Das wärmende Licht

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Das wärmende Licht

Von Stephan Wehowsky, 13.08.2020

Orhan Pamuk sah etwas, das vor aller Augen lag, aber kaum jemand ausser ihm nahm es bewusst wahr: die orangefarbige Beleuchtung von Istanbuls Strassen und Gassen.

In dieser speziellen Färbung der Strassenbeleuchtung entsteht eine Atmosphäre, die Orhan Pamuk über Jahrzehnte zu nächtlichen Streifzügen mit der Kamera motivierte. Er sah hierin etwas Einzigartiges, das vergehen würde und es auch deshalb verdiente, mit der Kamera festgehalten zu werden. In seinem Vorwort bezieht er sich ausdrücklich auf Eugène Atget, der um 1900 durch Paris gestreift war, um Fotos von dem zu machen, was nicht mehr lange Bestand haben würde.

Die Bodyguards

Pamuk unternahm seine nächtlichen Streifzüge durch die abgelegenen und zum Teil nicht ungefährlichen Strassen Istanbuls in Begleitung eines Bodyguards. Ursprünglich waren ihm von der Regierung drei zugeteilt worden, nachdem Rechtsextremisten im Zusammenhang mit den Auseinandersetzungen über den Völkermord an den Armeniern auf seinen Freund Hrant Dink 2007 einen Mordanschlag verübt hatten. Er sei der nächste, liessen sie ihn wissen.

© Orhan Pamuk 2020, Orange, Steidl 2020
© Orhan Pamuk 2020, Orange, Steidl 2020

Mit den drei Bodyguards sei der Gang durch die Gassen etwas speziell gewesen, denn diese muskelbepackten Hünen stachen jedem ins Auge, und die Leute fragten sich, was für ein merkwürdiger Typ sich in einer solchen Begleitung in ihre Gegend verirrt habe. Mit einem einzigen Bodyguard jedoch, der sich zudem diskret im Hintergrund hielt, wurde das Fotografieren wieder einfacher. Und manchmal war der von grossem Nutzen. Pamuk berichtet, dass manche Bewohner der abgelegenen Gassen sein Fotografieren als zudringlich empfanden und anfingen, ihn zu beschimpfen und zu bedrohen. Da war es dann gut, wenn sein Bodyguard mal kurz seine Polizeimarke vorweisen konnte.

Kleine Szenen

Die Bilder, die im Verlauf vieler Jahre entstanden, sind atmosphärisch sehr dicht. Man muss sich ein bisschen in sie hineinsehen, zumal das Format dieses Bandes etwas weniger als Din-A-4 ist und manche Seiten bis zu 8 Fotos enthalten. Andere Bilder wiederum füllen ganze Seiten oder Doppelseiten.

© Orhan Pamuk 2020, Orange, Steidl 2020
© Orhan Pamuk 2020, Orange, Steidl 2020

Pamuk hat ein beeindruckendes Gespür für kleine Szenen. Auf den meisten Bildern sind Menschen zu sehen, die untereinander wie auf einer Bühne in Interaktion stehen. Und Orhan Pamuk wählt seine Perspektiven so, dass sich Proportionen ergeben, die der Betrachter als anregend und harmonisch empfindet. Orhan Pamuk ist ein sehr guter Fotograf. Seine Bilder sind so einprägsam wie seine Romane, für die er 2006 den Nobelpreis der Literatur erhielt.

Gelungene Kompositionen

In seinem Vorwort berichtet er, dass er zunächst mit einer digitalen Leica, später mit einer Canon fotografiert habe. Beide Kameras erlaubten ihm Aufnahmen bei geringer Beleuchtung. Und man sieht, dass Pamuk zeitweilig in der Wahl der Schärfepunkte mit äusserster Präzision vorging. Die Bilder, die auf den ersten Blick etwas Beiläufiges haben, erweisen sich bei näherer Betrachtung als gelungene Kompositionen aus dem Augenblick heraus. Das geht nur mit anspruchsvollen Kameras.

Das orangefarbene Licht wird zunehmend durch das weisse Licht der moderneren Beleuchtung verdrängt. Damit verändert sich der Charakter der Strassen und Plätze. Mehrfach äussert Pamuk sein Befremden darüber, dass seine Freunde und Bekannten diesen Prozess, unter dem er leidet, nicht bemerken. Sie sehen etwas, ohne es wirklich wahrzunehmen. Zeitweilig hat ihn das so gestört, dass er seine Fotos nicht mehr gezeigt hat.

© Orhan Pamuk 2020, Orange, Steidl 2020
© Orhan Pamuk 2020, Orange, Steidl 2020

Allerdings gibt es noch eine andere Veränderung im Strassenbild. Während vor etwa 30 Jahren die säkulare westliche Mode dominierte, sticht jetzt religiöse Kleidung mit Turbanen und Kopftüchern ins Auge. Dieser Prozess, zu dem auch die Abkehr vom Westen gehört, hat derartig an Dynamik gewonnen, dass Freunde Orhan Pamuk warnten, sein Buch könne nach und nach vom Thema des orangefarbenen Lichts abkommen und den zunehmenden religiösen Fundamentalismus zum Inhalt haben. Pamuk teilt diese Ansicht nicht, denn er sucht jene Strassen und Plätze auf, die die Menschen so privat nutzen, als wären sie ihre nach aussen verlegten Wohnzimmer. Hier findet er jene Gesichter, Gesten, Freundschafts- und Familienbeziehungen, die nie aufhören, ihn zu faszinieren.

Und mit seinem Sinn für farbliche und geometrische Komposition hat Orhan Pamuk einen der faszinierendsten Bildbände dieses Jahres geschaffen.

Orhan Pamuk: Orange. Translated from the Turkish by Ekin Oklap. 192 Seiten. Steidl 2020. ca. 34 Euro.

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