Das zahlreiche Erscheinen

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Das zahlreiche Erscheinen

Von Urs Meier, 14.07.2017

In der Hitparade der Rednerfloskeln steht sie ganz oben. Dabei kann man die Befriedigung über eine gut besuchte Veranstaltung kaum unbeholfener ausdrücken.

„Ich freue mich, dass Sie auch dieses Jahr wieder so zahlreich erschienen sind.“ Oder: „Für ihr zahlreiches Erscheinen möchte ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanken.“ – Solche Formeln gehören bei Versammlungen aller Art zur Standardrhetorik der Begrüssung. Ihre Verwendung ist so verbreitet, dass man sich fragen kann, weshalb Rednerinnen und Redner bei derartigen Gelegenheiten immer wieder so und nicht anders sprechen.

Beide Elemente der Wendung „zahlreiches Erscheinen“ gehören zur gehobenen Sprache. Das Attribut „zahlreich“ unterstreicht die positive Wertung der Tatsache, dass viele gekommen sind. Von „Erscheinen“ zu reden, wenn jemand da ist, macht dessen Anwesenheit zu einem besonderen Ereignis. Die biedere Version solcher semantischer Erhebung ist der „Dank, dass Sie den Weg hierher gefunden haben“. Offensichtlich muss die Ausdrucksweise immer ein bisschen umständlich sein.

Die Emphase der Versammlungsrhetorik ist nicht zufällig. Sie spiegelt die Ritualisierung solcher Anlässe und die besondere Rolle der Versammlungsleiter. Ruft ein Verein seine Mitglieder zusammen oder treffen sich Menschen sonst zu einem sie verbindenden Zweck, so verschmelzen sie temporär zu einem Kollektiv. In dieser Situation agiert die Person am Rednerpult nicht als Individuum, sondern als Rollenträgerin. Sie signalisiert mit ihrer Redeweise, dass sie eine Funktion ausübt, die nicht mit ihrer privaten Existenz identisch ist.

Gestanzte Begrüssungsfloskeln helfen Versammlungsleitern über allfällige Rollenunsicherheiten hinweg. Das funktioniert denn auch einwandfrei. Die gehobenen Formeln machen allen Anwesenden klar: Das hier ist ein formeller Anlass, und der Sprechende dort vorn ist für eine Stunde in die Haut des Präsidenten geschlüpft.

Bleibt nachzutragen: Wer sich in der Leitungsrolle nicht unsicher fühlt, darf das abgedroschene Vokabular gerne weglassen.

Kommentare

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Ja, richtig, es beginnt schon mit "Hitparade", undeutscher Ausdruck, aufdringlich, modisch, "Blick"-sprachlich. "Erscheinen" wird von sich der Schweizer Staatsbürgerschaft Bewerbenden schwerlich verstanden, gebraucht.

Ich wurde Anfang der 80er in Zürich von der damaligen Bewegung der „Unzufriedenen“ mit Eiern und Bierflaschen beworfen, weil ich mich mit Roger Schawinskis „Radio 24“ eingelassen hatte. Es hiess, ich sei ein „Kapitalisten-Schwein“. Ich hab's überlebt.

Polo Hofer, gestorben am 22. Juli 2017

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