… dass nicht sein kann, was nicht sein darf

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… dass nicht sein kann, was nicht sein darf

Von Lukas Fierz, 20.11.2020

Tabus und Illusionen prägen die Debatten und Programme zur Begrenzung der Erderwärmung. Die Abrechnung eines Desillusionierten.

Professor Hans Joachim «John» Schellnhuber, Berater der deutschen Kanzlerin und des Papstes und Erfinder des Zweigradziels, zeigte uns vor zweieinhalb Jahren sein Potsdamer Klimainstitut. Am Schluss, in seinem Büro, das einst Einstein benutzt hatte, meinte er zusammenfassend, er sehe nicht, wie die Menschheit sich noch aus der Klimafalle befreien könne. 

Schellnhuber ist ja oft in den Medien, aber das hatte man von ihm öffentlich nie gehört – Anlass, der Frage nachzugehen, wie ernst es denn tatsächlich sei.

Ich bin kein Klimaspezialist, aber als Arzt beherrscht man sowieso immer nur Teilgebiete und notgedrungenerweise muss man auf verschiedene andere Spezialisten hören und mit ihnen zusammenarbeiten. Auch ist man gewohnt, mit Ungewissheiten umzugehen. Erwägt ein Arzt eine Operation, so schätzt er seine Erfolgsaussichten ab anhand von Alter, Ernährungs- und Kräftezustand des Patienten, Vorkrankheiten und Moral. Jeder Risikofaktor mindert die Erfolgsaussicht. Man kann nichts genau berechnen, aber das entbindet nicht von einer Abschätzung.

In der Klimadiskussion wird oft beklagt, wie schwierig es sei, weil man nichts genau wisse. Aber auch hier entbindet die Ungewissheit nicht von einer Abschätzung. Zwar werden wir dabei von allerlei Tabus und Illusionen behindert; aber ich erzähle mal, was ich herausgefunden habe.

Ich bin in Basel aufgewachsen. Dort hängt im Kunstmuseum der tote Christus, gemalt von Holbein vor 500 Jahren. 

Hans Holbein der Jüngere: Der tote Christus (1521/22)
Hans Holbein der Jüngere: Der tote Christus (1521/22)

Das Bild hat mich als junger Mensch tief beeindruckt. Ich hatte es jahrelang über meinem Schreibtisch. Dieser gnadenlos realistische Blick auf unseren Gott, auf seine Passion und auf unser aller Ende. Ich war und bin überzeugt, dass wir unsere Handlungen an dem Moment messen müssen, wo wir selber in diesem Zustand sein werden. Bis dahin gilt es, das, was wir tun, möglichst gut zu tun und keine Zeit zu verlieren. Und schon sind wir beim ersten Tabu, dem Tod. Weil er im vorherrschenden Bewusstsein verdrängt ist, kann vieles, was mit ihm zusammenhängt, nicht gesehen werden.

Ich habe dann in Zürich Medizin studiert, und da konnte man einige Prinzipien lernen.

Prinzipien der ärztlichen Kunst

Krankheiten beginnen oft im Geheimen: Erste Krankheitssymptome sind oft nicht der Beginn, sondern der letzte Akt. Ein Trinker oder ein Raucher braucht Jahrzehnte, um Leber oder Lunge zu ruinieren. Das geht unbemerkt, weil das Organ kompensieren kann. Wenn dann Gelbsucht oder Atemnot auftritt, dauert das Leben nicht mehr viele Jahrzehnte, sondern eher Jahre. 

Krankmachende Faktoren können sich mehr als addieren: Gemäss einer grossen epidemiologischen Studie tritt pro Monat bei etwa einem Prozent der Gesamtbevölkerung eine Depression auf. Kommt ein schwerer Belastungsfaktor (Tod eines Familienangehörigen, Kündigung, Krankheit etc.) dazu, so gibt es zwei Prozente mehr, also drei Prozent Depressionen, bei zwei Belastungsfaktoren schon drei Prozent mehr. Bei drei gleichzeitigen Belastungsfaktoren werden schon 24 Prozent depressiv. Plötzlich multiplizieren sich die Risiken. 

Für Patienten und Versicherungen müssen wir oft Prognosen über Jahre und Jahrzehnte machen. Das geht, solange sich Krankheiten treu bleiben: Wenn ein Patient mit Multipler Sklerose nach zehn Jahren nur ganz leicht behindert ist, wird er wohl auch nach weiteren zehn Jahren noch nicht im Rollstuhl sein.

Richtungsändernde Verschlimmerungen in Krankheitsverläufen, beispielsweise bei Bluthochdruck oder bei Hochdruck im Auge (Glaucom), erkennt man daran, dass sich plötzlich Höchstwerte in rascher Folge häufen: Damit tritt die Krankheit in ein progressives Stadium ein und entzieht sich unter Umständen der Kontrolle.

Selbstverstärkende Mechanismen können zu hyperakuter Verschlimmerung führen. Das gefürchtete Beispiel dafür ist die Verengung der Aortenklappe, der Klappe der Hauptschlagader. Das Herz erzeugt zunächst mehr Kraft und drückt genug Blut durch die Klappe. Die Patienten können sogar Leichtathletik betreiben. Das geht, bis die Klappe so eng ist, dass das Herz nicht mehr genug Blut für seinen eigenen Energiebedarf kriegt. Das führt zu Herzversagen und Tod innert Sekunden, Sekundenherztod. Vor solch selbstverstärkenden Mechanismen haben wir Ärzte panische Angst, weil sie unvorhersehbar und unbeherrschbar sind.

Es gibt in unserem Beruf Autoritäten. Das sind Ärzte, die wiederholt Diagnosen gestellt haben, die alle anderen verpasst haben. Das spricht sich herum. Solche Kollegen haben einen sagenhaften Ruf, und ihnen glaubt man mit Vorteil, auch wenn man nicht ganz nachkommt.

Schummeln gilt nicht. Wenn der Patient stirbt, kommt der Pathologe oder der Gerichtsmediziner. Die sind gnadenlos.

Angewandt auf die Umweltsituation

1972 wurden wir durch den Bericht des Club of Rome schockiert. Was man damals wusste, hat man in einen Grosscomputer gefüttert. Es kam heraus, dass sich die Ökosysteme Mitte des 21. Jahrhunderts destabilisieren werden, wenn wir nicht mit dem Wirtschaftswachstum aufhören und die Bevölkerung nicht auf vier Milliarden stabilisieren. 

Der Bericht nennt schon den Treibhauseffekt – mit der Hoffnung, dass man noch eine Lösung finde. Die Modellrechnungen sagten, dass nicht eine Verknappung an Ressourcen oder an Boden die limitierenden Faktoren seien, sondern die Umweltverschmutzung. Wer wie die NZZ behauptet, der Club of Rome habe eine Ressourcenverknappung vorausgesagt und sei deshalb unglaubwürdig, sagt wissentlich die Unwahrheit oder hat den Bericht nicht gelesen. Später hat der Club of Rome mit Hängen und Würgen korrigiert, dass es vielleicht mit einer Erdbevölkerung von acht Milliarden auch gerade noch gehen könnte. Er hat dabei aber ausdrücklich gesagt, dass man die Folgen der menschlichen Aggressivität nicht modellieren könne.

1988 stellte James Hansen erstmals fest, der Treibhauseffekt zeige sich in einer nachweisbaren Erderwärmung. Mit einem noch primitiven Modell sagte er die weitere Erwärmung voraus, und zwar bis heute ziemlich genau. Dieser Mann ist eine Autorität. Wenn er heute die offiziellen Prognosen und Massnahmen in Frage stellt, muss das zu höchster Sorge Anlass geben.

James Hansen wird in Handschellen abgeführt.
James Hansen wird in Handschellen abgeführt.

Die Pariser Verträge von 2015 wollten die Temperaturerhöhung gegenüber dem vorindustriellen Wert auf 1,5 oder maximal zwei Grad limitieren. Die Schweizer Grünen haben noch diesen April gesagt, dass und wie man dieses Ziel erreichen wolle. Da sind wir schon bei den Illusionen.

Illusionen in Sachen Erderwärmung

Erste Illusion: Schon bei Abschluss der Pariser Verträge war klar, dass das 1,5 Grad-Ziel unerreichbar ist. James Hansen spricht von einem Fake-Abkommen. Bei Einhaltung aller Abmachungen würde die Temperatur mehr als drei Grad steigen, über Land sogar mehr. Überdies rechnet das Abkommen mit grosstechnischer Abscheidung von CO₂ aus der Luft, was James Hansen und andere Experten als illusionär bezeichnen (siehe hier, S. 44ff, und hier).

Zweite Illusion: Nur eine kleine Minderheit der Staaten hält das Abkommen ein. Damit sind wir gemäss offiziellen Berechnungen auf einem Weg zu vier bis fünf Grad Erwärmung global bis 2100 – d. h. über Land wiederum sogar mehr. Soweit der offizielle Mainstream, nämlich die Voraussagen des IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change).

Hierzu gibt es die dritte Illusion: dass das alles Alarmismus und Hysterie sei. Noch weiter verbreitet ist die vierte Illusion, wonach die bisher gemachten Aussagen bereits die ganze Wahrheit seien. Leider trifft das nicht zu.

Fünfte Illusion: Viele denken, der Temperaturanstieg sei und bleibe linear. Aber dass er immer schneller geht sieht man sogleich:

Sogar das IPCC krankt an dieser Illusion: 2018 verlegte das IPCC den Anstieg um 1,5 Grad von 2100 auf 2040. Sofort kam Einspruch von amerikanischen Klimatologen: Das IPCC hatte vergessen, dass die Treibhausgase ab heute weiter steigen. Damit kommen die 1,5 Grad schon 2030 – eine Vorverschiebung um 70 Jahre gegenüber der Prognose von 2018! 

Und das IPCC nimmt als Ausgangswert für die Erwärmung die Periode 1850–1900. Dabei hat diese hundert Jahre vorher begonnen, und damit haben wir die 1,5 Grad Erwärmung wahrscheinlich schon jetzt fast erreicht. Mit weiterer Beschleunigung ist zu rechnen.

Die sechste Illusion ist, dass der Treibhausmechanismus schon die ganze Story sei. Das wäre schlimm genug, aber es gibt zusätzlich viele positive Rückkoppelungs­mechanismen, welche die Lage verschlimmern. Diese gehen zwar langsam voran, waren aber nach Hansen in der bisherigen Erdgeschichte immer matchentscheidend. Und damit, dass diese Rückkopplungen jederzeit zu einem Kippen der Situation führen können, wurde das 1,5- bzw. Zwei-Grad-Ziel überhaupt begründet. Das IPCC rechnet die Rückkopplungen nicht ein, weil sie nicht genau voraussagbar seien. 

Wie einleitend gesagt, machen mir als Arzt solche Rückkopplungen mehr Angst als alles andere, weil sie schon einzeln unbeherrschbar sein können, weil sie alle in die falsche Richtung gehen und weil sie sich nicht nur addieren, sondern möglicherweise auch multiplizieren können. Das kann die Entwicklung massiv beschleunigen.

Die siebte Illusion ist, dass die CO₂-Konzentration nur davon abhänge, wieviel wir in die Luft blasen. Nun wurde der CO₂-Ausstoss aber bisher zu knapp einem Drittel vom Ozean aufgenommen, was zwar zu Versauerung und Problemen für die Meerestiere führte, uns aber entlastete. Nur kann ein wärmerer Ozean nicht mehr soviel CO₂ aufnehmen.

Ähnlich die Bäume und die Vegetation an Land und im Ozean: Sie nahmen bisher auch knapp einen Drittel des ausgestossenen CO₂ auf. Ein Grossteil der CO₂-Kompensationsprogramme beruht auf tatsächlichem oder behauptetem Aufforsten. Doch schon jetzt verlieren wir Wald durch Abholzungen und Brände. Und mit einem Temperaturanstieg von vier Grad bis im Jahr 2100 wird ein grossflächiges Absterben der Bäume vorausgesagt, wie es jetzt bei den Korallenriffen stattfindet. So werden diese vom CO₂-Puffer zum CO₂-Produzenten. Der Deutsche Klimapapst Schellnhuber sagt dazu: «Wir töten unsere besten Freunde.» Damit werden Kompensationen durch Aufforsten nichtig und der CO₂-Ausstoss wird zum Selbstläufer, selbst bei Netto Null! Auch dies ist vom IPCC nicht eingerechnet.

Die achte Illusion war, dass das Eis nur langsam schmelze. In der Arktis geht es jedoch schneller als gedacht. Nach Abschmelzen von Schnee und Eis nimmt die Rückstrahlung der Erde derart ab, dass wir zur Erwärmung noch bis zu zwanzig Prozent hinzurechnen können. Das bringt uns bis 2100 nicht auf vier bis fünf, sondern auf fünf bis sechs Grad, über Land mehr. Das ist vom IPCC nicht in diesem Tempo eingerechnet. 

Die neunte Illusion war bis vor wenigen Jahren, dass der Permafrost in Sibirien und anderswo erst gegen Ende des Jahrhunderts auftaue. Er taut aber schon jetzt, und seit einigen Jahren sprudelt das Methan dort und anderswo aus erwärmten Böden und seine Konzentration steigt in der Atmosphäre rasch an. Methan als kurzlebiges aber sehr starkes Treibhausgas kann die Erwärmung akut beschleunigen und die Selbstverbrennung zu einer Frage von Jahren machen. Der IPCC hat dies nicht eingerechnet.

Die zehnte Illusion war, dass dies schon alles sei. Aber neuerdings sagen mehrere Klimamodelle eine Abnahme der Wolkendecke voraus, was die Erwärmung weiter beschleunigen könnte. Der IPCC berücksichtigt auch dies nicht.

Die elfte Illusion besagt, dies alles gehe langsam. Aber erdgeschichtlich gesehen haben die jetzigen Veränderungen ein nie dagewesenes Tempo, zehnmal schneller als die schnellsten Veränderungen in den letzten 65 Millionen Jahren, Tempo zunehmend. Seit 2019 wurden Hunderte von Temperaturrekorden gebrochen, mit mehreren Monatshöchstwerden, und 2020 droht das wärmste je gemessene Jahr zu werden. Als Arzt schaut man eine solche Entwicklung mit grösster Besorgnis an, weil sie den Verdacht auf bösartige Beschleunigung untermauern.

Zwölfte Illusion: Alles redet vom Klima. Dabei haben wir noch ein zweites Problem, das Artensterben, das ebenfalls in einem Tempo abläuft, das erdgeschichtlich ausserordentlich und für uns genauso bedrohlich ist. Es ist vorerst noch ziemlich unabhängig vom Klima. Die bisherigen Hauptgründe sind Bejagung sowie Verlust und Vergiftung der Lebensräume durch stetig ausgedehnte menschliche Population und Aktivität. E. O. Wilson, der grosse Biologe, meint, dass man die Hälfte der Erde für «Wildlife» reservieren müsste, wenn man das Artensterben aufhalten wolle.

Wie der Arzt vor der Operation

Die ersten Krankheitssymptome der Erde sind allenthalben zu sehen: Dürren, Brände, Gletscherschwund, Artenverlust. Als Arzt sieht man das nicht als Beginn, sondern als Anfang vom Ende. Die Biosphäre kann nicht mehr kompensieren.

Und wir sehen eine Vielzahl von ursächlichen Faktoren: CO₂, Methan, Wasserdampf, Wolkenverlust, Ozeanversauerung, Pestizide, Verlust von Lebensräumen. Als Arzt weiss man, dass sich die Folgen nicht nur addieren, sondern manchmal unvorhersehbar multiplizieren.

Was den Arzt vor allem panisch macht, sind die mehrfachen selbstverstärkenden Mechanismen: Eisschmelze, Methanfreisetzung, CO₂-Freisetzung durch Waldbrände, Waldsterben, Boden- und Ozeanerwärmung. Gegen solche selbstverstärkenden Mechanismen hat man schon wenig Handhabe, wenn sie einzeln auftreten (man denke an die Aortenstenose). Erst recht machtlos ist man, wenn sie zusammenwirken und sich möglicherweise noch multiplizieren. Die nachweisliche Beschleunigung der Erwärmung und die neuliche Häufung von Höchstwerten sprechen dafür, dass der Verlauf schon jetzt eine Richtungsänderung zum Schlimmeren nimmt.

Die 1,5- oder Zwei-Grad-Ziele bis 2100 sind leeres Gerede, das Pariser Abkommen ist ein Fake, ein falsches Alibi, weil es nicht einmal eingehalten wird. Viele Regierungen verschlimmern die Situation (Russland, Australien, Brasilien, Indien, bisher auch die USA). Nur mit grösstem Glück werden wir am Ende des Jahrhunderts eine Erwärmung von vier oder fünf Grad haben, aber auch das ist nicht wahrscheinlich, denn die selbstverstärkenden Feedbacks sind alle schon angesprungen. So reden einige schon von sechs, sieben oder mehr Grad. Das bedeutet, über Land sind es noch mehr. Das kann die menschliche Zivilisation nicht überleben. Und ein Grossteil der Biosphäre auch nicht. Wenigstens weiss ich jetzt, wieso Schellnhuber keinen Ausweg sieht. 

Schon vier Grad Globalerwärmung heissen für Johan Rockström vom Potsdam Institut bei Berlin, dass die Erde vielleicht noch vier Milliarden Menschen tragen könne, vielleicht auch weniger. Das bedeutet globale Kriege, in denen alte Muster des Kampfs um Lebensraum wiedererwachen werden, um Lebensraum, der immer knapper und schliesslich nicht mehr verfügbar sein wird.

Dass das alles nicht gesehen werden kann, ist zunächst eine Folge der erwähnten Illusionen – in den Worten von Christian Morgensterns «Palmström» würde man sagen: «Also schliesst er messerscharf, dass nicht sein kann, was nicht sein darf.» Aber solches Denken ist undiszipliniert und infantil. Man könnte es einem Siebenjährigen verzeihen, aber nicht einem verantwortlichen Erwachsenen.

Abschied von Tabus

Dass uns die Realitätskontrolle derart entglitten ist, hat aber vielleicht noch den tieferen Grund, dass der Tod im Bewusstsein weitgehend tabuisiert ist. So können wir ihn nicht erblicken, obschon er uns ins Auge starrt. Klimapolitischen Schönrednern wie Köppel mache ich nicht einmal einen Vorwurf. Schon eher den Klimatologen, die so tun, wie wenn es einen Ausweg gäbe, obschon sie es anders wüssten. Und den Grünen, die die Probleme nicht zu Ende denken und immer noch vom 1,5-Grad-Ziel faseln. Das ist Wählerbetrug.

Damit kommen wir zum zweiten Tabu: Niemand will die Tatsache wahrhaben, dass wir zu viele sind. Auch das ein Tabu, weil wir Fortpflanzungsmaschinen sind. Fortpflanzung ist uns als heiligstes und oberstes Ziel einprogrammiert. Deshalb möchten sich auch viele – wie unsere Grünen – in der Illusion wiegen, dass Verzicht genüge.

Zugegeben, nur die Wohlhabenden machen die Umweltbelastung. Die zehn Prozent Wohlhabendsten bewirken wohl fünfzig Prozent der Verschmutzung, die 50 Prozent der Wohlhabenderen fast den ganzen Rest. Aber ein Grossteil des Ressourcenverbrauchs und der Verschmutzung ist dadurch erzwungen, dass zu viele Menschen in geballten Megastrukturen leben müssen, welche energiefressende Transporte brauchen.

Einige sehen die Lösung darin, die Privilegien der obersten zehn Prozent zu eliminieren. Aber auch die halbe Belastung wäre für die Erde zu viel. Selbst dann dürfte die verbleibende Hälfte sich nicht vermehren und wohlhabend werden wollen – mit Industrie, Fleischkonsum, Autos, Flugzeugen, wie es zum Beispiel jetzt gerade in Indien und vielen anderen Staaten geschieht.

Viele Menschen, die nicht durch Geburtenkontrolle vermieden werden, werden durch Unruhen, Kriege, Hunger und Seuchen ihr Leben lassen müssen. Das ist eine weitere Realität, der wir ins Auge schauen müssten. Humaner wäre es, zwei Generationen lang die Einkindfamilie zur Norm zu machen.

Mehr zum Thema im Blog des Autors

Kommentare

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Was helfen würde ist die Reduktion der menschlichen Bevökerung.
Weil wir dazu unfähig sind, wird das die Natur regeln müssen. Schade.

Lieber Lukas: was willst du der geneigten Leserschaft damit praktisch sagen? Wenn du selbst den Grünen Betrug unterstellst: was wäre besser? Wahlabstinenz? Die SVP? Beides wäre das grössere Übel, wie du genau weisst. Was das Bevölkerungswachstum betrifft: das ignorieren die Grünen deshalb zu Recht, weil es sich kaum beeinflussen lässt. Die Welt ist zum Glück keine Diktatur. Wer Geburtenzahlen ernsthaft senken will, muss die Position von Frauen stärken. Das dauert. Ich unterstütze seit vielen Jahren Frauenprojekte, weil sie mich auf jeder Ebene sinnvoll dünken. Und habe erst in diesen Jahren gelernt, dass das die „Nebenwirkung“ eines geringeren Bevölkerungswachstums hat. Beste Grüsse von einem deiner Kinder, das selber nur ein Kind hat, das aber niemandem vorschreiben möchte.

Besten Dank, Herr Fierz, für diesen Artikel, auch wenn er nichts beschönigt und folglich einen alles andere als beruhigt zurücklässt. Die Wahrheit über den Klimawandel geht unter die Haut, weil er dermassen schnell fortschreitet, dass der Glaube, ihn stoppen zu können, fast im Keime erstickt wird. Ja, wie soll die Menschheit sich aus der Klimafalle befreien können? Etwa mit einem Wirtschaftssystem, das darauf fusst, sich mittels Raubbau an Flora und Fauna am Leben zu erhalten? Das System basiert darauf, in immer schnelleren Rhythmen Waren und Dienstleistungen bereitzustellen, die es zu konsumieren gilt. Ein für die Welt mörderisches Unterfangen, wenn man daran denkt, wie viel Ressourcen und Energie dafür benötigt werden. Aber wenn die Menschheit nicht im Überfluss konsumiert, herrscht Massenarbeitslosigkeit, Armut und Krieg. Die Pandemie von heute zeigt, was geschieht, wenn die Produktions- und Konsummaschinerie nicht auf Hochtouren läuft. Ein solches Wirtschaftssystem kann die Menschheit nicht davor retten, unterzugehen. Ebenso nicht ein ungebremstes Bevölkerungswachstum. Der Vorschlag des Autors, zwei Generationen lang, die Einkindfamilie zur Norm zu machen, hat etwas für sich. Vielleicht müssten wir uns auch darüber Gedanken machen, ob es Sinn macht, immer älter zu werden? Ob es Sinn macht, dass die Spitzenmedizin immer ausgeklügeltere Therapien anbietet, um Leben zu verlängern? Dies gilt natürlich nur für reiche Staaten. Wobei sich die Frage stellt, welcher Staat noch reich ist, in Anbetracht dessen, dass die weltweite Verschuldung von Staaten Billionen beträgt. Macht es für den Klimanotstand Sinn, wenn in reichen, hochtechnisierten Staaten Menschen immer älter werden? Eigentlich tut jeder, der ohne lebensverlängernde Massnahmen der Medizin auskommt und somit stirbt, der Welt einen Gefallen, weil er ihr Gastrecht nicht überstrapaziert. Der Tod und seine Verdrängung könnten ein Grund dafür sein, nicht loslassen zu können; von der Macht der Gewohnheit, die darin besteht, uneingeschränkt ein sogenannt gutes, sprich materiell begütertes, Leben führen zu können. Doch: Kann ein Leben gut sein, wenn die Welt und mit ihr tausende von Arten einen oftmals stillen Tod erleiden? Wir täten gut daran, unsere Denkweisen und Lebensweisen zu hinterfragen und ihnen in mancherlei Hinsicht den Garaus zu machen. Denn so ganz einfach, mit immer mehr Technik und Digitalisierung wird der Klimawandel nicht aufzuhalten sein. Genauso wenig dürften weitere Pandemien - vielleicht in gröberem Ausmass als Corona - unserer überbordenden, ausbeuterischen Lebensweise wegen, ausbleiben. Vielleicht rächt es sich, dass Wildtiere keine Lebensräume mehr haben, weil der Homo sapiens glaubt, über allen Wesen stehen zu müssen. Was einem bleibt, ist der Versuch, nicht vollständig paralysiert zu werden, sondern das zu tun, was Sinn macht für die Weltgemeinschaft - und damit meine ich explizit alle Lebewesen.

Ein grosses Kompliment für diesen ausgezeichneten Artikel. Ich habe noch nie eine so präzise und klare Darstellung dieses lebensbedrohenden Problems gelesen. Herzlichen Dank dafür.

Super, bin begeistert.Die Lügerei umd Beschönigung ist der grösste Feind einer Lösung.aber ich halte mich an Luther: " Wenn morgen die Welt unterginge, würde ich meinen Aofelbaum pflanzen"

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