Dem Haifisch fehlen die Zähne

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Dem Haifisch fehlen die Zähne

Von Klara Obermüller, 17.09.2017

Auch 90 Jahre nach der Uraufführung bleibt Brechts Gesellschaftskritik ebenso treffend wie wirkungslos: Die Neuinszenierung der „Dreigroschenoper“ im Schauspielhaus Zürich führt es vor Augen.

Keine Spelunke, kein Puff und auch kein Knast – Regisseurin Tina Lanik und ihrer Bühnenbildnerin Bettina Meyer reicht eine Art Rolltreppe auf einer leeren Drehbühne, um die in Brechts „Dreigroschenoper“ anvisierte Dynamik von Oben und Unten, von Herrschenden und Ausgebeuteten, von denen im Lichte, die man sieht, und denen im Dunkeln, die man nicht sieht, bildlich umzusetzen. Die Treppe ist multifunktional, dient bald als Büro des Bettlerkönigs Peachum, bald als Bordell und am Ende gar als Schafott zur Vollstreckung des über Macheath verhängten Todesurteils.

Der Einfall hat was, wenngleich die steril anmutende Szenerie aus Plastik, Plexiglas und Metall so rein gar nichts mehr von jener Räuberromantik an sich hat, die dem Stück von der ersten Stunde an zu seinem fulminanten Erfolg verholfen hatte. Brecht selbst hätte diese kühle Ausstattung aber vielleicht sogar zugesagt. Schliesslich war es ihm nie ganz wohl dabei, wenn er sah, wie die Unerbittlichkeit seiner Gesellschaftskritik vom Wohlklang seiner Verse und der Brillanz der Weillschen Musik hinweggespült wurde. Von „durchschlagender Wirkungslosigkeit“ hat Max Frisch mit Blick auf Brechts Stücke einmal gesprochen und damit auf das Paradox verwiesen, dass Brecht dort am erfolgreichsten war, wo er sich am weitesten von seiner eigenen Theorie entfernte. Brecht wollte die Verlogenheit seiner Gesellschaft denunzieren, nicht darstellen. Das ist ihm allzu oft misslungen – nicht zuletzt in der „Dreigroschenoper“, über die sich bis auf den heutigen Tag diejenigen am meisten amüsieren, die von Brecht am direktesten ins Visier genommen werden.

Entschlackungsversuche

In diesem 1928 in Berlin uraufgeführten, wie eine Revue aufgebauten Stück hat Bertolt Brecht die damals wie heute herrschenden Verhältnisse und ihre Profiteure bis zur Kenntlichkeit entstellt auf die Bühne gebracht. Er hielt seinen Zeitgenossen, er hält uns Nachgeborenen einen Spiegel vor, in dem wir das Unrecht dieser Welt erkennen und uns unserer Mittäterschaft bewusst werden sollten. Doch anstatt zutiefst darob zu erschrecken, lassen wir uns einlullen vom Witz seiner Sprache und dem Schmelz der Musik. Selbstvergessen wiegen wir uns im Takt der zu Gassenhauern verkommenen Melodien und vergessen dabei ganz, wie bitterbös und todernst das Ganze im Grunde gemeint ist.

Gegen diesen Mechanismus vermag auch die Zürcher Inszenierung trotz aller Entschlackungsversuche wenig auszurichten. Auch sie lebt von der Schmissigkeit der von einem kleinen Instrumentalensemble unter der Leitung von Polina Lapkovskaja brillant vorgetragenen Musik. Auch sie hebt ab, wenn Elisa Plüss den Song der Spelunken-Jenny, Jirka Zett und Julia Keusch die Zuhälterballade oder Klaus Brömmelmeier und Isabelle Menke das Finale von der Unsicherheit menschlicher Verhältnisse schmettern. Und sie dümpelt dahin, wenn die Prosatexte aufgesagt werden müssen, die heute noch hölzerner wirken, als man dies von früheren Aufführungen her in Erinnerung hatte. Aber übernommen werden müssen sie, und zwar unverändert. Dafür haben die Brecht-Erben gesorgt, die genau wie Weills Nachlassverwalter darüber wachen, dass das Stück so auf die Bühne kommt, wie Brecht und Weill es geschrieben bzw. von John Gays 1728 entstandener „Beggar’s Opera“ übernommen haben. Das heisst: keine Musik von anderer Hand, keine Manipulationen am Text und auch keine Aktualisierung des Plots.

Allzu glatt, allzu sauber, allzu gepflegt

Und so tritt denn auch in dieser Zürcher Inszenierung kein G20-Gipfel an die Stelle der im Text beschworenen Krönungsfeierlichkeiten. Die Gangsterbosse tragen keine Nadelstreifenanzüge. Und es werden statt der Bettler keine Flüchtlingsströme aufgeboten, um die Sicherheitsvorkehrungen des Polizeichefs von London (Fritz Fenne) aus den Angeln zu heben. Und das ist auch gar nicht nötig. Denn Brechts hoffnungslos desillusioniertes Bild vom Menschen und den von ihm geschaffenen Verhältnissen bedarf keiner künstlichen Aktualisierung, um auf die Zustände von heute zu verweisen.

Was wir auf der Pfauenbühne zu sehen bekommen, sind Menschen, die sich zwar danach sehnen, gut zu sein, es aber nicht sind, weil sie in einer Welt leben müssen, in der das Unrecht recht behält und die siegen, die es am wenigsten verdient haben.

Bei allem Unterhaltungswert ist Brechts „Dreigroschenoper“ im Grunde ein verzweifeltes Stück, bei dem einem das Lachen vergehen und das Trällern im Halse stecken bleiben sollte. Leider ist davon in Tina Laniks Inszenierung wenig zu spüren. Es kommt alles zu glatt daher, zu sauber, zu gepflegt. Ausser der herrlich frechen Lucy von Miriam Maertens und Julia Keuschs tieftrauriger Jenny geht den Figuren – allen voran Jirka Zetts Macheath – all das Verkommene, Verruchte und zugleich Verführerische ab, das neben der Musik so wesentlich zum Erfolg der „Dreigroschenoper“ beigetragen hat. Dass die Ensemble-Mitglieder alle nicht wirklich singen können und schon gar nicht über dieses ganz besondere für das Vortragen von Brecht-Songs erforderliche Timbre in ihren Stimmen verfügen, ist ihnen nicht anzulasten. Aber es kommt erschwerend hinzu.

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