Denken ohne Geländer

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Denken ohne Geländer

Von Urs Meier, 17.03.2018

Ein fünfzig Jahre altes Vortragsmanuskript von Hannah Arendt ist aufgetaucht. Genau richtig für heute.

Über vierzig Jahre nach dem Tod Hannah Arendts (1906–1975) ist ihr Essay „Die Freiheit, frei zu sein“ nun erstmals publiziert worden. Das Vortragsmanuskript dürfte 1967 entstanden sein, als Hannah Arendt als Professorin an der University of Chicago lehrte. Es gehört zu einer Reihe von Referaten, die im Zusammenhang mit ihrer 1963 erschienenen Studie „On Revolution“ (deutsch in stark überarbeiteter Fassung: „Über die Revolution“, 1965) gehalten wurden.

Das schmale Bändchen mit dem Arendt-Text von 35 Seiten und dem kurzen Nachwort von Thomas Meyer hat zu Recht viel Aufmerksamkeit gefunden. Zwar bietet es nichts, was Arendt-Kenner nicht schon im umfangreichen Werk der Philosophin dem Sinne nach hatten lesen können. Aber es ist Hannah Arendt at her best: konzis, verständlich und von zeitloser Relevanz. Zudem fokussiert der Essay auf einige ihrer wichtigsten Ideen. Fast beiläufig führt er ins Denken der Autorin ein und macht dabei den Arendt-Novizen verständlich, weshalb diese politische Philosophie eine derart ungebrochene Faszination ausübt.

Zweck der Revolutionen: Freiheit

Der Essay beginnt mit einer Betrachtung über Revolutionen. Hannah Arendt hat aus der damals jüngsten Vergangenheit die kubanische Revolution und die weltweite Entkolonialisierung vor Augen. Für ihre theoretische Darlegung rekurriert sie jedoch auf die grossen Revolutionen vom Ende des 18. Jahrhunderts, die Amerikanische und die Französische. Der so ungleiche Verlauf dieser beiden Umbrüche führt sie zur Analyse der jeweiligen geschichtlichen Trieb- und Steuerungskräfte.

Der Begriff der Revolution bezeichnete einst in der Astronomie die kreisende Bewegung der Gestirne – mithin das Gegenteil „revolutionärer“ Semantik. Und historisch meinte denn auch Revolution im politischen Sinn zunächst die Wiederherstellung einer verlorenen Ordnung. Erst in den schwierigen politischen Versuchen, alte Rechte und Privilegien wiederherzustellen, stellte sich die Erfahrung des nicht geplanten und gekannten Neuen ein: Revolution im heutigen Wortsinn. Und da es inhaltlich bei den Revolutionen um Freiheit ging, wurde mit der Sinnveränderung des Revolutionsbegriffs auch das Verständnis von Freiheit komplex. Nun ging es nämlich nicht mehr allein um die Freiheit von unberechtigten Zwängen, sondern auch um das politische Recht, sich an öffentlichen Angelegenheiten zu beteiligen.

Keine Freiheit ohne Gleichheit

In Hannah Arendts Worten: „Freiheiten im Sinne von Bürgerrechten sind das Ergebnis von Befreiung, aber sie sind keineswegs der tatsächliche Inhalt von Freiheit, deren Wesenskern der Zugang zum öffentlichen Bereich und die Beteiligung an den Regierungsgeschäften sind.“ Das Verhältnis der beiden Dimensionen von Freiheit wird allerdings dadurch zusätzlich kompliziert, dass es in Revolutionen meist gleichzeitig um Befreiung und Freiheit geht. Deren gegenseitige Bedingtheit steht einer blossen Milderung der Unterdrückung – etwa unter einer nicht-tyrannischen Regierung monarchischer oder autoritärer Art – entgegen. Freiheit fordert die republikanische Staatsform. Öffentliche Freiheit heisst immer auch Gleichheit. Die Republik kennt keine Untertanen und verträgt keine Herrscher.

Dass zur Freiheit Befreiung gehöre, darin bestand das Pathos der Revolutionen Frankreichs und Amerikas. Doch den frühen Revolutionären war nicht klar, „dass eine solche Befreiung mehr bedeutet als politische Befreiung von absoluter und despotischer Macht; dass die Freiheit, frei zu sein, zuallererst bedeutete, nicht nur von Furcht, sondern auch von Not frei zu sein.“

Die nachträglich als Titel verwendete Formel „Die Freiheit, frei zu sein“ (das Manuskript hat keine Überschrift) ist keine Spielerei, sondern ein für Hannah Arendt typisches Denkmuster. Bei ihr gibt es an anderer Stelle auch „Das Recht, Rechte zu haben“. Es sind Formuierungen, die darauf verweisen, dass Freiheiten und Rechte je auf Voraussetzungen beruhen, die noch vor den einzeln zu benennenden Rechten oder den konkret zu nutzenden Freiheiten anerkannt sein wollen. 

Unsichtbar gemachte Sklaven

Die Amerikanische Revolution ist nach Hannah Arendt unter anderem deshalb – anders als die Französische – zu einem Erfolg geworden, weil sie mit dem Freiheitshindernis der Not nicht konfrontiert war. Doch dies war nur möglich, indem das grausame Los der Sklaven politisch unsichtbar gemacht wurde. „Der Unterschied bestand somit darin, dass die Amerikanische Revolution aufgrund der Institution der Sklaverei und wegen der Überzeugung, Sklaven würden einer anderen ‚Rasse’ angehören, die Existenz der Elenden übersah und damit die beachtliche Aufgabe aus dem Blick verlor, diejenigen zu befreien, die weniger durch politische Unterdrückung als durch die einfachsten Grundbedürfnisse des Lebens gefesselt waren.“

Hannah Arendt bezeichnet die Französische Revolution als Katastrophe und Wendepunkt der Weltgeschichte, die Amerikanische jedoch als Triumph, für den allerdings die politisch unsichtbar Gemachten bezahlten. Die Bilanz der grossen Revolutionen ist also zumindest zwiespältig.

Das hindert die Autorin nicht an einem hoffnungsvollen Ausblick. Zum einen sei das, was in Amerika mit viel Glück gelungen sei, durchaus ein Modell für andere Staaten in der Gegenwart. Auch sei es möglich, „die Lehren der deformierten Revolutionen zu berücksichtigen und dennoch weiter an ihrer unabweisbaren Grösse, aber auch an dem ihnen innewohnenden Versprechen festzuhalten.“

Frei sein heisst Neues anfangen

Vor allem aber hebt Hannah Arendt hervor, dass sich mit der Idee der Freiheit die Erfahrung eines tatsächlichen Neuanfangs verbindet. „Man hatte das Gefühl: Frei zu sein und etwas Neues zu beginnen, war das Gleiche.“ Es ist Ausdruck der condition humaine. Der Mensch kommt als Neuankömmling, als Anfang und als Anfänger in die Welt. Und deshalb kann er etwas beginnen.

Der Mensch ist sterblich – ein Sachverhalt, der seit je reflektiert wird. Er, so insistiert Hannah Arendt, ist aber auch „gebürtlich“: ein Anfang und Anfänger. Aller Sinn von Politik ist nach Hannah Arendts Überzeugung die Verwirklichung des menschlichen Potenzials, frei zu sein für Neuanfänge.

In dem kleinen Essay ist der grosse Atem eines exemplarisch freien Denkens präsent. Ein Glücksfall, dass dieser Text aufgetaucht ist! Er kommt zur rechten Zeit, da Orientierung und Ermutigung dringend gebraucht werden.

Hannah Arendt: Die Freiheit, frei zu sein. Mit einem Nachwort von Thomas Meyer, dtv 2018, 61 S.

Kommentare

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„Freiheit“: Ein etwas unscharfer Begriff. Vor allem im Jugendalter ist - oder war - Freheit immer verlockend.
Die amerikanische Revolution war mit dem „Freiheitshindernis der Not“ nicht konfrontiert, weil die Not der Sklaven unsichtbar war. Spricht nicht unbedingt für den Triumph von „Freiheit“.

Lieber Herr Meier
Vielen Dank für Ihren Hinweis auf das Buch von Hannah Arendt: Die Freiheit, frei zu sein. Ihre Besprechung ist so interessant, dass ich mir das Büchlein eben besorgt habe, um mich in den Text zu vertiefen. Das Thema "Freiheit" interessiert mich insofern, als ich im Zusammenhang mit der 500-Jahr Feier der Reformation der Frage nachgehe, was aus Zwinglis Versprechen der reformatorischen Freiheit heute geworden ist.
Mit freundlichen Grüssen
Jean-Pierre Hoby

Freiheit bedeutet Verantwortung zu übernehmen!
Das ist wohl heute noch revolutionär, oder etwa nicht? "z.B." Universelle Anerkennung der Menschenrechte Art.11 Absatz1 Vereinigte Nationen 1948. Die Unschuldsvermutung! „Im Zweifel für den Angeklagten“ absolute Freiheit wäre Leben nach Naturgesetz, das Recht des Stärkeren! Wollen wir nicht. Rein emotionales, paranoides, neurotisches Hexenjagen auch nicht. Nein! Wir wollen Freiheit durch Bildung und Selbstverantwortung und die endet nicht an der Urne durch Stimmabgabe. Wir müssen alle wach bleiben, da hat Hannah Arendt wohl recht. .. cathari

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