Der Habitus der Empörung

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Der Habitus der Empörung

Von Urs Meier, 30.12.2015

Ein arabischer Monarch wird nachts zur medizinischen Behandlung eingeflogen. Ohne akute Lebensgefahr. Mit drei grossen Jets. Wie wird das Ereignis sprachlich verarbeitet?

Frau Seiler ist empört: «Das ist ein Skandal!» Die Klotener Stadträtin, Präsidentin des Dachverbands Fluglärmschutz und SP-Nationalrätin ist frühmorgens, zur Zeit der Nachflugsperre, von den Jets aus Katar geweckt worden. Ein medizinischer Notfall, hatte es zuerst geheissen. Tage später dann die Information, der ehemalige katarische Emir Hamad Bin Khalifa al-Thani sei mit einem Beinbruch zur Behandlung in der Zürcher Schulthess Klinik angereist, standesgemäss mit drei königlichen Airbus-Maschinen. Die haben Frau Seiler und gewiss viele weitere Leute zur Unzeit aus dem Schlaf gerissen.

Auf ein solches Ereignis reagiert man routinemässig mit Empörung. Fluglärm ist grundsätzlich ein Skandal. Durchbrechung der Nachtflugsperre erst recht! Wegen eines blöden, als Notfall ausgegebenen Beinbruchs! Ein Emir vom Golf! Mit drei dicken Fliegern!

Um Aufmerksamkeit zu bekommen, ist zorniges Anprangern das Mittel par excellence. Die Anlässe sind nicht allzu wichtig. Wenn etwas empfindlich stört, heftig befremdet, nach Unrecht riecht oder Neid auslöst, schaltet man reflexartig in den Modus der Empörung.

Das sich empören bedeutete ursprünglich Auflehnung gegen eine Herrschaft. Die Eidgenossen empörten sich gegen die Vögte. Da ging es nicht um verbale Derbheiten, sondern um blutige Aufstände. Erst in der jüngeren Sprachgeschichte bezeichnet der Ausdruck sich empören eine heftig geäusserte Emotion. Das althochdeutsche bor (Höhe) steckt in dem anschaulichen Wort Empörung: Man richtet sich auf, reckt sich hoch, stellt sich über den andern, macht sich selbst sicht- und hörbar. Bildhaft ausgedrückt: Man geht auf die Palme.

Wenn einem nächtens aus nichtigem Grund die königlich-katarischen Jets über das Hausdach donnern, steigt man eben auf das moralische Podest der Prinzipien, der Ansprüche, der Gleichheit und haut auf arrogante Monarchen, liebedienerische Behörden und geldgierige Privatkliniken. Im Vollgefühl des Rechts und mit medialem Echo. Empörung ist die Rache der kleinen Leute, entlastend für den Gefühlshaushalt und ohne Effekt in der äusseren Wirklichkeit. Boulevardmedien machen sich zu ihrem Sprachrohr. Sie leben gut davon, da die Ressource nie versiegt.

Soweit der vertraute Habitus. Doch warum nicht einfach mal anders reagieren? In diesem Sinn sei dem Ex-Emir gute Genesung und eine sichere Heimkehr gewünscht.

Merci! Gracias! Ich empöre mich nicht selten, empfinde aber selten bis nie Neid.

«Wenn etwas empfindlich stört, heftig befremdet, nach Unrecht riecht oder Neid auslöst,....» Den Empörten Neid zu unterstellen ist billig.
Man weiss, dass es in der Welt keine Gerechtigkeit gibt, und dass man mit Reichtümern fast alles, selbst "das Recht", kaufen kann. Aber denjenigen, die nicht mit ererbten und/oder erworbenen Reichtümern gesegnet sind, flächendeckend Neid zu unterstellen, ist zu simpel; und ich hätte das von dieser Seite nie erwartet.

Das "oder" in der Aufzählung ist wichtig. Ich sage: Neid kann ein Auslöser von Empörung sein, aber nicht jede Empörung gründet im Neid.

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