Das zynische Geschäft mit dem „antifaschistischen Schutzwall“

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Das zynische Geschäft mit dem „antifaschistischen Schutzwall“

Von Edi Strub, 15.08.2011

Wirtschaftlich und imagemässig war die Mauer für die DDR ein Fehlschlag. Die Bewachung der befestigten Grenze kostete viel Geld und bremste den Niedergang Ostdeutschlands bloss. 1989 schliesslich brachen alle Dämme: die Mauer fiel und die DDR ging in Auflösung. Zuvor jedoch nutzte die DDR den „antifaschistischen Schutzwall“, um Devisen zu erwirtschaften. Mit dem Verkauf von politischen Häftlingen, meist gescheiterten „Republikflüchtigen“, verdiente die DDR Milliarden.

Laut jüngsten Ergebnissen der Forschung sind in der Zeit vom Bau bis zum Fall der Mauer rund 33'000 Menschen in den Westen verkauft worden. Freigekauft wurden diese Häftlinge meist von der Bundesrepublik Deutschland – zu Beginn jedoch auch von der katholischen und der evangelischen Kirche.

Berechnete Kaufsumme insgesamt: 3,5 Milliarden DM. Die meisten Freigekauften hatten versucht, in den Westen zu fliehen und waren dabei ertappt worden. Andere lehnten sich gegen das System auf und waren als Verräter und Spione zu Haftstrafen verurteilt worden.

An Zynismus nicht zu überbieten

Berechnet wurden die Kaufsummen gemäss einem regelrechten Tarifsystem. Die normale Kopfprämie betrug 40'000 DM. Für Gefangene, die zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt worden waren oder die wegen ihrer Ausbildung für die DDR besonders wertvoll waren, zum Beispiel Ärzte und Ingenieure, musste der doppelte Tarif bezahlt werden – also 80‘000 Mark. In besonderen Fällen - zum Beispiel beim Freikauf von Fluchthelfern - wurden bis 200‘000 DM kassiert.

Billiger waren Familienzusammenführungen. Dafür wurden 11'000 Mark in Rechnung gestellt. Meist handelte es sich dabei um ältere Leute, die der DDR nur noch Kosten verursachten.

Das Schachern um Menschen und Tarife war an Zynismus nicht zu überbieten. Die DDR schreckte nicht einmal davor zurück, Gefangene zu verkaufen, die gar nicht existierten. Denn für die Käufer in Westdeutschland war es nicht immer einsichtig, ob es die „angebotenen“ Gefangenen auch wirklich gab. Viele Freigekaufte zogen es angeglich nach Streichung ihrer Gefängnisstrafen vor, in der DDR zu bleiben. Wirklich zu kontrollieren war nur der Handel mit denjenigen, die nach Westdeutschland ausreisten.

Insgesamt flossen während der Existenz der DDR rund neunzig Milliarden DM aus der Bundesrepublik in den Osten. Rund die Hälfte als private Geschenke für notleidende DDR-Bürger, der Rest in Form von Transitpauschalen, durch die oben erwähnten Freikäufe oder in Form von Mindestkäufen von fast wertlosen Ostmark durch Besucher aus dem Westen.

Die DDR brauchte diese Gelder dringend. Denn sie litt konstant an einem Mangel an Devisen - in den 80er-Jahren so sehr, dass sie die im kapitalistischen Westen aufgenommenen Anleihen kaum mehr zu verzinsen vermochte. Zeitweise wurden die gesamten Einkünfte aus dem Handel mit politischen Flüchtlingen von den Zinszahlungen aufgefressen.

Die Mauer - wirtschaftlich eine Katastrophe

Trotz dieser Gelder, die die DDR dank Reisebeschränkungen und der Mauer dem Westen abzutrotzen vermochte, war der „antifaschistische Schutzwall“ für die DDR wirtschaftlich eine Katastrophe. Anfänglich wurden die Kosten der Grenzüberwachung an der Mauer auf 500 Mio. DM pro Jahr veranschlagt.

Später waren es laut Schätzung von Forschern rund 2 Milliarden DM. Dennoch gelang es nicht die Grenze wirklich dicht zu machen. Nicht weniger als 40'000 schafften es bis 1989, sich über die Mauer ins Ausland abzusetzen. Weitere 235'000 gelangten auf anderen Wegen ins Ausland – zum Teil, indem sie von bewilligten Auslandaufenthalten (Kongresse, Sportveranstaltungen, Verwandtenbesuche) nicht zurückkehrten. Auch die Millionen, die nicht reisen durften, weil man ihnen nicht traute, brachten Schaden; sie leisteten passiven Widerstand, indem sie es in ihren Betrieben an jedem Arbeitseifer vermissen liessen.

Abgewickelt wurden die Freikäufe über zwei Rechtsanwälte. In Westberlin war es Jürgen Stange, sein Verbindungsmann im Osten war Wolfgang Vogel, ein enger Vertrauter des DDR-Generalstaatsanwalts, der unter dem Decknamen „Georg“ geheimer Mitarbeit des Ministeriums für Sicherheit von Erich Mielke war.

Für die Bundesrepublik Deutschland und seine Politiker war der Freikauf von politischen Gefangenen ein zweischneidiges Schwert. Einerseits unterstützte man damit ein Regime, das man nicht einmal anerkannte. Höher gewichtet wurden jedoch die humanitären Aspekte: Denn man ging nicht davon aus, dass es je gelingen würde, die DDR durch wirtschaftlichen Druck zu Fall zu bringen.

"Wir sind doch keine Dummköpfe"

Und so richteten sich die Bemühungen vor allem darauf, die Mauer durch allerlei Übereinkommen zur Erleichterung menschlicher Kontakte durchlässig zu machen. Alte Beziehungen sollten bewahrt und dem Volk im Osten wenigstens die schlimmsten Entbehrungen erspart bleiben. Adenauer sagte schon ein Jahr nach dem Bau der Mauer, dass man für menschliche Erleichterung über vieles mit sich reden lasse, selbst wenn es Geld koste. Und Herbert Wehner traf sich als Gesamtdeutscher Minister sogar mehrmals mit Rechtsanwalt Vogel zu Geheimgesprächen.

Auch Bundeskanzler Kohl führte diese Praxis weiter. Zeitweise wurden jährlich zweitausend Häftlinge freigekauft. Die Freikäufe mauserten sich so zum innerdeutschen Courant Normal. In der DDR gab es im Staats- und Parteiapparat allerdings manche, die diesem Treiben kritisch gegenüber standen, weil es die Autorität des Staates und seiner Gesetze untergrabe.

Erich Mielke, Minister für Staatssicherheit, hatte dafür wenig Verständnis. Die DDR könne es sich nicht erlauben, auf diese Einnahmequellen zu verzichten. Wir sind doch keine Dummköpfe, die die Gefängnisse mit irgendwelchen Schmarotzern überquellen lassen, die wir sowieso nicht brauchen, donnerte er. „Das kann ich Euch sagen: weil ich ökonomisch denke für unsere Republik, Mensch!“

Der Artikel stützt sich auf Forschung von Jan Philipp Wölbern, Michael Kubina, Manfred Wilke, Maria Nooke, Herman Wentker, Roger Engelmann.

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