Der Geburtstag der Schweiz

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Der Geburtstag der Schweiz

Von Klara Obermüller, 10.08.2017

Der jüngste 1. August hat es wieder gezeigt: Es gibt nichts Zählebigeres als Mythen. Dagegen kommen auch die versiertesten Historiker nicht an.

Dass Tells Geschoss eine Sage und der Rütli-Schwur eine Legende ist, könnte heute eigentlich jedes Schulkind wissen, wenn es einen historisch einigermassen informierten Geschichtslehrer hat. Bereits als ich 1959 mein Geschichtsstudium an der Universität Zürich aufnahm, lehrte da ein gewisser Marcel Beck, dass der 1. August 1291 keineswegs die Geburtsstunde der Schweiz ist und die frühen Eidgenossen alles andere im Sinn hatten, als sich vom Reich loszusagen. Marcel Beck wurde angefeindet, aber seine Sicht der Dinge hat sich in der Geschichtsschreibung durchgesetzt.

Ins öffentliche Bewusstsein gedrungen ist sie indes nicht. Jedes Jahr werden auf den 1. August hin wieder die alten Mythen vom Widerstand gegen die fremden Vögte verbreitet, und Historiker, die daran erinnern, dass von einer Schweiz im heutigen Sinne frühestens seit dem Wiener Kongress die Rede sein kann und diese sich erst noch dem Interesse ausländischer Mächte verdankt, stehen auf ziemlich verlorenem Posten. SVP-Politiker und ihnen nahestehende Journalisten stempeln sie als Alt-68er und linke Mainstream-Historiker ab, werfen ihnen Instrumentalisierung der Geschichtsschreibung vor und übersehen dabei geflissentlich, wie interessengeleitet ihre eigene Darstellung der angeblich historischen Ereignisse ist.

Nur, der Schuss geht daneben. Jener Marcel Beck, der massgeblich für die Neuinterpretation der Schweizergeschichte verantwortlich war, ist alles andere als ein Linker gewesen und hat seine Thesen zur Schweizergeschichte lange vor 1968 verbreitet. Wie zahlreiche seiner Schüler auch war Marcel Beck einfach ein exzellenter Historiker, der Quellen unvoreingenommen zu lesen verstand und darüber hinaus zu unterscheiden wusste, was Mythen und was historische Fakten sind.

Mythische Erzählungen wie der Rütli-Schwur waren nützlich und wertvoll, als es nach der Gründung des schweizerischen Bundesstaates und den Wirren des Sonderbundskrieges darum ging, mit einem Gründungsmythos den Zusammenhalt der noch jungen und in sich zerrissenen Nation zu sichern. Und sie können auch heute noch ihre Berechtigung haben. Mythen sind nicht einfach Lügengespinste. Mythen besitzen ihre ganz eigene Wahrheit und können etwas darüber aussagen, woher wir kommen und wie wir uns selbst verstehen. Nur sollte man sie ehrlicherweise nicht mit realen Ereignissen gleichsetzen.

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Wind!
In Zeiten eisiger Winde die über die Berge ins Tal fahren, bis in die Hütten hinein, wo es die Menschen friert suchen sie nach Wärme. Erdrückende Willkürherrschaften enden oft in Aufruhr und Aufständen. Die Drei auf dem Rütli haben geschworen, eine Art Dreifaltigkeit, die vierte Dimension war symbolisch Tell, man grüsst keine Hüte, keine Kronen ohne Inhalt. Bleiben wir doch dabei, verneigen uns vor unseren Mythen, in Zeiten erodierender Werte tun sie uns allen gut. Mögen andere es uns gleichtun. Hart aber herzlich.. cathari

Sehr schön geschrieben! Gefällt mir sehr gut.

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