Der böse Blick der freundlichen Frau

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Der böse Blick der freundlichen Frau

Von Urs Meier, 15.02.2021

Am 13. Februar starb die Schriftstellerin Helen Meier. Spät an die Öffentlichkeit getreten, gewann sie mit Erzählungen und Romanen eine unverwechselbare kraftvolle Statur.

Sie war bereits fünfundfünfzig, als sie von Marcel Reich-Ranicki 1984 zu den Klagenfurter Literaturtagen eingeladen war und dort mit ihrer Erzählung «Lichtempfindlich» Furore machte. Helen Meier wurde als späte Entdeckung gefeiert, doch ein literarischer Neuling war sie nicht. Sie hatte eigentlich immer geschrieben, an ihren Fähigkeiten gefeilt und nach langer Arbeit an sich selbst auch gewusst, dass ihre Sachen, obschon diese den Weg zur Öffentlichkeit zunächst nicht fanden, gut waren. Der Literaturkritiker Charles Linsmayer, der über Helen Meier eine Biographie geschrieben hat, erklärt den Grund der zunächst ausgebliebenen Anerkennung so: «Damals erwarteten Verlage von Frauen ‘Frauenliteratur’. Dieses Klischee hat Helen Meier nie bedient.»

1929 im St. Galler Oberland geboren und später im Appenzellischen wohnhaft, war Helen Meier lange in der Flüchtlingshilfe und als Sonderschullehrerin tätig. Die Nähe zu Versehrten und Gestrandeten bestimmte ihr Leben und schärfte ihre Wahrnehmung für verborgene und verdrängte Brüche auch in vermeintlich heilen Zuständen. Für diesen Blick unter die Oberflächen hat sie eine Sprache geschaffen, deren oft schockierende Rücksichtslosigkeit in virtuoser Form gebändigt ist. Schon nach den ersten Veröffentlichungen war klar, dass sich hier eine unverwechselbare Stimme meldete, ein ebenso packender wie irritierender Sound. 

Kristalline Härte

Helen Meiers rhythmisierte, oft ganz kurze Sätze, ihr gnadenloses Bohren mit immer neu variierenden Zugriffen, ihr insistierendes Hinschauen auf Einzelheiten, die man gar nicht so genau kennen will: diese Sprache macht es ihren Leserinnen und Lesern zwar nicht leicht, gewinnt sie aber mit einem stets spürbaren Formwillen. 

Die Kritikerin Elsbeth Pulver meinte, Helen Meier habe in ihren sechs Erzählungsbänden und drei Romanen im Grunde immer am gleichen «Ich-Buch» gearbeitet und sei darin Robert Walser ähnlich. Das dürfte in dem Sinn zutreffen, als beide zeitlebens nach dem Ausdruck eines un- oder überpersönlichen Leidens als menschlicher Grundbefindlichkeit gesucht haben. Doch anders als Walsers unnachgiebige Sanftheit ist Helen Meiers Sprache von kristalliner Härte, die nur gemildert ist durch Beimischungen sarkastischen Humors.

Warmes Herz und kalte Wucht

Der Schreibende stand als Redaktor einer (verschwundenen) Kulturzeitschrift mehrfach mit Helen Meier in Verbindung. Sie lieferte jeweils eigens zu vorgegebenen Themen geschriebene Erzählungen. Auch über den zeitlichen Abstand von dreissig Jahren hinweg bleibt die lebhafte Erinnerung an den eigentümlichen Kontrast zwischen der warmherzigen Frau und der kalten Wucht ihrer Texte.

Zum Thema «Zerstören» beispielsweise schrieb Helen Meier die Kurzgeschichte «Staub» (in: Reformatio Nr. 5, Oktober 1992), eine Erzählung über ein junges Ehepaar, das allein durch seinen Sauberkeitswahn verbunden ist und dessen zunächst nach aussen gerichteter Furor sich mehr und mehr gegeneinander wendet. Wer das gelesen hatte, schnappte benommen nach Luft – und konnte der Autorin die Bewunderung für ihr düsteres Bravourstück kaum versagen. Es vermittelte eine Ahnung, weswegen im damals tobenden Bosnienkrieg stets von «ethnischen Säuberungen» die Rede war.

Oberste Liga

Helen Meiers Werk ist in der Schweizer Gegenwartsliteratur schwer einzuordnen. Bezüge könnte man allenfalls sehen zu Franz Kafka, aber auch zu Thomas Bernhard, Herta Müller (die ebenfalls 1984 in Klagenfurt gelesen hat) oder Elfriede Jelinek. Dass die Vergleichsgrössen allesamt der obersten Liga angehören, darf nicht überraschen. Als Helen Meier endlich bekannt wurde, trat sie sogleich mit einem reifen Werk in Erscheinung. Es wurde in rascher Kadenz mehrfach ausgezeichnet. An der zurückgezogenen Existenz der Autorin in ihrem kleinen Häuschen im ausserrhodischen Heiden änderte das nichts.

Vor knapp zwei Jahren konnte Helen Meier sich anlässlich ihres festlich begangenen neunzigsten Geburtstags einer grossen Anerkennung erfreuen. Wenig später musste sie in der psychiatrischen Klinik Herisau hospitalisiert werden. Ihr letztes Lebensjahr war von Demenz und körperlichem Verfall gezeichnet. Am 13. Februar starb sie im Altersheim in Trogen.

Gibt es auch den freundlichen Mann mit dem bösen Blick? Wenn es ihn den gibt, so ist er der, der den andern nichts gönnt... (frei nach Martin Buber) Kein Kinderlachen, kein gemütlicher Restaurantbesuch, keine Umarmung, keine Barmherzigkeit, keine Zukunft, keine Eros, keine Freundschaft usw. So ein Leben, trist und traurig? Sag' NEIN!

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