Deblockierung der Museumspolitik

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Deblockierung der Museumspolitik

Von André Pfenninger, 22.09.2013

Kunstmuseum Bern und Zentrum Paul Klee planen nach langen Querelen ein Kooperationsmodell mit Dachstiftung.

In der bernischen Kulturlandschaft sorgen diverse Turbulenzen immer wieder für unruhige Zeiten. Für Aufsehen sorgten erst kürzlich die Jungfreisinnigen der Stadt Bern, indem sie kurz und bündig die Schliessung der legendären, für die Kunstvermittlung unverzichtbaren Kunsthalle forderten. Weniger radikal zeigen sich die Politiker mit den grossen Kunsttempeln Berns.

Das Kunstmuseum Bern, seit 1879 in diesem Bau, mitten in der Stadt angesiedelt. Rechts erkennbar der vor ein paar Jahren angefügte Erweiterungsbau. (Bild: André Pfenninger)
Das Kunstmuseum Bern, seit 1879 in diesem Bau, mitten in der Stadt angesiedelt. Rechts erkennbar der vor ein paar Jahren angefügte Erweiterungsbau. (Bild: André Pfenninger)

Seit gut zwei Jahren stehen das Kunstmuseum Bern und das Zentrum Paul Klee im Mittelpunkt grosser kulturpolitischen Debatten. Im Rahmen eines neuen am 1. Januar dieses Jahres in Kraft getretenen Kulturförderungsgesetzes übernimmt der Kanton Bern ab 2014 die alleinige Finanzierung beim Kunstmuseum und beim Zentrum Paul Klee.

In diesem Zusammenhang fordert die Politik von den beiden Häusern eine enge Zusammenarbeit, um die Kosten zu senken. Betroffen ist in erster Linie das in Finanzproblemen verstrickte Kleezentrum. Während Monaten wurde hinter verschlossenen Türen verhandelt und vor knapp einem Jahr ein Zwischenbericht vorgelegt. Die Oberaufsicht, Koordination und Leitung hat der Bernische Regierungsrat und Kulturminister Bernhard Pulver. Er bewies dabei immer wieder viel diplomatisches Geschick und das oft vermisste Verständnis für kulturelle Anliegen.

Klare Vorgaben, klarer Entscheid

Die Vorgaben waren zum Schluss klar: Fusion oder Kooperation. Beide Varianten wurden eingehend diskutiert, Argumente und Gegenargumente offengelegt. Die Entscheide sind gefallen: Das Kunstmuseum Bern und das Zentrum Paul Klee in Bern werden nicht fusionieren. Hingegen sollen die beiden Häuser künftig gemeinsam unter einem Dach sich zu einer engen Kooperation zusammenfinden und eine gemeinsame Zukunft aufbauen. Ein komplexes Konstrukt ist auf dem Papier entstanden.

Seit nahezu zwei Jahren war in verschiedenen kulturpolitisch ausgerichteten Kreisen mit dem Gedanken geliebäugelt worden, die beiden Institutionen schlicht und einfach zu fusionieren. Ueli Sinzig, Präsident des Stiftungsrates des Kleezentrums, signalisierte Ende Dezember 2012 auch sogleich, dass er der Fusion den Vorzug gebe.

Anders tönte es auf der Seite des Kunstmuseums. Stiftungsratspräsident Christoph Schäublin und Direktor Matthias Frehner lehnten einen Zusammenschluss vehement ab. Das Kunstmuseum bekannte sich aber von vornherein zu einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit mit dem Zentrum Paul Klee, wie Schäublin mit Nachdruck festhält. Und das Klee-Haus werde sich «ohne Handicap als starker Partner in die Kooperation» einfügen, versicherte Stiftungsratspräsident Sinzig.

Statt Fusion ein Dach

Im Laufe der letzten Monate wurde aber bald offensichtlich, dass eine Fusion, wie sie ursprünglich schmackhaft gemacht worden war, für beide Partner nicht in Betracht kam. Gründe gab es viele, nicht zuletzt standen juristische Hürden im Weg. Es erwies sich beispielweise als unmöglich, die beiden Stiftungen, in denen Sammler, Gründerfamilien usw. vertreten sind, zu fusionieren. Ganz allgemein machte sich schlussendlich auf beiden Seiten die Einsicht breit, dass eine Fusion für beide keinen Mehrwert bringt.

Es galt somit eine andere Form der Zusammenarbeit zu finden. So ist nun vorgesehen, ein gemeinsames Stiftungsdach, eine Art Holdingsstruktur zu errichten. Der den Zusammenschluss begleitende Marcel Brülhart ist ein Spezialist für solche Fälle und hat sich im kulturpolitischen Bereich schon mehr als einmal profiliert. So hat er in Bern bereits Stadttheater und Symphonieorchester ohne nachhaltige Misstöne zu einer Einheit zusammengeführt. Als Projektleiter hat er ferner auch grosse Sportanlässe wie die Fussball-EM 2008 und die Eishockey-WM 2009 in Bern geprägt.

Gemeinsame strategische Führung

In dieser Dachstiftung werden Vertreter der beiden Stiftungen der betroffenen Häuser Platz nehmen. Die beiden Stiftungen bleiben bestehen und konzentrieren sich künftig auf ihr Kernaufgaben wie Vermögensverwaltung, Ankäufe, usw. Im Rahmen einer gemeinsamen strategischen Führung wird die Zusammenarbeit der Häuser gesteuert. Die beiden Institutionen behalten so auch in Zukunft ihre künstlerische Eigenständigkeit und Standorte, ebenso ihre Direktoren. An den Identitäten der zwei Museen wird gleichfalls nicht gerüttelt. Auch die Sammlungen bleiben dort wo sie heute sind.

Gemeinsame Auftritte sind vorwiegend im Marketing vorgesehen. Die Ausstellungen sollen inbezug auf Zeitplan und Inhalte aufeinander abgestimmt werden. Bei den Ausleihungen von Kunstwerken sollen beide Häuser künftig gemeinsam auftreten, was sich bei der Gestaltung der eigenen Ausstellungen positiv auswirken soll.

Aufwertung des Kunstplatzes Bern

Die Ausstellungen sollen künftig verstärkt Magnetcharakter erhalten, national und international ausgerichtet sein und dadurch mehr Besucherinnen und Besucher nach Bern locken. Vorgesehen sind laut Projekt pro Jahr mindestens drei Hauptausstellungen. Gemeinsame Ausstellungen sind möglich, sollen aber nicht verordnet werden, heisst  es weiter. Im Bereich Gegenwartskunst hingegen ist die Durchführung einer gemeinsamen Ausstellung eingeplant.

Durch all diese Massnahmen, vor allem durch eine wirkungsvollere Verwendung der zur Verfügung stehenden Mittel, soll der Kunstplatz Bern nachhaltig gestärkt werden. Allerdings sind sich alle einig, dass mit den bestehenden Subventionen allein es auch den gemeinsam operierenden Häusern nicht gelingen wird, auch nur annähernd zu den viel zitierten Vorbildern Fondation Beyeler, Kunsthaus Zürich oder Kunstmuseum Basel aufzuschliessen.

Knackpunkt Finanzen beim Zentrum Paul Klee

Nun geht es darum, die vereinbarte Zusammenarbeit umzusetzen. Visionen müssen in Realitäten umgewandelt werden. Ein Leitfaden ist das vorgelegte Leitbild. Der Zeitplan wurde ebenfalls vorgegeben: Bis 1. Januar 2015 soll die Dachstiftung funktionsfähig sein. Vorsichtshalber wird aber hinzugefügt: spätestens 1. Januar 2016. Die Leitung hat Marcel Brülhart.

Unter Dach ist im Moment allerdings noch nichts. Lauert hinter dem Kooperations-Modell vielleicht doch eine verkappte Fusion? «Nein, auf keinen Fall», erklärt Regierungsrat Pulver gegenüber Journal 21. Und er sieht auf dem Weg zum Ziel keine Stolpersteine. Allerdings warnt er: Sollte sich in der vorgesehenen Zeitspanne eine Sanierung der Finanzen beim Zentrum Paul Klee als unmöglich erweisen, wäre der Plan hinfällig. «Es liegt noch viel Arbeit vor uns», betonte Schäublin. Insgesamt sei aber «Zuversicht am Platz», fügte der Stiftungspräsident des Klee-Zentrums an.

Unterschiedliche Partner

Das Kunstmuseum Bern und das Zentrum Paul Klee sind zwei extrem ungleiche Partner. Das Kunstmuseum ist in Bern ein Monument, historisch tief verwurzelt. Die Gründung und Eröffnung am heutigen Standort, im Zentrum der Bundesstadt, erfolgte 1879. Etwa ein Dutzend Stiftungen und Sammlungen haben im Kunstmuseum ihre Unterkunft. So zum Beispiel die Gottfried Keller Stiftung, die Stiftung Othmar Huber (sie drohte im Falle einer Fusion wegzuziehen), die Johannes Itten Stiftung, die Anne-Marie und Victor Loeb Stiftung, die Hermann und Margrit Rupf Stiftung  (sie hat schon früher im Hinblick auf eine eventuelle Fusion mit dem Abzug ihrer Bestände gedroht), die Adolf Wölfli Stiftung – um nur die bekanntesten zu nennen.

Die Sammlung des Kunstmuseums Bern umfasst einen breiten Bestand mit Schwerpunkten Schweizer Kunst vom Mittelalter bis zur Gegenwart mit Impressionismus und Klassischer Moderne. Die Sammlung enthält auch markante Berner Positionen mit Werken von Adolf Wölfli, Meret Oppenheim, Markus Raetz, Franz Gertsch und anderen. Das Kunstmuseum profiliert sich auch immer wieder mit hochkarätigen Ausstellungen, die national und international auf Beachtung stossen. Das Haus leidet unter Platznot und plant nach dem vor ein paar Jahren bereits erstellten modernen Anbau eine weitere bauliche Erweiterung.

Das Kulturzentrum Paul Klee, ein Bau von Renzo Piano am östlichen Stadtrand von Bern, wurde 2005 in Betrieb genommen. (Bild: André Pfenninger)
Das Kulturzentrum Paul Klee, ein Bau von Renzo Piano am östlichen Stadtrand von Bern, wurde 2005 in Betrieb genommen. (Bild: André Pfenninger)

Das Zentrum Paul Klee hat durch den eigenwilligen Bau des Stararchitekten Renzo Piano weit über die Grenzen des Landes hinaus Beachtung gefunden. Im Vergleich zum Kunstmuseum ist es also noch recht jung. Das Haus finanziert und ermöglicht hat die Familie Maurice und Martha Müller. Ihre Stiftung sowie die Stiftung Klee sind die eigentlichen Träger des monumentalen, nicht selten als überdimensioniert bezeichneten Kulturtempels. Untergebracht ist vor allem die Sammlung Paul Klee (ein Teil wurde aus dem Kunstmuseum übernommen). Insgesamt verfügt das Zentrum Paul Klee über 4’000 Werke (von insgesamt zirka 10'000) des Künstlers und ein breitgefächertes Archiv mit Klee-Dokumenten.

Neben den Ausstellungen werden Konzerte, Literaturveranstaltungen, Vorträge usw. durchgeführt. Berühmtheit erlangt hat das Kindermuseum Creaviva. Bewusst wurde hier eine Plattform der Begegnung  geschaffen. Aus den Sammlungsschwerpunkten der beiden Häuser leitet sich zudem eine überdurchschnittliche kunsthistorische und museologische Fach- und Forschungskompetenz mit internationalem Renommee ab, wie die beiden Direktoren Matthias Frehner und Peter Fischer festhalten. 

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