Der abwesende Schüler

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Der abwesende Schüler

Von Carl Bossard, 10.12.2016

Das Schulschwänzen nimmt zu. In den offiziellen Statistiken allerdings kommt diese Tatsache kaum vor. Man schaut lieber weg. Doch ohne schnelle Reaktion gibt es keine Prävention.

Die internationale Pisa-Studie misst und vergleicht kognitive Lernleistungen der 15-Jährigen, und zwar in den zentralen Grundkenntnissen und Grundfertigkeiten Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften. Die Ergebnisse führen zu Länder-Rankings und erfreuen sich hoher Publizität.

Massiv unterschätzte Problematik

Darüber hinaus fragte die Studie 2015 auch nach der schulischen Präsenz. Zehn Prozent der Schweizer Schüler gaben zu, dass sie in den vierzehn Tagen vor dem Test mindestens einmal geschwänzt hätten. 2012 waren es lediglich fünf Prozent, die dem Unterricht gelegentlich fernblieben. Innerhalb von drei Jahren hat sich die Schulabstinenz verdoppelt.

Bereits 2013 machte die emeritierte Freiburger Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm auf das schulische Blaumachen aufmerksam. (1) Ihre Studie zeigte, dass Schulabsentismus kein kleines Kavaliersdelikt bedeutet, sondern eine verharmloste und tabuisierte Tatsache darstellt: Die Hälfte aller Schweizer Schülerinnen und Schüler der 7. bis 9. Klasse blieb der Schule hin und wieder fern, und zwar ohne plausible Begründung.

Negieren ist pädagogisch fahrlässig

Gelegentliche Absenzen lassen sich vermutlich nie vollständig vermeiden. Das subversive Ignorieren von Vorschriften und der Verstoss gegen Verordnungen gehören zwar nicht zum guten Ton eines emanzipierten Schülers, aber zum jugendlichen Reifeprozess. Bei leistungsstabilen Schülerinnen und Schülern ergeben sich daraus kaum Probleme. Doch auch sie müssen wissen: Der Lehrer nimmt mein Verhalten wahr; er sieht es und dispensiert sich nicht; die Lehrerin bemerkt mein Fehlen und spricht mich darauf an. Mit allen Konsequenzen. Das ist auch die Kernbotschaft des renommierten Mediziners und Neurobiologen Joachim Bauer: wahrnehmen, hinschauen, handeln. (2) Negieren ist kein pädagogisch korrektes Reagieren.

Ohne schnelle Reaktion gibt es keine Prävention. Und pädagogisch richtig kann eine Lehrperson nur handeln, wenn sie unmittelbar handelt. Das ist anstrengend und nicht immer angenehm. Doch es gehört konstitutiv zu ihrem Auftrag: konfrontieren und ansprechen. Dahinter verbirgt sich der altrömische Grundsatz des „Principiis obsta, sero medicina paratur.“ – „Wehret den Anfängen.“ Der schulische Idealfall einer vollständigen Präsenz und einer aktiven Unterrichtsteilnahme ist nicht immer und überall Alltag, aber er bleibt als Aufgabe. „Zu spät wird (sonst) das Heilmittel bereitet.“

Exemplarisch ist das Verhalten einer Lehrerin. „Fehlte ich, rief sie sofort zu Hause an, um zu fragen, wie es mir geht. Das wirkte“, erzählt eine Berufsschülerin und fügt bei: „Gerade Jugendliche brauchen das Gefühl, dass jemand sich um sie sorgt und die Klasse sich freut, wenn sie wieder in den Unterricht kommen.“ Es ist die implizite Botschaft: Die Schule kümmert sich um die Kinder und Jugendlichen.

Epidemisches Schulschwänzen

„Wir hatten erst Ferien. Ich bin immer noch in diesem Feeling und weiss nicht, ob ich mich motivieren kann“, so der Originalton eines 16-jährigen Gymnasiasten. Er dispensierte sich selber. Niemand nahm Notiz. Fehlen aber darf nicht unbemerkt bleiben. Schulschwänzen ist die negativste Form der Partizipation – und die Abwärtsspirale nicht weit. Das Gewöhnen an punktuelle Absenzen kann sich zu regelmässigem Absentismus ausweiten.

Die massiven Schulschwänzer machen sechs bis sieben Prozent aus. Zu dieser Kategorie zählt, wer innerhalb von zwei Monaten mehr als drei Wochen fehlt. Das ist das eine; dass aber gewisse Lehrer und Schulleitungen nicht reagieren, ist das Eigentliche – und pädagogisch Fahrlässige. „Viele Schulen haben eine Absenzenregelung, doch wird sie oft nicht konsequent eingehalten. Und wenn man Konsequenzen ziehen müsste, die weitergehen als nur ein Verweis, steckt man den Kopf in den Sand“, gibt Margrit Stamm zu bedenken.

Überforderung und Unterforderung

Viele Gründe führen zu Absentismus: mangelnde Motivation, fehlender Fleiss, persönliche Probleme, soziale Ausgrenzung, schulische Überforderung und die damit verbundene Angst vor Prüfungen oder Schulverleider und Sinnverlust. Doch den Gegenpol gibt es auch: Nicht selten liegt das Blaumachen in der Langeweile als Folge von schulischer Unterforderung. Im Unterricht geht es nicht vorwärts.

Dazu kommt, dass Eltern heute vermehrt bereit sind, Absenzen ihrer Kinder zu tolerieren oder gar unwahre Entschuldigungen wie Kopfschmerzen oder Zahnarztbesuch zu unterschreiben. Damit legitimieren sie gesetzlich nicht vorgesehene Absenzen.

Schulpräsenz als wichtiges Ziel

Das erschwert die schulische Intervention. Und doch muss die Schulleitung absentem Verhalten mit allen Mitteln entgegentreten und die Problematik wahrnehmen. So banal es klingt: Dass Schülerinnen und Schüler aktiv am Unterricht teilnehmen, muss bei jeder Schule an oberster Stelle stehen.

Patentrezepte im Operativen gibt es nicht. Doch im Prinzipiellen muss klar sein: Unerkanntes Schulschwänzen gibt es in unserer Institution nicht. Wir nehmen Absenzen wahr und reagieren unmittelbar. Mit administrativ-bürokratischen Massnahmen wie Verweisen, Sanktionen und Zeugniseinträgen allein ist das Problem allerdings nicht zu lösen. Es hängt in erster Linie mit enger pädagogischer Führung zusammen.

Primat der Interaktion

Auch das tönt trivial: Das Kernstück ist die gute Lehrerin, der engagierte Lehrer. Sie setzen hohe leistungsbezogene Erwartungen und schaffen gleichzeitig eine Lehrer-Schüler-Beziehung, die Haltekraft ermöglicht. Das zeigen viele wissenschaftliche Befunde, allen voran die renommierte John-Hattie-Studie. (3)

Doch leider hätten die Lehrer heute kaum mehr Zeit, sich persönlich der Jugendlichen anzunehmen – wegen Reformen, Fachlehrersystem und immer mehr Administration, klagt eine Berufsschülerin. „So bleibt die Beziehung zu den Schülern auf der Strecke.“

Viele Schulen müssten die Prioritäten neu justieren: weg vom Fokus Organisation und hin zum Primat der Interaktion. Dort passiert das schulisch Wesentliche. Es ist ein offenes Geheimnis: Entscheidend ist das pädagogische Gegenüber. Vital präsente Pädagogen interessieren sich für ihre Schülerinnen und Schüler; sie sprechen mit ihnen und sind mit ihnen unterwegs. Fragend und antwortend, mit Empathie und auch konfrontierend. Solche Lehrerinnen sind das Gegenbild zu Kontroll- und Wegschaupädagogen, die Absenzen einfach verwalten oder sie gar negieren. Mit Schulschwänzen haben sie kaum zu kämpfen.

(1) Margrit Stamm (2013), Zu cool für die Schule? Abbrüche, Ausstiege, Ausschlüsse von Kindern und Jugendlichen aus und von der Schule. Dossier 13/2. Bern: Eigenverlag. Der Beitrag beleuchtet nur Aspekte des Schulschwänzens, nicht aber die Kategorie der Schulverweigerer und Schulabbrecher.

(2) Joachim Bauer (2007), Lob der Schule. Sieben Perspektiven für Schüler, Lehrer und Eltern. Hamburg: Hoffmann und Campe Verlag, S. 19f.

(3) Hattie John (2009), Visible Learning. London, New York: Routledge. / Hattie John/Beywl Wolfgang & Zierer Klaus (2013), Lernen sichtbar machen. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren. John Hatties umfangreiche Meta-Meta-Studie gilt international als Referenz. Gemäss Hattie hat die Glaubwürdigkeit der Lehrperson den ausserordentlich hohen Effektwert von d = 0.90, die Lehrer-Schüler-Beziehung eine Wirkung von d = 0.72 und die Erwartungshaltung einen Einfluss von d = 0.43.

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