.

Der Sarg trifft in Predappio ein. (Foto: PD)
Der Sarg trifft in Predappio ein. (Foto: PD)

„Mussolini ruht in Predappio“ titelt am 1. September 1957 die den Faschisten nahestehende Zeitung „Il Secolo l'Italia“. „Nach zwölf Jahren wird die Leiche mit dem Duce Donna Rachele übergeben.“

„Mussolini ruht in Predappio“ titelt am 1 September 1957 die den Faschisten nahestehende Zeitung Il Secolo l'Italia. „Nach zwölf Jahren wird die Leiche mit dem Duce Donna Rachele übergeben.“
„Mussolini ruht in Predappio“ titelt am 1 September 1957 die den Faschisten nahestehende Zeitung Il Secolo l'Italia. „Nach zwölf Jahren wird die Leiche mit dem Duce Donna Rachele übergeben.“

Rachele, die Witwe, die ein Leben lang von Mussolini betrogen und teils verstossen wurde, schreibt später – mit faschistischer Hilfe – das Buch „Benito ed io: una vita insieme“, in dem sie den Diktator mit vielen erfundenen Geschichten in den Himmel lobt. Sie stirbt 1979.

Leccis, verehrt und bewundert

Leccisi (im Bild) starb 2008, verehrt und bewundert von alten und neuen Faschisten. Immer wieder wurde er zu Vorträgen eingeladen. Sein Buch über den Raub der Leiche war ein Bestseller. Nach dem Krieg beklagte er „die grösste von Menschen erlebte Tragödie“ (la più grande tragedia vissuta dagli uomini). Er meinte nicht den Krieg, sondern den Untergang des Faschismus. Leccisis Sohn, Gabriele, ein Anwalt, ist aktiv für die rechtsextreme Bewegung Casa Pound unterwegs. Im Mailänder Gemeinderat streckte er im vergangenen Jahr den Arm zum römischen Gruss und wurde dafür verurteilt. Und er sagt: „Ich bin äusserst stolz, ein Faschist zu sein.“ (Io sono orgogliosissimo di essere fascista.) Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.                                                   

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Predappio wurde schnell zu einem Pilgerort für Rechtsextreme. Vor allem an Mussolinis Geburts- und Todestag kamen jeweils zwei- bis dreitausend Menschen. Letztes Jahr jedoch waren es 20’000: eine Folge des Erstarkens rechtspopulistischer und rechtsextremer Strömungen im Land. Wegen Corona dürfte der diesjährige Aufmarsch geringer ausfallen.

Seit jeher findet in Italien eine Banalisierung der faschistischen Vergangenheit statt. Spricht man heute mit Italienerinnen und Italienern (auch mit gebildeten Leuten), heisst es oft: „Ja, Mussolini hat Fehler gemacht, aber so schlimm war er nun auch wieder nicht. Er hat viel Gutes getan.“ Die postfaschistische Partei „Fratelli d’Italia“ kommt laut letzten Meinungsumfragen auf 13 Prozent.

PS: Dort, auf der Piazzale Loreto in Mailand, wo Mussolini und einige seiner Getreuen vor 75 Jahren aufgehängt wurden, befindet sich heute ein McDonald’s.

Literatur, Artikel, Links

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