Das Steinkreis-Heiligtum von Stonehenge

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Das Steinkreis-Heiligtum von Stonehenge

Von Georg Gerster, 31.05.2015

Stonehenge ist Englands (und Europas) berühmtestes Henge-Denkmal. Dessen himmelskundliche Bezüge haben lange die Forschung vordringlich beschäftigt. Jetzt fokussiert diese mehr auf die kultische Landschaft, deren Mittelpunkt Stonehenge war. Stonehenge auf der Salisbury Plain in der Grafschaft Wiltshire existierte nach neuesten Zeitangaben schon vor 3000 v. Chr. als eine kreisrunde Wall–Graben Anlage. Innerhalb dieses Kreises standen Holzbauten unbekannter Gestalt und Funktion. Kremationsreste im Wall stützten die Deutung der Anlage als einer Kultstätte zur Ahnenverehrung. In den folgenden 1500 Jahren lösten Steinsetzungen die Holzbauten ab. Das Rund mit einem Durchmesser von 110 Meter füllten allmählich fünf hufeisenförmig angeordnete Trilithen: gigantische „Tore“ aus je drei Sandstein-Findlingen, zwei Tragsteinen und einem Deckstein, und wenigstens vier Steinkreise. Die Steine wurden im Laufe von anderthalb Jahrtausenden mehrfach umplatziert, die Kultstätte wandelte sich offenbar im Einklang mit den sich wandelnden Ritualen. Die Megalithen sind zum einen Teil Sarsen-Sandsteinblöcke aus der näheren Umgebung, aber zum anderen basaltische „Blausteine“, die nachweislich aus den walisischen Preseli-Bergen kommen – aus einer Entfernung von über 250 Kilometern also. Über die Beschaffung, den Transport und das Aufrichten der bis zu 20 Tonnen schweren Steine wird noch immer gerätselt. Und warum die unglaubliche Plackerei mit „Blausteinen“, wenn doch Sandstein örtlich verfügbar ist? Forscher des Royal College of Art in London haben für diese Frage neuerdings eine überraschende Antwort. Die Blausteine locken ihrer Meinung nach mit besonderen akustischen Eigenschaften. Es sind Klingsteine; wenn angeschlagen, geben sie Laut. In den Blausteinen darf man also vielleicht eine Art Glockenspiel sehen. Unstrittig ist der sakrale Charakter der Anlage und ihre Ausrichtung auf bedeutsame Punkte am Horizont. Die Öffnung Stonehenges auf den Punkt des Sonnenaufgangs zur Zeit der sommerlichen und winterlichen Sonnenwende und weitere Visuren der Steine auf bestimmte Sonnnen- und Monderscheiungen beglaubigten schon früh das Verständnis des Steinkreisheiligtums als einer Stätte des Sonnenkults. In den 70er und 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts avancierte Stonehenge zu einer archäoastronomischen Ikone – auch dank Spekulationen, die weit über das Faktisch-Nachprüfbare hinausschossen. Jetzt empfahl sich Stonehenge als ein vorzeitlicher Computer, mit dessen Hilfe Priesterastronomen auf der Salisbury Plain die Jahreszeiten, Mond- und Sonnenfinsternisse exakt voraussagen konnten. In Stonehenge schien zudem nicht nur das verblüffende kalendarische und himmelskundliche Wissen der Zeit verschlüsselt. In dem messtechnischen und geometrischen Gewusst-Wie der Anlage vermuteten Spezialisten sogar pythagoreische Einsichten – tausend Jahre vor Pythagoras. Die Forschung der letzten Jahre buchstabiert eher etwas zurück, verabscheut Spekulationen und konzentriert sich auf das Umland. Das bis 2017 laufende Stonehenge Hidden Landscapes Project kartographiert eine 14 Quadratkilomter grosse Fläche, in deren Mittelpunkt das Sonnenheiligtum steht. Dem Georadar und dem Magnetometer entgeht wenig Unausgegrabenes. Entdeckt wurde bisher ausser Dutzenden von Gräbern ein Mini-Stonehenge, ein zweites, nur 900 Meter entferntes, allerdings völlig eingeebnetes Henge-Denkmal. Zudem hat sich die neuere Stonehenge-Forschung nicht nur räumlich ausgedehnt, auch die Zeitachse des Denkmals hat sie dramatisch gestreckt. Möglicherweise ist es über 10 000 Jahre alt. Das britische Oberhaus beriet 1989, drei Jahre nach der Aufnahme der Steinkreise von Stonehenge und Avebury in die Liste des Welterbes, über Abwehrmassnahmen gegen die massive Kommerzialisieung durch Schnellimbissbuden, Grossparkplätze, klotzige Hotelbauten und dergleichen mehr. Beredt warnte ein „nobler Lord“ vor den „Stadtfüchsen“ – geriebenen Tourismusunternehmern, die die unbedarften Ortsansässigen über den Tisch ziehen. Mit den „Stadfüchsen“ ist Stonehenge einigermassen fertig geworden. Aber mit den Massen, die zur Mittsommerzeit über es hereinbrechen, mussste es leben lernen. Gegen die weiträumigen Absperrungen, mit denen die Polizei eine Zeit lang den Ansturm am 21. Juni zu kanalisieren suchte, zog allerdings der Orden der Druiden vor Gericht und war erfolgreich. Das alte Besucherzentrum wurde jüngst in grösserer Entfernung neu gebaut, Pendelbusse verbinden von dort mit der Kultstätte, archäologisch missliche Zufahrtstrassen wurden neu trassiert und umgelegt. Die englische Heimatschutz-Organisation tut das Menschenmögliche, um das vorzeitliche Erbe ohne grössere Kollateralschäden durch die Neuzeit zu bringen. Das untere Bild zeigt den Sonnenaufgang am 20. Juni 1960, 5.O2 h. Der Lamellenverschluss des Fotoapparats hat den Sonnenkreis ins Bild gezaubert. Ich war ganz allein zwischen und mit den grossen Steinen. Am Folgetag, der eigentlichen Sommersonnenwende, wäre ernsthafte fotografische Arbeit unmöglich gewesen. Schon damals lockte der 21. Juni Hunderte an, die den Sonnenaufgang über dem Heelstone miterleben wollten. Später wurden aus den Hunderten Tausende. Schliesslich Zehntausende. Und Stonehenge am 21. Juni wurde immer punkiger und lärmiger. Und absurder. Unter den 36 000 Pilgern und „Pilgern“ – Druiden, Esoteriker, Schaulustige, assortierte Krakeeler und Krawallanten – feierten letztes Jahr in Stonehenge erstmals sogar aztekische Sonnenanbeter den Beginn des längsten Tages. – Jahr des Flugbilds: 1970; Jahr des Bodenbilds: 1960 (Copyright: Georg Gerster/Keystone.)
Stonehenge ist Englands (und Europas) berühmtestes Henge-Denkmal. Dessen himmelskundliche Bezüge haben lange die Forschung vordringlich beschäftigt. Jetzt fokussiert diese mehr auf die kultische Landschaft, deren Mittelpunkt Stonehenge war.

Stonehenge auf der Salisbury Plain in der Grafschaft Wiltshire existierte nach neuesten Zeitangaben schon vor 3000 v. Chr. als eine kreisrunde Wall–Graben Anlage. Innerhalb dieses Kreises standen Holzbauten unbekannter Gestalt und Funktion. Kremationsreste im Wall stützten die Deutung der Anlage als einer Kultstätte zur Ahnenverehrung. In den folgenden 1500 Jahren lösten Steinsetzungen die Holzbauten ab. Das Rund mit einem Durchmesser von 110 Meter füllten allmählich fünf hufeisenförmig angeordnete Trilithen: gigantische „Tore“ aus je drei Sandstein-Findlingen, zwei Tragsteinen und einem Deckstein, und wenigstens vier Steinkreise. Die Steine wurden im Laufe von anderthalb Jahrtausenden mehrfach umplatziert, die Kultstätte wandelte sich offenbar im Einklang mit den sich wandelnden Ritualen.

Die Megalithen sind zum einen Teil Sarsen-Sandsteinblöcke aus der näheren Umgebung, aber zum anderen basaltische „Blausteine“, die  nachweislich aus den walisischen Preseli-Bergen kommen – aus einer Entfernung von über 250 Kilometern also. Über die Beschaffung, den Transport und das Aufrichten der bis zu 20 Tonnen schweren Steine wird noch immer gerätselt. Und warum die unglaubliche Plackerei mit „Blausteinen“, wenn doch Sandstein örtlich verfügbar ist? Forscher des Royal College of Art in London haben für diese Frage neuerdings eine überraschende Antwort. Die Blausteine locken ihrer Meinung nach mit besonderen akustischen Eigenschaften. Es sind Klingsteine; wenn angeschlagen, geben sie Laut. In den Blausteinen darf man also vielleicht eine Art Glockenspiel sehen.

Unstrittig ist der sakrale Charakter der Anlage und ihre Ausrichtung auf bedeutsame Punkte am Horizont. Die Öffnung Stonehenges auf den Punkt des Sonnenaufgangs zur Zeit der sommerlichen und winterlichen Sonnenwende und weitere Visuren der Steine auf bestimmte Sonnnen- und Monderscheiungen beglaubigten schon früh das Verständnis des Steinkreisheiligtums als einer Stätte des Sonnenkults. In den 70er und 80er Jahren des vergangenen  Jahrhunderts avancierte Stonehenge zu einer archäoastronomischen Ikone – auch dank Spekulationen, die weit über das Faktisch-Nachprüfbare hinausschossen. Jetzt empfahl sich Stonehenge als ein vorzeitlicher Computer, mit dessen Hilfe Priesterastronomen auf der Salisbury Plain die Jahreszeiten, Mond- und Sonnenfinsternisse exakt voraussagen konnten. In Stonehenge schien zudem nicht nur das verblüffende kalendarische und himmelskundliche Wissen der Zeit verschlüsselt. In dem messtechnischen und geometrischen Gewusst-Wie der Anlage vermuteten Spezialisten sogar pythagoreische Einsichten – tausend Jahre vor Pythagoras. Die Forschung der letzten Jahre buchstabiert eher etwas zurück, verabscheut Spekulationen und konzentriert sich auf das Umland. Das bis 2017 laufende Stonehenge Hidden Landscapes Project kartographiert eine 14 Quadratkilomter grosse Fläche, in deren Mittelpunkt das Sonnenheiligtum steht. Dem Georadar und dem Magnetometer entgeht wenig Unausgegrabenes. Entdeckt wurde bisher ausser Dutzenden von Gräbern ein Mini-Stonehenge, ein zweites, nur 900 Meter entferntes, allerdings völlig eingeebnetes Henge-Denkmal. Zudem hat sich die neuere Stonehenge-Forschung nicht nur räumlich ausgedehnt, auch die Zeitachse des Denkmals hat sie dramatisch gestreckt. Möglicherweise ist es über   10 000 Jahre alt.

Das britische Oberhaus beriet 1989, drei Jahre nach der Aufnahme der Steinkreise von Stonehenge und Avebury in die Liste des Welterbes, über Abwehrmassnahmen gegen die massive Kommerzialisieung durch Schnellimbissbuden, Grossparkplätze, klotzige Hotelbauten und dergleichen mehr. Beredt warnte ein „nobler Lord“ vor den „Stadtfüchsen“ – geriebenen Tourismusunternehmern, die die unbedarften Ortsansässigen über den Tisch ziehen. Mit den „Stadfüchsen“ ist Stonehenge einigermassen fertig geworden. Aber mit den Massen, die zur Mittsommerzeit über es hereinbrechen, mussste es leben lernen. Gegen die weiträumigen Absperrungen, mit denen die Polizei eine Zeit lang den Ansturm am 21. Juni zu kanalisieren suchte, zog allerdings der Orden der Druiden vor Gericht und war erfolgreich. Das alte Besucherzentrum wurde jüngst in grösserer Entfernung neu gebaut, Pendelbusse verbinden von dort mit der Kultstätte, archäologisch missliche Zufahrtstrassen wurden neu trassiert und umgelegt. Die englische Heimatschutz-Organisation tut das Menschenmögliche, um das vorzeitliche Erbe ohne grössere Kollateralschäden durch die Neuzeit zu bringen.

Das untere Bild zeigt den Sonnenaufgang am 20. Juni 1960, 5.O2 h. Der Lamellenverschluss des Fotoapparats hat den Sonnenkreis ins Bild gezaubert. Ich war ganz allein zwischen und mit den grossen Steinen. Am Folgetag, der eigentlichen Sommersonnenwende, wäre ernsthafte fotografische Arbeit unmöglich gewesen. Schon damals lockte der 21. Juni Hunderte an, die den Sonnenaufgang über dem Heelstone miterleben wollten. Später wurden aus den Hunderten Tausende. Schliesslich Zehntausende. Und Stonehenge am 21. Juni wurde immer punkiger und lärmiger. Und absurder. Unter den 36 000 Pilgern und „Pilgern“ – Druiden, Esoteriker, Schaulustige, assortierte Krakeeler und Krawallanten – feierten letztes Jahr in Stonehenge erstmals sogar aztekische Sonnenanbeter den Beginn des längsten Tages. – Jahr des Flugbilds: 1970; Jahr des Bodenbilds: 1960 (Copyright: Georg Gerster/Keystone.)

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