Der heilige Berg der Kuschiten

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Der heilige Berg der Kuschiten

Von Georg Gerster, 21.02.2014

Der Sudan unterschrieb die Welterbekonvention 1974 – noch bevor sie in Kraft trat. Trotzdem musste er lange bis zur Auszeichnung eines ersten Kandidaten anstehen.
Gebel Barkal und die umliegenden archäologischen Stätten (Aufnahmejahr 2003) waren freilich auch hochkarätig genug, ohne Frage eine Kandidatur von Welterbe-Statur – wenn es denn schon Welterbe gab. Gebel Barkal, der heilige Berg der Kuschiten, zwanzig Kilometer stromabwärts vom vierten Nil-Katarakt am linken Ufer, war der Götter- und Regierungssitz des ersten schwarzafrikanischen Grossreichs, Die Reste von Tempeln, Kapellen, Palästen und Verwaltungsbauten sowie Friedhöfe um den Felsklotz und auf dem andern Ufer verdeutlichen seine einstige Bedeutung.

Auf die Sohlen der Sandalen von Tutanchamun waren Schwarzafrikaner, Kuschiten, aufgemalt; der ägyptische Gottkönig zertrampelte so immer wieder neu das Geschmeiss aus dem Süden. Die Beziehung Altägyptens zu seinem wilden Süden, zu Nubien, dem „elenden Kusch“, dessen Grenze sich im Laufe der Jahrtausende über den ersten Katarakt hinaus bis zur vierten Nilschnelle verschob, war zweifellos wechselseitiger, als uns die pharaonische Hauspropaganda weismachen will. Pharao Thutmosis III. drang um 1430 v. Chr. bis zum Gebel Barkal vor und gründete dort Napata als militärischen Aussenposten und Umschlagplatz für die Karawanen aus dem Innern Afrikas.

Vermutlich war Napata schon damals eine Siedlung von Bedeutung. Flussabwärts, bei dem heutigen Kerma, gab es sogar eine nubische Stadt, bei deren Erforschung sich seit Jahrzehnten Genfer und Neuenburger Archäologen hervortun. Was immer die Soldaten in Napata vorfanden, sie hatten leichtes Spiel – ägyptischer Lifestyle, Pharaos Kosmetiker und Schneider hatten die Kuschiten längst verführt. Später bestatteten diese die Königsfamilie und die Nobilität sogar wieder in Pyramidengräbern, die im pharaonischen Ägypten schon ein Jahrtausend zuvor aus der Mode gekommen waren. Die Ägypter hatten in Napata in einem grandiosen Tempel am Fuss des „reinen Bergs“ den Reichsgott Amun etabliert. Auch in der Amun-Verehrung gaben sich die Kuschiten bald ägyptischer als die Ägypter, vielleicht nicht ganz ohne Hintergedanken: Amun war der Schutzgott der nubischen Goldbergwerke – und seine Priester stille Teilhaber bei deren Ausbeutung. Napata erstarkte wirtschaftlich, kulturell, politisch – und im 8. Jahrhundert v. Chr., als das ägyptische Weltreich an den Rändern zerfranste, geschah das Unerhörte: Kusch eroberte Ägypten, die Herrscher von Napata legten dem Gott Amun von Theben ein vom Zusammenfluss des Blauen mit dem Weissen Nil bis zur Nil-Mündung ins Mittelmeer geeintes Reich zu Füssen. Die schwarzen Pharaonen der 25. Dynastie (753–664) wichen zuletzt assyrischem Druck und zogen sich in ihr Kernland zurück. Um 300 v. Chr., aus nicht ganz einsehbaren Gründen, verlegten sie ihre Hauptstadt 500 Kilometer nilaufwärts nach Meroë. Napata freilich blieb auch für die Könige von Meroë das spirituelle Zentrum bis in die frühchristliche Zeit hinein.

Die „Schluchten von Napata“, die Radames in der Oper „Aida“ beschwört, existieren nicht. Jäh steigt der Gebel Barkal aus der Sahel-Steppe auf – ein Zeugenberg, den Verwitterung und Erosion aus dem nubischen Sandsteinplateau herauspräpariert haben. Sie sorgten auch für vier Vorsprünge an dem Sandsteinblock; einen Vorsprung trennte der schmirgelnde Sandwind fast ganz von der Felswand, als Turm steht er vor der Südwestecke. Die Berggestalt beflügelte von jeher die Phantasie der Einheimischen und vieler Besucher. Reste von Riesenstatuen? Taharka, der herausragende Pharao der 25. Dynastie, war zweifellos oft an Abu Simbel vorbeigekommen. Wollte er am Gebel Barkal Ramses den Grossen übertrumpfen, die Kolossalstatuen vor dessen Felstempel mit eigenen, noch gigantischeren Felsbildern zu Wichtelmännern degradieren? Der amerikanische Archäologe Timothy Kendall erkannte in dem Felsbild wenigstens das Abbild einer Kobra, die als Uräus-Schlange den Gott Amun bewacht. Aber vielleicht gehen ja solche Deutungen auf Blendwerk zurück, die hitzeflimmernde Wüste war schon immer ein Illusionstheater. Seit Kendall ist immerhin gesichert, dasss Taharka hoch oben am Felsturm eine Hieroglypheninschrift einmeisseln liess. Vermutlich schützte Goldblech die fast drei Meter breite und über einen Meter hohe Inschrifttafel: in der Sonne erstrahlte sie am heiligen Berg wie ein Leuchtfeuer. – Jahr des Flugbilds: 1963. (Coypright Georg Gerster/Keystone)
Der Sudan unterschrieb die Welterbekonvention 1974 – noch bevor sie in Kraft trat. Trotzdem musste er lange bis zur Auszeichnung eines ersten Kandidaten anstehen.

Gebel Barkal und die umliegenden archäologischen Stätten (Aufnahmejahr 2003) waren freilich auch hochkarätig genug, ohne Frage eine Kandidatur von Welterbe-Statur – wenn es denn schon Welterbe gab. Gebel Barkal, der heilige Berg der Kuschiten, zwanzig Kilometer stromabwärts vom vierten Nil-Katarakt am linken Ufer, war der Götter- und Regierungssitz des ersten schwarzafrikanischen Grossreichs, Die Reste von Tempeln, Kapellen, Palästen und Verwaltungsbauten sowie Friedhöfe um den Felsklotz und auf dem andern Ufer verdeutlichen seine einstige Bedeutung.

Auf die Sohlen der Sandalen von Tutanchamun waren Schwarzafrikaner, Kuschiten, aufgemalt; der ägyptische Gottkönig zertrampelte so immer wieder neu das Geschmeiss aus dem Süden. Die Beziehung Altägyptens zu seinem wilden Süden, zu Nubien, dem „elenden Kusch“, dessen Grenze sich im Laufe der Jahrtausende über den ersten Katarakt hinaus bis zur vierten Nilschnelle verschob, war zweifellos wechselseitiger, als uns die pharaonische Hauspropaganda weismachen will. Pharao Thutmosis III. drang um 1430 v. Chr. bis zum Gebel Barkal vor und gründete dort Napata als militärischen Aussenposten und Umschlagplatz für die Karawanen aus dem Innern Afrikas.

Vermutlich war Napata schon damals eine Siedlung von Bedeutung. Flussabwärts, bei dem heutigen Kerma, gab es sogar eine nubische Stadt, bei deren Erforschung sich seit Jahrzehnten Genfer und Neuenburger Archäologen hervortun. Was immer die Soldaten in Napata vorfanden, sie hatten leichtes Spiel – ägyptischer Lifestyle, Pharaos Kosmetiker und Schneider hatten die Kuschiten längst verführt. Später bestatteten diese die Königsfamilie und die Nobilität sogar wieder in Pyramidengräbern, die im pharaonischen Ägypten schon ein Jahrtausend zuvor aus der Mode gekommen waren. Die Ägypter hatten in Napata in einem grandiosen Tempel am Fuss des „reinen Bergs“ den Reichsgott Amun etabliert. Auch in der Amun-Verehrung gaben sich die Kuschiten bald ägyptischer als die Ägypter, vielleicht nicht ganz ohne Hintergedanken: Amun war der Schutzgott der nubischen Goldbergwerke – und seine Priester stille Teilhaber bei deren Ausbeutung. Napata erstarkte wirtschaftlich, kulturell, politisch – und im 8. Jahrhundert v. Chr., als das ägyptische Weltreich an den Rändern zerfranste, geschah das Unerhörte: Kusch eroberte Ägypten, die Herrscher von Napata legten dem Gott Amun von Theben ein vom Zusammenfluss des Blauen mit dem Weissen Nil bis zur Nil-Mündung ins Mittelmeer geeintes Reich zu Füssen. Die schwarzen Pharaonen der 25. Dynastie (753–664) wichen zuletzt assyrischem Druck und zogen sich in ihr Kernland zurück. Um 300 v. Chr., aus nicht ganz einsehbaren Gründen, verlegten sie ihre Hauptstadt 500 Kilometer nilaufwärts nach Meroë. Napata freilich blieb auch für die Könige von Meroë das spirituelle Zentrum bis in die frühchristliche Zeit hinein.

Die „Schluchten von Napata“, die Radames in der Oper „Aida“ beschwört, existieren nicht. Jäh steigt der Gebel Barkal aus der Sahel-Steppe auf – ein Zeugenberg, den Verwitterung und Erosion aus dem nubischen Sandsteinplateau herauspräpariert haben. Sie sorgten auch für vier Vorsprünge an dem Sandsteinblock; einen Vorsprung trennte der schmirgelnde Sandwind fast ganz von der Felswand, als Turm steht er vor der Südwestecke. Die Berggestalt beflügelte von jeher die Phantasie der Einheimischen und vieler Besucher. Reste von Riesenstatuen? Taharka, der herausragende Pharao der 25. Dynastie, war zweifellos oft an Abu Simbel vorbeigekommen. Wollte er am Gebel Barkal Ramses den Grossen übertrumpfen, die Kolossalstatuen vor dessen Felstempel mit eigenen, noch gigantischeren Felsbildern zu Wichtelmännern degradieren? Der amerikanische Archäologe Timothy Kendall erkannte in dem Felsbild wenigstens das Abbild einer Kobra, die als Uräus-Schlange den Gott Amun bewacht. Aber vielleicht gehen ja solche Deutungen auf Blendwerk zurück, die hitzeflimmernde Wüste war schon immer ein Illusionstheater. Seit Kendall ist immerhin gesichert, dasss Taharka hoch oben am Felsturm eine Hieroglypheninschrift einmeisseln liess. Vermutlich schützte Goldblech die fast drei Meter breite und über einen Meter hohe Inschrifttafel: in der Sonne erstrahlte sie am heiligen Berg wie ein Leuchtfeuer. – Jahr des Flugbilds: 1963. (Coypright Georg Gerster/Keystone)

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