Der ernsthafte Schalk

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Der ernsthafte Schalk

Von Laura Weidacher, 21.12.2011

Es war irgendwann Mitte der 70er Jahre, als ich in Basel durch das Erlebnis eines Theatermusikstücks von Mauricio Kagel mit einem grossen Lachen und gleichzeitigem Staunen von der Lust an der Neue Musik angesteckt wurde. Die Örtlichkeit war denkbar konträr zu dem, was da auf der kleinen Bühne geboten wurde.

Im anachronistisch plüschigen, rot-weissen Rahmen der sogenannten neuen Komödie Basel spielte sich auf der Bühne völlig Ungewohntes ab. Da reagierten einige Musiker sowohl musikalisch als auch theatralisch auf Klänge, die live und ohne jede Beeinflussungsmöglichkeit aus einem Kurzwellensender drangen. Das Ganze war etwas wie ein Zwischending zwischen vorbereiteter Performance und dem Zufallsprinzip eines Happenings und ungeheuer spannend.

Ein Ur-Erlebnis

Das Basler Publikum, durch IGNM (Internationale Gesellschaft für Neue Musik) und Paul Sachers Einsatz für zeitgenössische Musik ohr-geschärft, quittierte mit Gelächter und warmem Applaus. Ich aber verdanke diesem Ur-Erlebnis eine lebenslang andauernde Neugier und Lust auf alle neuen Klänge der zeitgenössischen Musik.

Diese Fähigkeit, Menschen auf seine schalkhaften und doch so ernst gemeinten Reisen zur Erforschung von Klangwelten und deren szenischen Auswirkungen mitzunehmen, war wohl einer der Hauptfaktoren für Mauricio Kagels weltweiten Erfolg. Dazu das Faszinosum von geordneter Improvisation – als Zuhörer wusste man nie genau, wie ein Stück diesmal ausgehen würde. Jedenfalls fast nie.

Natürlich schrieb Kagel auch jede Menge sogenannt seriös notierter Werke. Aber auskomponiert bis ins Letzte waren seine Stücke nie, denn, wie er selbst sagte: „Wir leben in einer Zufallskultur.“ Und so nahm er seine Musiker mit auf immer neue Reisen der Klangerzeugung und auch der szenischen Aktion. Ich kann mich gut erinnern, wie hin und weg ich, frisch vom Konservatorium kommend, gewesen war, als ich damals in der Komödie Basel miterlebte, dass die Musiker nicht nur sprachen, sondern aufstanden, sich vom Platz bewegten, agierten. Instrumentales Theater eben.

Kagel sollte zu dessen wichtigstem Vertreter des 20. Jahrhunderts werden. Dafür gab es seit dem Dadaismus natürlich genügend Vorbilder, z.B. Kurt Schwitters mit seiner Ur-Sonate. Aber das waren damals bewusst interdisziplinär arbeitende Künstler, sowohl in der bildenden Kunst als auch in allen Theatersparten zu Hause.

Von Buenos Aires nach Köln

Mauricio Kagel aber verstand sich von Anfang an als Komponist. Schon als der Autodidakt 1957 durch ein Stipendium von seiner Heimatstadt Buenos Aires nach Köln kam, experimentierte er mit den ausgefallensten Klangerzeugern, collagierte, zitierte und verfremdete Klänge mittels Tonbandtechnik und später Elektronik, verwob sie zu neuen Klangteppichen und -fetzen. Immer sass ihm dabei auch der Schalk im Nacken, ja, und auch Spott. Nie waren seine Stücke staubtrocken und intellektuell abgehoben, wie dies damals durch die Darmstädter Schule und die Donaueschinger Musiktage nur allzu oft zelebriert wurde.

Kagel legte sich nicht mit Kollegen wie Karlheinz Stockhausen an (dessen Nachfolger als Leiter der Kölner Kurse für Neue Musik er geworden war), sondern überholte sie mit einem von leisem Lachen begleiteten Schlenker links aussen. Er schrieb auch viele Texte selbst, z.B. „Am Ende erschöpfte Gott Himmel und Erde“. Doch verstand der Sohn jüdisch-russischer Einwanderer Komponieren auch als politische Verantwortlichkeit und eckte damit auch öfters ganz massiv an, was ihn jedoch nicht im geringsten von seiner Linie abbringen konnte.

Mit Preisen überhäuft

1974 erhielt er an der Kölner Musikhochschule eine Professur für Musiktheater. Trotz seiner weltweiten Tätigkeit blieb er Köln treu und wurde inzwischen in Europa schon fast als deutscher Künstler verstanden. Inzwischen hochgeehrt und mit Preisen überhäuft, starb Kagel am 18. September 2008 in seinem geliebten Köln. Am 24. Dezember 2011 wäre er 80 Jahre alt geworden.

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