Der Dreissigjährige Krieg

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Der Dreissigjährige Krieg

Von Stephan Wehowsky, 18.01.2018

Herfried Münklers Buch über den Dreissigjährigen Krieg von 1618 bis 1648 bietet eindringliche Schilderungen, klare Analysen und schlägt die Brücke zur Gegenwart.

Der Dreissigjährige Krieg ist ein feststehender Begriff, aber was sich genau mit ihm verbindet, lässt sich nicht leicht erklären. Allgemein ist bekannt, dass dieser Krieg etwas mit der konfessionellen Spaltung der Christenheit zu tun hatte und dass dabei politische Ordnungs- und Machtfragen eine Rolle gespielt haben.

Der Blick des Politikwissenschaftlers

Dieses Problem, den Krieg in seinen Ursachen und seinen unterschiedlichen Ausprägungen und Abläufen zu erfassen und zu deuten, liegt an seiner Komplexität. Zahlreiche Akteure traten in unterschiedlichen Regionen auf, Interessenlagen und Bündnisse waren beständigem Wandel unterworfen. Deswegen ist es auch schwierig, die Abläufe bündig zu deuten.

Herfried Münkler gelingt dies glänzend. Dabei ist er kein Historiker, sondern Politikwissenschaftler. Zugespitzt könnte man ihn als historischen Konfliktforscher bezeichnen, denn er untersucht, wie sich gewaltsame Auseinandersetzungen im Laufe der Geschichte bis in die Gegenwart hinein verändern. Darin wurzelt auch sein Interesse am Dreissigjährigen Krieg: Kann er eine Analysefolie für die Kriege in unserer Zeit abgeben?

Detailliert, farbig, spannend

Eine solche Fragestellung könnte den Politikwissenschaftler dazu verleiten, die vergangenen Ereignisse zu schematisch darzustellen. Bei Herfried Münkler geschieht aber das genaue Gegenteil. Sein Buch von mehr als 900 Seiten geht in die Details und zeichnet die Ereignisse farbig und spannend nach. Und zugleich setzt er sich mit verschiedenen Deutungen auseinander. Das Buch ist ein Glücksfall für die Leser.

Intensiv beschäftigt sich Herfried Münkler mit den Hauptakteuren auf den Schlachtfeldern wie Wallenstein, Mansfeld, Tilly oder Gustav Adolf. Dazu gesellen sich auf der politischen Ebene die Vertreter der Königshäuser und die Diplomaten. Ihnen allen schaut Münkler über die Schulter und schildert, was sie jeweils beabsichtigt haben und unter welchen Zwängen sie standen.

Das ist aber nur eine Ebene der Darstellung. Zusätzlich erfährt man bei Münkler viel über das Leben der Landsknechte oder Söldner, über die Wirkung der damaligen Waffen, über Schlachtordnungen, Taktiken und die Verläufe der einzelnen Schlachten.

Das Leiden des Volkes

Dieser Blick für Details ist nicht l’art pour l’art. Denn Münkler stellt immer wieder heraus, wie zum Beispiel der Unterhalt grosser Heere zu Lasten der ländlichen und städtischen Bevölkerung ging. Denn die Söldner und Landsknechte, deren Zahl in die Zehntausende ging, mussten ernährt werden. Wallenstein verfolgte dabei in seiner ersten Phase als „Kriegsunternehmer“ die Taktik, dass sich seine Truppen jeweils vor Ort selbst versorgten. Damit sparte er dem Kaiser Ferdinand II. Geld und sicherte sich eine bis dahin unbekannte Macht.

Aber das Volk litt nicht nur darunter, dass es wieder und wieder Soldaten mit Lebensmitteln und Wohnraum versorgen musste. Wurde zum Beispiel eine Stadt eingenommen, konnte es zu Massakern, massenhaften Vergewaltigungen und Zerstörungen kommen. Eindringlich schildert Münkler den Untergang Magdeburgs nach einem Angriff Tillys im Mai 1631, aber auch auf dem Lande wurde die bäuerliche Bevölkerung malträtiert. Münkler hat seinen Schilderungen zeitgenössische Illustrationen beigefügt, die auch für heutige Augen sehr drastisch sind.

Das Trauma

Diese Verwüstungen haben den Krieg im Verlauf seiner 30 Jahre tatsächlich zu einem Trauma gemacht. In manchen Regionen dürfte es kaum eine Stadt, kaum einen Hof und kaum eine Familie gegeben haben, die nicht mehrfach unsäglich gelitten hat. Wie sollte diese Gewalt, dieser Krieg, „der sich selbst nährte“, wie Münkler schreibt, je gestoppt werden?

Bekanntlich gelang dies im Westfälischen Frieden, und die Art, wie Münkler den Weg dorthin nachzeichnet, ist aus heutiger Sicht von ganz besonderem Interesse. Denn es musste etwas entwirrt werden, was bis dahin untrennbar verbunden war und jede Art von Friedensschluss unmöglich gemacht hatte: religiöse Motivation und staatliches beziehungsweise politisches Interesse. Solange der Gegner als religiöser Feind betrachtet wird, kann man mit ihm keinen Frieden schliessen. Wird aber die religiöse Ausrichtung als ein Faktor gesehen, der sich isolieren und staatlichen Interessen unterordnen lässt, kann über Kompromisse verhandelt werden. Es ist das grosser Verdienst von Maximilian Graf von Trauttmansdorff-Weinsberg, über mehrere Jahre auf jene Kompromisse hingewirkt zu haben, die schliesslich zu einer Beendigung des Krieges führten.

Alte und neue Kriegsunternehmer

Münkler betont aber, dass der Westfälische Friede nicht zu einer dauerhaften Friedensordnung in Europa geführt hat. Kriege gab es auch weiterhin, aber die eigentümliche Motivationslage des Dreissigjährigen Krieges war überwunden. In dieser Motivationslage sieht Münkler ein Element, das diesen Krieg mit den heutigen Konflikten vergleichbar macht:

Entgegen den säkularen Tendenzen in Mitteleuropa spielt die Religion in anderen Teilen der Welt eine zentrale Rolle. Diese Heftigkeit ist mit den religiösen Leidenschaften vergleichbar, die die Menschen damals antrieb. Ein weiteres Element kommt hinzu: Damals in Mitteleuropa wie heute in anderen Weltregionen finden Kriege nicht primär zwischen territorial fixierten Staaten statt. Kriegführende Parteien besetzen Regionen, die nicht mit staatlichen Gebieten identisch sind. Und die Akteure sind zum Teil „Kriegsunternehmer“, die diesem oder jenem wechselnden Interesse dienen können. Im Dreissigjährigen Krieg waren Wallenstein und Mansfeld die führenden Gewaltunternehmer.

Chaotische Struktur

Ein weiteres Strukturmerkmal, das den damaligen Krieg mit heutigen Konflikten vergleichbar macht, besteht in der Verselbständigung von Konflikthandlungen. Die Konflikte brechen an einer Stelle auf, führen zu neuen Konstellationen, flauen wieder ab, um an anderer Stelle wiederzukehren. Es gibt dafür keine einheitliche Logik, und es gibt auch keine zentrale Steuerung. Es handelt sich um eine Art Chaos. Dieses Chaos macht es für aussenstehende Parteien nahezu unmöglich, mässigend auf diese Konflikte einzuwirken. Mehrfach warnt Münkler davor, dass auch die besten Absichten aussenstehender Mächte die Konflikte eher anheizen. So haben die USA und Europa zum Beispiel in Syrien mehr Schaden als Nutzen gestiftet.

Die chaotische Struktur des Dreissigjährigen Krieges und heutiger Kriege in anderen Weltregionen wirft die Frage auf, ob es sich überhaupt um Geschehen handelt, die jeweils unter einen generellen Nenner gebracht werden können. Friedrich Schiller hat als erster die dreissig Jahre als einen grossen Krieg gesehen, und andere Historiker sind ihm darin gefolgt. Andere haben den einheitlichen Nenner bestritten. Münkler stellt sich klar auf die Seite derjenigen, die vom Dreissigjährigen Krieg sprechen, und macht darauf aufmerksam, dass es bisher nicht gelungen ist, den 1. und 2. Weltkrieg bündig als einen Krieg zu deuten. Es scheint eine Art historischer Intuition zu geben, die einen Brand, der an vielen einzelnen Stellen ausbricht, als einheitliches Geschehen begreift oder aber in anderem Fall mehr das Getrennte betont.

Herfried Münkler: Der Dreissigjährige Krieg. Europäische Katastrophe, deutsches Trauma 1618–1648. Rowohlt, Berlin 2017, 976 Seiten.

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