Das Zürcher Kulturkämpflein

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Das Zürcher Kulturkämpflein

Von Urs Meier, 19.05.2014

Der Strauhof in Zürich ist eines der wenigen Museen im deutschsprachigen Raum, das Literatur zum Thema hat. Nun ist dieses einzigartige Haus gefährdet.

Soll das Museum Strauhof aufgehoben werden und einem Experiment Platz machen, das Jugendliche an die Literatur heranzuführen versucht? Das neue Projekt klingt verlockend. Warum nicht ausgetretene Pfade verlassen, um auf andere Art Interesse an Literatur zu wecken? Um diese und weitere damit verbundene Optionen städtischer Kulturpolitik ist in Zürich eine Kontroverse entstanden. Sie hat das bisher wenig bekannte Museum Strauhof ins Scheinwerferlicht gerückt. Und in der Tat hat das kleine Haus einiges zu bieten.

Zum Beispiel Georg Büchner

Die gegenwärtige Schau über Georg Büchner zeigt eindrücklich, was eine kluge Literaturausstellung vermag. Sie wurde zum 200. Geburtstag Büchners (1813-1837) vom Institut Mathildenhöhe Darmstadt in Zusammenarbeit mit dem Strauhof aufwendig gestaltet und zuerst in Darmstadt gezeigt. Zurzeit ist die Ausstellung in Zürich zu sehen. Die engen, verwinkelten Räume des Museums im links der Limmat liegenden Altstadtteil sind ein passender Ort, um dem Dichter nahe zu kommen, der mit 23 Jahren als politischer Flüchtling in Zürich starb.

Mit wenigen, klug gewählten Exponaten gelingt es, die Herkunft Büchners zu zeigen: der Vater Stadtarzt in der Residenzstadt Darmstadt, die Mutter eine grossherzige, begnadete Erzieherin der sechs das Säuglingsalter überlebenden Kinder – eine bildungsbürgerliche Familie, in der gelesen, musiziert und diskutiert wurde. Georg besuchte «das Pädagog» (eigentlich: Pädagogium), eine der damals besten Schulen Deutschlands.

Politik und Dichtung

Nach zwei Studienjahren in vergleichender Anatomie in Strassburg musste er nach Deutschland zurückkehren. In Giessen (Grossherzogtum Hessen) stiess der republikanisch infizierte Büchner auf den Mief und die Gewalt des Obrigkeitsstaats. Mit einigen Gesinnungsfreunden gab er 1834 den «Hessischen Landboten» heraus, eine Untergrund-Kampfschrift gegen die Reaktion und für Bürgerrechte. 1835 veröffentlichte er das in fünf Wochen niedergeschriebene Drama «Dantons Tod» über das Scheitern der Französischen Revolution. 1836 kam der in Deutschland steckbrieflich gesuchte Büchner nach Zürich, wo er als 23Jähriger zum Privatdozenten an der Universität ernannt wurde. Nach einer Typhus-Erkrankung starb er schon wenige Monate später am 19. Februar 1837.

In der Gegenüberstellung der Sprachwelten – hier der Landbote, dort der Danton – verdeutlicht die Ausstellung die Weite und innere Gespanntheit der Denkwelt dieses Autors. Büchner ist der politische Kämpfer, der die Zwiespältigkeit aller Politik in ihrer Tiefe auslotet, der Visionär ohne Illusionen über die menschliche Natur. Er findet für diese Gebrochenheit eine Sprache, die in der deutschen Literatur eine Zäsur setzt und die Tür aufstösst zu neuen Dimensionen des Ausdrucks. Büchners Texte sind von einer bestürzenden Modernität, sie sind radikal in einem viel weiter greifenden als nur im politischen Sinn. Seine Sicht auf Menschen und Welt kommt einem vor wie eine Vorwegnahme des Existenzialismus, allerdings mit dem Unterschied, dass bei Büchner das idealistische Feuer noch nicht erloschen ist.

Schludrige Zürcher Kulturpolitik

Um das Museum Strauhof ist in Zürich eine Kontroverse entbrannt. Der Zürcher Stadtrat hatte geplant, das Literaturmuseum im Herbst 2014 zu schliessen, um dort ein «Junges Literaturlabor» einzurichten. Die ebenfalls im Strauhof domizilierte James Joyce Foundation – eine von Fritz Senn geleitete hoch angesehene Joyce-Forschungsstätte – sollte ausquartiert und zusammen mit den Nachlässen von Thomas Mann und Max Frisch in ein neu zu schaffendes Literaturarchiv an der Bärengasse integriert werden. Gegen die unausgegorenen Pläne für die Zusammenlegung der Archive und die Schliessung des Literaturmuseums kam von vielen Seiten Kritik. Doch die Stadtpräsidentin und ihre Kulturabteilung schalteten gegen alle Proteste, an deren Anfang ein vehementes Statement eines Joyce-Enkels stand (NZZ, 31.12.2013), zunächst auf stur.

Erst als die Planung wegen fehlender Verfügbarkeit der vorgesehenen Lokalitäten an der Bärengasse völlig zusammenbrach, gab man nach: Das Joyce-Archiv darf nun offenbar definitiv an seinem Ort bleiben, das Museum Strauhof wahrscheinlich auch (NZZ, 9.4.2014). Allerdings scheint die zukünftige Finanzierung des letzteren völlig unklar zu sein. Auf Anfang Juni ist angeblich die Antwort des Zürcher Stadtrats auf eine Petition des Strauhof-Komitees zu erwarten.

Stadtpräsidentin Corine Mauch als Chefin der städtischen Kultur und ihr leitender Kulturförderer Peter Haerle haben mit dem Schnellschuss in Sachen Strauhof keine Lorbeeren geholt. Die Zusammenführung der Literaturarchive erwies sich als undurchführbarer Murks. Ein «Literaturlabor» für Jugendliche tönt zwar gut, und die Idee hat auch einigen Zuspruch gefunden. Doch der Inhalt des attraktiven Pakets war allzu vage. Die Idee solle weiter verfolgt werden, heisst es bei der Stadt. Das darf man gewiss als Eingeständnis werten, das Labor-Konzept sei noch nicht sehr weit gediehen. Nichts gegen unkonventionelle Ideen und gewagte Experimente, aber auf der jetzigen Grundlage wäre ein Tausch des Literaturmuseums gegen ein «Junges Literaturlabor» nicht zu verantworten gewesen. Für die Stadt kann es nur heissen: Zurück an den Start!

 

"Der Strauhof in Zürich ist eines der wenigen Museen im deutschsprachigen Raum, das Literatur zum Thema hat." --- Wer die Sprache nicht als Museumsgut betrachtet, schaut dafür vielleicht gelegentlich in eine Grammatik. Natürlich muss es zwingend heissen: [...] eines der wenigen Museen im deutschsprachigen Raum, DIE Literatur zum Thema HABEN. Eigenartig, dass ein solcher Bock gerade hier passiert.

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