Das System ist unheilbar krank

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Das System ist unheilbar krank

Von Christoph Zollinger, 14.12.2017

Es liessen sich in der Schweiz jährlich sieben Milliarden Franken Gesundheitskosten einsparen. Bei den andern natürlich.

Anbieter und Bezüger im schweizerischen Gesundheitswesen sind sich einig: Der permanente Kostenanstieg muss gestoppt werden. Wie und wo man sparen könnte, auch da besteht Klarheit: überall, jedoch nur bei den andern. Damit endet die Einigkeit, die Scheinheiligkeit. Das System ist unheilbar krank.

Unaufhaltsam steigende Kosten

Wir, die Kunden oder Patienten, beklagen uns über ewig steigende Prämien- und Krankheitskosten. Die Krankenkassen beklagen sich über angesagte Rationierungsmassnahmen. Die Ärzte beklagen sich über Tarifkürzungen im Tarmed. Die Spitäler beklagen sich über Fallpauschalen. Politische Parteien beklagen sich, (weil sie auf Stimmenfang für die nächsten Wahlen sind), über ungebremstes Prämienwachstum. Die Kantone beklagen sich über Spital-Transparenz-Forderungen seitens des Bundes. Bundesrat Berset beklagt sich über die renitenten Interessengruppen. Diese Interessengruppen beklagen sich über drohende Globalbudgets. Die Pharmafirmen beklagen sich über staatliche Preisdiktate.

Alle beklagen sich. Je behaglicher sie sich eingerichtet haben in der seit Jahrzehnten andauernden Endlosdiskussion um steigende Gesundheitskosten, desto lauter jammern und fordern sie. Doch die andern haben kein Musikgehör.

Erleben wir da etwa ein Musterbeispiel der Reformunfähigkeit in einer Direktdemokratie, bei der alle Beteiligten – vertreten durch ihre Lobbys – mitkritisieren und mitfordern können? Das System ist krank.

Die Ausgaben für unser Gesundheitswesen liegen mittlerweile bei 77,8 Milliarden im Jahr. Innert zwanzig Jahren stiegen sie um hundert Prozent. Geschätzte Teuerungsrate: jährlich weiterhin mindestens vier Prozent. Innert zehn Jahren ist der durch die allgemeine Krankenversicherung bezahlte Anteil dieser Kosten von 27 auf 37 Prozent gestiegen, während gleichzeitig die private Finanzierung von 35 auf 30 Prozent zurückging. Dazu sind die staatlichen Leistungen von 14 auf 18 Prozentanteile gestiegen.

Diverse Studien beziffern übereinstimmend, dass rund zehn Prozent dieser enormen Kosten als „Verschwendungsposten“ taxiert werden, also rund 7 Milliarden Franken jährlich.

Unheilige Allianz der Kostentreiber

Kostentreiber sind zum einen wir, die Kunden. Wir wollen für uns nur das Beste, lies: das Teuerste. Schliesslich bezahlen wir die hohen Prämien, da wollen wir eine Gegenleistung dafür. Dann wollen wir noch eine Zweit- oder Drittmeinung, man weiss ja nie.

Kostentreiber sind ferner die Krankenkassen, deren oberste Chefs jährlich stattliche Vergütungen einstecken (die Chefs der CCS 760’000, Sanitas 663’000, Helsana 659’000, Swica 592’000 im Jahr, um nur die vier Spitzenreiter zu nennen) mit der Begründung, dies sei „branchenüblich“. Kostentreibend wirkt ferner die millionenteure Werbung der Krankenkassen. Die Rechtfertigung hiefür: Was sonst, wenn nicht der Wettbewerb unter den Versicherern, kann die Kosten- und Prämiensteigerung einigermassen im Griff haben?

Kostentreiber sind sodann diejenigen Ärzte, die mit Zusatzleistungen und Scheinbehandlungen ihr Einkommen optimieren und Sturm laufen gegen behördliche Eingriffe. Mit dazu gehören die Spitäler, deren Chefärzte ihre Boni auch weiterhin selbst festlegen können und die mit fragwürdigen Operationen für Umsatz besorgt sind.

Kostentreiber sind weiter politische Parteien, wie kürzlich die CVP, die eine Initiative zur automatischen Kontrolle des Prämienwachstums starten. Nur – wer soll das umsetzen? Oder die Kantone, die eifersüchtig ihre regionalen Spitäler verteidigen, auch wenn es diese nachweisbar gar nicht mehr alle braucht. Oder die 26 kantonalen Gesundheitsdirektoren, die sich für ihr kantonales Wähler-Publikum und überholte Strukturpolitik stark machen und als Betreiber von kantonalen Kliniken Sparansätze hintertreiben.

Kostentreiber sind schliesslich die Interessengruppen, die Vertreter der Kunden oder Patienten, der Ärzte, der Spitäler, der Krankenversicherungen, deren Lobbying in Bern in abwechselnder Zusammensetzung die Mehrheiten für Partikularinteressen besorgen. Und natürlich die Pharmaindustrie, die laufend alte durch sehr teure neue Medikamente ersetzt. Da könnte einem Bundesrat Berset mit seinen 38 Programmpunkten, mit denen er den Fehlanreizen im Gesundheitssystem beikommen will, tatsächlich leidtun.

Lauter Fragezeichen

Warum wollen wir, die Kunden, nichts wissen von Managed-Care-Modellen, die wir 2012 an der Urne abgelehnt haben? Warum verteidigen die Krankenkassen ihre fantasielose TV-Werbung – finanziert durch uns, die Kunden – und behaupten erst noch keck, damit einen Beitrag zu leisten, um die Gesundheitskosten „einigermassen im Griff zu haben“? Warum liessen die Ärzte 2016 die Behandlungskosten erneut weit überdurchschnittlich ansteigen? Und warum rechnen Spezialärzte pro Patient doppelt so viel ab wie Hausärzte?

Warum setzen die Spitäler derart auf Wachstum, zum Beispiel mit zunehmenden Eingriffen für Knie- oder Hüftoperationen, oder warum werden bei Herzpatienten Stents eingesetzt – ein lukrativer Eingriff –, wenn doch sogar der Direktor des Instituts für Hausarztmedizin an der Universität Zürich vermutet, „wann immer es für Herzspezialisten die Möglichkeit gibt, einen Stent einzusetzen, wird das getan“ (Sonntagszeitung).

Warum starten die politischen Parteien Volksinitiativen, zum Beispiel die SP mit ihrer Forderung auf Prämienlastbegrenzung auf zehn Prozent des Haushalteinkommens? Warum verkrallen sich einige der 26 kantonalen Gesundheitsdirektoren in einen unzeitgemässen Kantönligeist? Und schliesslich die rührigen Interessengruppen, warum wohl gibt es sie überhaupt?

Ein unheilbar krankes System

Die Antworten liegen auf der Hand. Beginnen wir wiederum bei uns selbst, den Kunden. Wer die steigende Prämienlast nicht mehr tragen kann, wendet sich an den Staat. Dieser finanziert sie via individuelle Prämienverbilligungen (IPV), Zusatz-, resp. Sozialhilfeleistungen. 2015 bezahlte der Staat allein für IPV 4,1 Milliarden Franken an 2,2 Millionen Personen. De facto findet in diesem Fall oft gar keine Zusatzbelastung für den Einzelnen statt (natürlich steigen dadurch die Steuerlasten). Warum also sich sorgen?

Für die Krankenkassen bedeuten steigende Prämien Umsatzwachstum. Zudem kann bei einer staatlich verordneten obligatorischen Krankenkasse mit Fixvergütungen für Einzelleistungen keine Rede sein von „Konkurrenz steigert die Effizienz“. Und jetzt verstehen wir auch, warum noch nicht alle Versicherungen Managed-Care-Modelle anbieten, die nachweislich kostensenkend wirken.

Die Ärzte laufen schon mal prophylaktisch Sturm gegen das drohende Globalbudget im Gesundheitswesen, das eine Expertengruppe vorschlägt. Der Vergleich mit ausländischen billigeren Modellen wird abgelehnt. Begründet wird das teilweise mit dem aussergewöhnlich stark dezentralisierten schweizerischen Gesundheitssystem und den hohen Ansprüchen des Publikums.

Nur zu offensichtlich dient der Protest der Spitäler gegen die Verschwendung im Schweizer Gesundheitswesen als Versuch zur Verteidigung von behaglichen Pfründen. Man geht deshalb rechtzeitig gegen drohende Spitalsubventions-Kürzungen von jährlich zwei Milliarden Franken in Stellung.

Wie immer bei hochbrisanten gesellschaftlichen Themen profilieren sich die politischen Parteien. Ihre Vorstösse sind jedoch so einfach zu durchschauen, dass es manchmal schon fast peinlich ist. Sie haben ihre eigenen Parteiziele im Auge (was im Übrigen ihr Recht ist), doch verlieren sie dadurch das Ganze aus dem Fokus.

Zusammenfassend: Auch in den nächsten Jahren werden sich alle Player im Gesundheitssystem mit Einsparungsvorschlägen überbieten. Das wird nichts ändern am heutigen Zustand. Zuerst müssten die falschen Anreize behoben werden. Das System ist unheilbar krank.

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Kommentare

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das system ist krank? die klienten wollen nur das beste? die meisten wissen doch gar nicht, was für sie das beste wäre; der gesundheitssektor ist v.a. ein wirtschaftssektor, ja sogar ein -motor. ich bekomme doch dinge "verkauft", die ich gar nicht will, streite mich womöglich sogar mit dem arzt, weil ich auf segnungen der high-tech und pharma lieber verizichten möchte. das geschrei um die kostentreiber geschieht an der falschen stelle. der obligatorische kv hat das problem, das damit gelöst wurde niocht gelöst, aber 100% neue probleme geschaffen, tendenz wachsend. die endverbraucher sind leidtragend und leider nicht mutig genug, das zu ändern. je länger je mehr treibt uns die angst . . .

Der Titel sagt es eigentlich schon.
Das System ist tatsächlich unheilbar krank. Solange wir bei diesem System bleiben hat ein vernünftiges Gesundheitswesen, eine vernünftige Wirtschaft, eine vernünftige Gesellschaft und eine vernünftige Demokratie kaum eine Chance. Das Gesundheitswesen ist an Kapitalismus erkrankt. Eine Krankheit von der man noch streitet ob sie geistiger Natur ist und ob sie je heilbar sein wird. Nur etwas wissen wir darüber: Es ist eine extrem teure und zerstörerische Krankheit die den wirklich freien Markt von und für freie Menschen gründlich zerstört, Kriege ermöglicht und finanziert, und auch immer wieder welche auslöst. Zu den Symptomen der Krankheit Kapitalsimus gehört auch die Menschenverachtung und die Rendite für die Superreichen und Supermächtigen. Deshalb tut es selbst in reichen Ländern weh wenn das Gesundheitswesen an Kapitalismus erkrankt. Es zählt nämlich dann nicht der Mensch und seine Gesundheit, sondern der Gewinn der Mächtigen im Gesundheitswesen. Das ist das Wesen des Kapitalismus.

Ich bin mit allen Punkten sehr einverstanden auch mit der zu weit ausgelegten Kassenpflicht für paramedizinische Leistungen.
Das Finanzierungssystem trägt zudem nicht der medizinischen Entwicklung von stationär zu ambulant Rechnung. Die Kantone bezahlen nur 55% an stationäre Behandlungen. Die ambulanten Leistungen müssen von den Krankenkassen getragen werden entsprechend steigen die zu vergütenden Kosten. Die Kantone haben kein Interesse an einer Finanzierung von stationären Kosten denn dies würde zu Steuererhöhungen führen (wer will das schon?)
Insgesamt würden bei einem Wechsel die Krankenkassenprämien sinken und damit der Umfang von Prämienverbilligungen. Der Systemwechsel hätte zwei wesentliche Auswirkungen a. Steigerung von ambulanten Behandlungen auch für Privatpatienten, b.mögliche unpopuläre Steuererhöhungen würden Diskussion über Gesundheitskosten anfeuern.

Sie haben völlig Recht mit der Aufzählung der diversen "Player" in diesem System aber Sie haben drei ganz wesentliche Punkte nicht erwähnt:
-Die Bevölkerung wird immer älter
-Es wird immer mehr machbar in der Medizin; der Fortschritt ist enorm
-Die "Kassenpflichtigkeit" wird zum Statussymbol für eine ganze paramedizinische Industrie die durch die Krankenkassen anerkannt (akkreditiert) und bezahlt wird. Die Grenzen zwischen notwendiger Medizin und Wellness sind aufgeweicht.

Leider richtig, das "Gesundheitswesen"ist unheilbar krank. Zu viele Profiteure,keine Lobby. Keine Bundesratspartei packt diesen Missstand ernsthaft an. Einmal falsch Aufgegleistes hat eine enormes Beharrungsvermögen, siehe Kuba, Sowjetunion, DDR, Sommerzeit, Euro, EU, Nordkorea, Venezuela, Zimbabwe, Personenfreizügigkeit, Eigenmietwertbesteuerung usw.

Das Krankenkassenobligatorium ist ein menschengeschaffenes System, so wie der Staat, die römische Kirche, das Wirtschafts-unternehmen etc. Seine Errichtung beruht auf der Idee des Guten. Aber der das System prägende Mensch ist sowohl gut wie böse. Hat er sich einmal behaglich eingerichtet, beginnt jene Kraft zu wirken, die zwar stets das Gute will, dabei aber das Böse schafft. Wo das Böse/Kranke überhand nimmt, dort liegt der Kipp-Punkt jedes Systems. Ist der erreicht, können seine Teilnehmer es dann verlassen, wenn sie frei sind. Wo sie nicht frei sind, weil sie sich durch ihre Zustimmung zum Obligatorium selber gefesselt haben, bleibt dieses bestehen bis zur Implosion oder Abschaffung auf demokratischem Weg. - Diese Geschichte darf durchaus auch bedacht werden im Hinblick auf die Billag-Abstimmung, wo erneut die Gefahr besteht, sich durch irgendwelche Versprechungen freiwillig fesseln zu lassen.

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