Der Balkan wird europäisch

Joerg Thalmann's picture

Der Balkan wird europäisch

Von Joerg Thalmann, Brüssel - 02.07.2013

Die Euphorie ist verflogen, sowohl bei den Kroaten wie auf der Seite der EU. Der Beitritt ist trotzdem ein historisches Ereignis.

Sowohl Kroatien wie die EU kämpfen mit weitaus mehr Problemen, als man zur Zeit des Beitrittsbeschlusses gedacht hatte. Beobachter vor Ort berichten von der schlechten Verfassung der Wirtschaft und der staatlichen Institutionen in Kroatien. Zudem fehlt in Kroatien die Bereitschaft, sich endlich mit der eigenen dunklen Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Die vielen Probleme der EU

Erschwerend kommt hinzu, dass der Beitritt Kroatiens in die Zeit der grössten Krise der Europäischen Union fällt. Der Euro steht in Frage Zwischen Geber- und Schuldnerländern haben sich gefährliche Ressentiments gebildet. Wichtige Voraussetzungen für eine politisch und wirtschaftlich gesunde EU sind nicht mehr selbstverständlich: Nicht nur wie, sondern auch ob die kriselnden Mittelmeerländer wieder zu wettbewerbsfähigen Teilnehmern im Binnenmarkt werden können, ist eine offene Frage. Wird die EU die sichtbar gewordenen Unterschiede zwischen den Mentalitäten des Südens und des Nordens überwinden können? Kann die EU das Vertrauen ihrer Völker zurückgewinnen? Reicht ihre Kraft zur Bewältigung aller dieser Aufgaben aus?

Man erlaube dem Europagläubigen, der ich immer noch bin, neben die Kriesensymptome auch ein paar positive Elemente zu stellen. Erst zusammen geben sie das Bild vom Gesamtzustand der EU heute, der ein neues Gleichgewicht sucht..Ohne Gewähr, es zu finden.

Krise ist nicht Untergang

Aber „Krise“ ist nicht „Untergang“. Krise ist Krise. Eine Krise kann zum Untergang führen muss aber nicht. Denn aus einer Krise kann, wenn sich die Politiker zu mutigen Visionen und Taten überwinden, ein neuer Aufschwung entstehen. Im Augenblick erwecken die Politiker nicht diesen Eindruck, aber ausgeschlossen ist es nicht.

Sie haben mehr Zeit als man denkt: Die EU wird nicht von einem Tag auf den anderen implodieren. Ihre Krise hat einen chronischen Aspekt, nicht einen abrupten. Sie wird noch Jahre dauern, und so lange können sich die Politiker auch zusammenraufen. In ihren bisherigen sechzig Jahren haben bisher alle Krisen in der früher EG genannten EU, fast ein Dutzend, neue Lebensgeister geweckt, meistens nach enervierend vielen Jahren, und sie dann entgegen aller Erwartung auf höhere Ebenen geführt, zu mehr Einigung und stärkerer Zusammenarbeit. Garantiert war das nie und ist es auch heute nicht. Heute sieht es noch grauer aus als früher, die Verlegenheiten scheinen grösser, die Auswege erst in den Anfängen, die Lösungen erst auf Probe ohne Gewähr des Gelingens, die Politiker uneinig und unentschlossen.

Ein Traum von Generationen

In allen Krisen gibt es aber neben den akuten Symptomen auch die Einbettung in grössere und längerfristige Zusammenhänge. Die Zeitgenossen, vor allem die aktualitätsverwöhnten von heute, beachten sie nicht, aber sie sind ebenso wirkungsmächtig. Kroatiens Staatspräsident Ivo Josipovic hat dazu in seiner Festrede einen denkwürdigen Satz gesprochen: „Nicht nur der Traum der heutigen Generation Kroatiens geht in Erfüllung, sondern auch jener vieler vorangegangener Generationen:“

Josipovic weitet mit diesem Satz den beschränkten Blick in eine Vergangenheit aus, die vom heutigen Europa brutal absticht. Der heutige Zustand Europas ist ein auf dem ganzen Kontinent herrschender Frieden. Ohne die seit Jahrhunderten wiederkehrenden Schlachtfelder mit Hunderttausenden Toten und elend daliegenden Verwundeten, auf dem Balkan genau so grausam wie im übrigen Europa. Ohne die Armeen und Söldnerscharen, welche Europas Landschaften, Dörfer und Städte mit Hass, Grausamkeiten und Brutalitäten übersäten. Und kein realistischer Beobachter wird das leugnen: Diesen unwahrscheinlich gewaltlosen Zustand Europas verdanken wir der EU-Konstruktion. Sie hat mit ihren Institutionen und Wirtschaftsharmonisierungen die Länder Europas von West bis Ost zu friedlicher Zusammenarbeit in dauernden Institutionen zusammengebracht.

Die erstaunliche Wandlung des Balkans

Eine einzige europäische Region fehlt noch. Der Balkan. 1991 bis 1999, bis vor 14 Jahren, haben sich die Länder des Balkans, des auseinanderfallenden Jugoslawiens, besinnungslos nationalistischem Hass hingegeben und abgeschlachtet. 1999 wurden diese Kriege unter Führung der Amerikaner für immer gestoppt. Und seitdem wollen alle diese Länder EU-Mitglied werden. Absolute Bedingung der EU ist aber, dass sie auf Gewalt verzichten. Seit 1999 hat kein balkanischer Staat mehr einen anderen militärisch angefallen. Mit viel Zögern und nach manchen Rückschlägen haben sie miteinander diplomatisch und politisch korrekte Beziehungen geknüpft, zögernd aber kontinuierlich.

Für eine Aufnahme in die EU ist Gewaltlosigkeit natürlich nicht ausreichend, es muss auch die Integration in die Institutionen und den Binnenmarkt ausgehandelt werden. Nach Slowenien ist Kroatien das zweite balkanische Land, welches diese Bedingungen erfüllt und EU-Mitglied wird.

Alle Länder Europas... ausser einem

Aber alle anderen Balkanländer: Serbien, Bosnien, Mazedonien, Montenegro, Kosovo und Albanien wollen auch EU-Mitglied werden und hüten sich, ihre jahrhundertealten Hass- und Kriegs-Phantasmen wiederaufleben zu lassen. Allen hat die EU Beitrittsverhandlungen zugesagt, die zweifellos, wenn auch erst nach Jahren, zu ihrem Eintritt in die EU führen werden. Dann wird die EU sämtliche Länder Europas ausser der Schweiz umfassen.

Kroatien und Serbien haben 1991-95 noch einen grausamen Krieg gegeneinander geführt. Grosse Teile der serbischen Bevölkerung neigen immer noch zu nationalistischen Gefühlen gegen die Kosovaren und Kroaten. Zur Beitrittsfeier Kroatiens kam auch der Präsident Serbiens. Todfeinde von Jahrhunderten wohnen gemeinsam einer europäischen Feierstunde bei.

Kommentare

Die Redaktion von Journal21.ch prüft alle Kommentare vor der Veröffentlichung. Ehrverletzende, rassistische oder anderweitig gegen geltendes Recht verstossende Äusserungen zu verbreiten, ist uns verboten. Da wir presserechtlich auch für Weblinks verantwortlich sind, löschen wir diese im Zweifelsfall. Unpubliziert bleiben ausserdem sämtliche Kommentare, die sich nicht konkret auf den Inhalt des entsprechenden Artikels oder eines bereits aufgeschalteten Leserkommentars beziehen. Im Interesse einer für die Leserschaft attraktiven, sachlichen und zivilisierten Diskussion lassen wir aggressive oder repetitive Statements nicht zu. Über Entscheide der Redaktion führen wir keine Korrespondenz.

In den vergangene 60 Jahren war die globale Lage bestimmt nicht so wie in den letzten Zehn. Einige sehr bestimmende Veränderungen hat es in diesen letzten Jahren wohl gegeben. Diese sehr unerfreuliche Konzentration von Macht auf einige wenige Punkte, verantwortungslos und willkürlich gesteuert durch Macht- und Profitgier, ist dermassen aus dem Ruder gelaufen wie schon immer in der Geschichte wenn die Profit- und Machtgier zum verächtlichen Missbrauch der Völker führte. Welchen Namen der gigantische Grössenwahn der "völkerführenden Eliten" auch immer hatte, dass Ergebnis war und ist schlussendlich immer dasselbe. Das ist historisch belegt und hat nichts mit "Glauben" zu tun. Wie der Zusammenbruch der EU noch verhindert werden kann (ohne das sie endgültig zur Diktatur zusammengestrichen wird), dass ist doch die Frage die sich jeder EU-Gläubige heute stellen sollte! Wie kann ein Desaster verhindert werden das eigentlich bereits real da ist? Auf dem Rücken der Bürger, durch Enteignung der Völker? Der Versuch hat bereits begonnen und man erkennt ohne Weiteres das er nicht gut enden wird. Was also dann? Diktatur? Plutokratie? - Sehr menschenfreundliche Aussichten! Der Abbruch dieses Kolosses verbunden mit der Rückgabe der 100% Souveranität an die einzelnen Mitgliedstaaten ist der einzige Weg der vielleicht noch an einem Krieg vorbeiführt. Indianische Weisheit: Wenn du merkst das du ein totes Pferd reitest - steig ab!

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren