Der Islam und wir

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Der Islam und wir

Von Urs Meier, 16.01.2013

Nachdem das Minarettverbot in der Schweizer Verfassung steht, ist die Stellung des Islam in diesem Land für alle Beteiligten eine Herausforderung. Ein profunder Reader gibt Hintergrundwissen und Orientierung.

Der Band «Der Islam und wir» ist das Ergebnis eines höchst ungewöhnlichen zivilgesellschaftlichen Projekts. Während fünf Jahren diskutierten elf Personen in der Arbeitsgruppe «Religionspolitische Alternativen» den Islam als Phänomen der schweizerischen Gesellschaft und Politik. Vor dem Hintergrund wachsender Islamfeindlichkeit – 2006 begann der Minarettstreit, der in der deutlichen Annahme des Verbots neuer Minarette in der Volksabstimmung vom 29. November 2009 kulminierte – suchte die Arbeitsgruppe nach einem fundierten Verständnis dieser wachsenden und erstarkenden Religion sowie nach dem richtigen zivilen und politischen Umgang mit ihr. Das Ergebnis ist ein doppeltes: Zum einen legte die Arbeitsgruppe ihre Überlegungen als Buch vor; zum anderen reichte sie beim Zürcher Kantonsrat eine Petition für die sogenannte «kleine Anerkennung» islamischer Religionsgemeinschaften ein.

«Kleine Anerkennung» für islamische Gemeinschaften

Mit diesem 2009 lancierten politischen Vorstoss blieb die Arbeitsgruppe erfolglos. Das verwundert kaum, war doch 2003 bereits das sog. Anerkennungsgesetz, das ähnliche Ziele verfolgte, in einer Zürcher Volksabstimmung massiv verworfen worden. Das Buch dokumentiert die eingereichten Vorschläge einer Verfassungsänderung und eines dazugehörigen «Gesetzes des Kantons Zürich über die Religionsgemeinschaften islamischen Glaubens». Der Vorstoss sollte den Moslems unter bestimmten Bedingungen und Auflagen eine ungefähr mit dem Status der (bereits anerkannten) Juden vergleichbare Position ermöglichen.

Der politische Misserfolg dürfte die Arbeitsgruppe «Religionspolitische Alternativen» kaum überrascht und vermutlich nicht einmal sehr enttäuscht haben. Bei ihrem Projekt ging es ihr nicht um die rasche Beseitigung eines Problems. Vielmehr zeigte sie Perspektiven einer sinnvollen religionspolitischen Entwicklung auf, die allerdings sorgfältige Klärungen und verlässliche Willensbildungen bei allen Beteiligten voraussetzt.

Debatte in Zimmerlautstärke

Der Band «Der Islam und wir» widerspiegelt den Arbeits- und Meinungsbildungsprozess der Gruppe auf eindrückliche Weise. Die Autoren – ein Musiker mit philosophisch-theologischer Bildung, ein Arzt, ein Architekt und Stadtplaner, zwei Rechtsanwälte und ein Journalist – haben sich tief in die Materie eingearbeitet und präsentieren eine vieldimensionale Schau des Themas. «Der Islam und wir» ist ein Reader, ein Arbeitsbuch für Interessierte und Verantwortliche in Politik und Gesellschaft. Gründlichkeit und genaue Rechenschaft war den Verfassern wichtiger als leichte Lesbarkeit und Produktion talkshow-tauglicher Sentenzen. Niemand von diesem Autorenteam ist auf knackige Thesen aus. Es herrscht die Übereinkunft, die Sache sei zu wichtig, als dass sie zwecks eigener Profilierung breitgeschlagen werden dürfte.

Der Untertitel «Vom Dialog zur Politik» kennzeichnet sowohl den Inhalt wie den Stil. Das Buch ist ein Gesprächsangebot an alle, die mit dem Thema zu tun haben. Und es hat ein Ziel, nämlich Gesprächsresultate zu erzeugen, die in Politik umsetzbar sind. Die Debatte wird in Zimmerlautstärke geführt, aber sie soll die Arenen der robusteren Auseinandersetzungen alimentieren, inspirieren und orientieren.

Mit dem kantonsrätlichen Verdikt sind Arbeit und Zielsetzung der Autorengruppe nicht obsolet geworden. Vielmehr ist anzunehmen, dass mit der wachsenden Zahl von Einwohnern islamischen Glaubens und mit zunehmend selbstbewusster, fordernder Haltung mancher ihrer Exponenten das Thema Islam auf der politischen Tagesordnung bleibt und an Dringlichkeit gewinnt. Auch wenn manche sich berufen fühlen, mit markigen Parolen Leitlinien zu ziehen: die hierfür nötige Kompetenz ist nicht weit verbreitet. (Unfreiwillig zeigte dies die NZZ, die am 12. November 2009 einen Bericht über diese Petition mit «Neues Gesetz für Islamisten» übertitelte).

Erfahrung, Sachwissen und Augenmass

Jörg Thalmann setzt im ersten Beitrag des Readers den Ton von Sachlichkeit und Engagement. Er stützt sich auf persönliche Erfahrungen der Faszination und Irritation und bietet eine Übersicht der Reizthemen. Ähnlich persönlich gefärbt ist auch sein Streitgespräch mit Peter Rosenstock über Toleranz im Islam. Thalmann glaubt im Koran eine Stelle gefunden zu haben, die für ein aufgeklärt-modernes Toleranzverständnis zumindest offen ist. Rosenstock widerspricht; aus seiner Sicht geht der Koran nirgends über eine «Stufentoleranz» hinaus, die den Anhängern monotheistischer Religionen lediglich graduell mehr Rechte einräumt als denen polytheistischer oder animistischer Religionen – beiden Kategorien aber klar von oben herab begegnet. Die ausdauernd und akribisch geführte Debatte endet im Patt: «We agree to disagree».

Hervorzuheben ist ferner Peter Güllers Beitrag «Reformen im Islam». Das instruktive Kapitel zeichnet einige wichtige historische Entwicklungen nach, bei denen es zu reformerischen Aufbrüchen kam. Allerdings verliefen sie oft im Sand oder wurden in heftigen Gegenbewegungen abgewürgt. Güller fragt zum Schluss nach den Gründen für das Fehlen geschichtsmächtiger Neuerungen im Islam. Er sieht sie einerseits im Widerstand gegen eine Historisierung des Korans und in demütigenden Niederlagen der islamischen Welt gegen den Westen. Andererseits hält er kulturelle Faktoren wie die fest verankerten patriarchalen Herrschaftsmuster, die untergeordnete Stellung der Frauen und den politischen Autoritarismus für retardierende Elemente.

Der luzide Beitrag von Peter Rosenstock behandelt juristische und rechtsphilosophische Fragen des Verhältnisses von Religion und Staat. Dieses kompakte und lehrreiche Kapitel sollte eigentlich Pflichtlektüre sein für alle, die sich mit der politisch-rechtlichen Gestaltung dieser gar nicht einfachen Relation befassen.

Sämtlichen Aufsätzen – sie können hier nicht alle näher vorgestellt werden – eignet eine Haltung des unvoreingenommenen Forschens, der positiven Neugier gegenüber der kulturell und geistig immens reichen Welt des Islam. Gleichzeitig fordert das Buch die Muslime dazu heraus, ihre Haltung gegenüber der – im Grossen wie im Kleinen – irreversibel multireligiösen, multikulturellen Welt zu überprüfen. Leisetreterei ist die Sache dieser Arbeitsgruppe nicht, Zweckoptimismus ebenso wenig. Vielmehr macht sie deutlich, dass der erstrebte und erhoffte Religionsfrieden hohe Anforderungen stellt.

Peter Güller, Peter Rosenstock: Der Islam und wir. Vom Dialog zur Politik. Rüegger Verlag 2011, 265 S., Fr. 37.90, ISBN 978-3-7253-0968-9

Nein, Herr Johannes, wir wissen sehr wohl sehr viel über den Islam. Spätestens mit Voltaire's Tragödie: Le Fanatisme ou Mahomet le Prophète, 1741, wurden wir Europäer augeklärt. Leider wagt beispielsweise die Stadt Genf nicht, dieses Theaterstück aufzuführen. Jedenfalls wissen wir Westeuropäer dank unseren Bibliotheken und Hochschulen mehr über den Islam als die Muslime (geschweige die Muslima) über das Christentum wissen (wollen). Clash of civilisations oder Wissensdrang contra apologetischer Orthodoxie.

Ich kann mir vorstellen, dass eine Ursache unseres Unbehagens gegenüber dem Islam - bzw. seiner Exponenten - darauf zurückzuführen ist, dass wir den Islam kaum kennen und uns von scharfmachenden Exponenten dieses Glaubensbekenntnissen beunruhigen oder gar verwirren lassen.

Sorry, meine verehrten Islamversteher, Ihre Bemühungen sind leider zum Scheitern verurteilt. Angesichts der Tatsache, dass 70% aller Krisenherde auf der Welt von Islamisten geschaffen wurden, leben wir - bald werden wir es auch wahrhaben wollen oder müssen - in einem neuen kalten Krieg (Bsp. Mali). Die bezeichnende Entwicklung in den Ländern, die ihre Herrscher verjagten, ist die (fast) überall bevorstehende Machtergreifung der Islamisten. Politische Korrektheit hin oder her: Wann findet die politische Schweiz endlich den Mut, sich deutlich von der totalitären Art, die viele Moslems auch bei uns an den Tag legen, abzugrenzen. Das Volk hat es - siehe "böses, rassistisches" Minarettverbot schon lange getan.

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