Der dauerhafte Augenblick

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Der dauerhafte Augenblick

Von Stephan Wehowsky, 23.02.2021

Martin Linsi ist ein stiller Erzähler. Er nimmt sich Zeit und beobachtet genau.

Aus seinen Bildern spricht eine grosse Vertrautheit mit den Menschen, dem Alltag und den Landschaften. Der Betrachter fühlt sich eingesponnen in eine noch nicht allzu lang vergangene Zeit.

Der jetzt erschienene Band enthält Bilder von 1972 bis 2019. Es handelt sich also um einen Zeitraum von fast 50 Jahren, in dem sich auch die Fotografie grundlegend gewandelt hat. Mit der digitalen Technik ist sie schneller, ubiquitär verfügbar und technisch gesehen besser geworden. Martin Linsis Bilder erweisen die Eigenheiten der herkömmlichen Schwarz-Weiss-Fotografie: Die Bilder sind zum Teil grobkörnig, einige sind technisch bedingt oder auch gewollt unscharf gehalten, und bei Kontrasten gibt es ausgeblichene Partien. Aber gerade diese Unvollkommenheiten verstärken die grosse Faszination von Linsis Fotos.

Trevor, 1978 © Martin Linsi
Trevor, 1978 © Martin Linsi

Linsi war in erster Linie ein Beobachter, der dieselben Orte in der Schweiz wieder und wieder besuchte. Klar erkennbar ist seine Vorliebe für das einfache ländliche Leben, aber zumindest in früheren Jahren bereiste der 1956 in Thalwil Geborene auch Industriegebiete wie die Umgebung von Gloucester und Yorkshire in England. Das hing mit seiner ursprünglichen Orientierung an der Reportagefotografie zusammen. Doch mehr und mehr konzentrierte er sich auf eine eher meditative Art der Fotografie.

Bernhard Echte erzählt in seinem Vorwort, dasss der berühmte Henri Cartier-Bresson kein Verständnis für Fotografen – insbesondere solche von Rang – hatte, die nicht auf Schritt und Tritt eine Kamera mit sich führten. War ein Fotograf nicht immer auf Motivsuche und brauchte er dafür nicht die stets bereite Kamera?

Otranto, Italien, 2008 © Martin Linsi
Otranto, Italien, 2008 © Martin Linsi

Ganz sicher war auch Linsi stets auf Motivsuche, aber er konzentrierte sich dabei auf Bilder, die zuerst in seinem Kopf entstanden. Erst dann griff er zu Kamera. Er liess sich und seinen Motiven Zeit. Diese wohltuende Atmosphäre überträgt sich auch heute noch auf den Betrachter. Bei Linsis Bildern kommt man zur Ruhe.

Es liegt auch daran, dass die Menschen auf den Bildern selbst Ruhe ausstrahlen. Das Mädchen im Zug ist ganz in seine Hausaufgaben versunken und blickt zum Fotografen nur kurz auf. Der Mann, der die Katze betrachtet, kommt dort offensichtlich regelmässig vorbei, und die beiden scheinen gute Bekannte zu sein. Wer hat mehr Zeit, die Katze oder ihr Besucher?

Das Bild von Monterosso Al Mare bei La Spezia wirft ein weiteres Schlaglicht auf die Kunst von Martin Linsi. Die Kaffeetasse ist geleert, der Löffel liegt in ihr und nicht wie üblich auf der Untertasse. Dazu gesellt sich noch ein nicht angebrochenes Zuckersäckchen. Jeder Amateur hätte sich für dieses Bild eine frische Tasse Kaffee bringen lassen. Nicht so Linsi. Er lässt die Situation so, wie er sie in diesem Moment gesehen und empfunden hat.

Martin Linsi hat auch in der Fachwelt breite Anerkennung gefunden. So wurde er vor einigen Jahren auf der Architektur-Biennale in Venedig für seine Fotos von Brückenbauten von Jürg Conzett mit dem DAM Architectural Book Award ausgezeichnet. Ein breites Echo fanden auch die Bilder seiner «Reise durch den Kanton Schwyz», die er 2005 im Auftrag des Schwyzer Regierungsrats vorlegte.

Martin Linsi, Bilder 1972–2019 Photographs. Mit Essays von Norbert Hummel und Bernhard Echte in Deutsch und Englisch. 224 Seiten, 120 Fotos im Duoton, ca. 56 Franken

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Wunderbar einige Momente in der Welt von Linsi zu verbringen, mir scheint es auch, dass das Geschehen in einer Fotografie wichtiger ist als die Technik.....

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