Das kurze Denken

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Das kurze Denken

Von Urs Meier, 07.01.2016

Fixierung auf sich selbst verengt den Horizont. Geht das Denken nicht darüber hinaus, verkümmert es.

Staaten sind Konkurrenten und suchen den unmittelbaren Vorteil. Beim Klimagipfel von Paris ist es trotzdem gelungen, dieser Norm etwas entgegenzusetzen. Die Staatenwelt hat sich verpflichtet, kurzfristige Interessen im Blick auf langfristige Ziele zu zähmen. Ob das tatsächlich hält, ist allerdings unsicher. Sobald Konkurrenz ins Spiel kommt, wird mit vollem Einsatz um den momentanen Vorteil gekämpft. Da geraten weitgesteckte Ziele, selbst wenn sie unbestritten sind, leicht aus dem Blick.

Es ist das gleiche kurze Denken wie jenes der Konsumenten, die Fleisch aus skandalöser Tierhaltung zum Tiefstpreis kaufen. Für sie zählt das Schnäppchen. Weshalb das Poulet nur fünf Franken kostet, wollen sie, wenn nicht gerade ein Skandal hochkocht, gar nicht wissen. Bakterien im Huhn, Antibiotika im Lachs, Pferd als Rind deklariert, Ablaufdatum gefälscht? Wo der Preis allein entscheidet, sind Tierquälerei, Gammelqualität, Betrug und Gesundheitsgefährdung geradezu unvermeidlich.

Kurzes Denken korrumpiert auch weite Teile der Wirtschaft. Börsenkotierte Unternehmen werden auf Quartalsabschlüsse hin gelenkt, Angestellte mit üppigen Prämien auf Subito-Erfolg konditioniert, Investitionen und Geldanlagen auf schnellen Profit getunt. Langfristige Perspektiven oder gar Verantwortung für kommende Generationen sind etwas für Sonntagsreden. Im Alltag gilt die Währung des immediate return.

Auch in der nationalen Politik ist das kurze Denken auf dem Vormarsch. Es ist jeweils kritisch gemeint, wenn es heisst, Politikerinnen und Politiker dächten nur bis zum nächsten Wahltermin. Doch es ist viel schlimmer. Sie leben im permanenten Wahlkampf. Knallige Medienpräsenz ist alles.

Die SVP ist damit nicht allein, aber sie ist die Speerspitze des unguten Trends. Durchsetzungsinitiative, Selbstbestimmungsinitiative («Schweizer Recht statt fremde Richter»), Referendum gegen Asylgesetz («Nein zu Gratis-Anwälten für alle Asylbewerber») – kurz und zackig: Schweiz pur und fort mit Schaden! Es zählt nur der Tempogewinn der Partei. Jedes gewonnene Plebiszit bringt schnellen Machtzuwachs. Dauerhaftes, besonnenes Einstehen für die Fundamente des Staates hat im Powerplay keinen Platz.

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Herr Meier, besten Dank für Ihren Beitrag, er trifft voll zu. Ich möchte aber noch ergänzen, dass der Einkaufstourismus auch zum kurzfristigen Denken gehört. Ebenso lassen sich viele Leute im Fachgeschäft beraten und kaufen dann im Internet. Nachher wird lamentiert, dass es keine Fachgeschäfte mehr gibt und die Läden in der Schweiz allgemein dicht machen müssen, weil ganz einfach die Kundschaft fehlt. Wie früher das Dorflädeli, weil man dort nur noch die im Supermarkt vergessene Zitrone eingekauft hat.

Danke für den Kommentar. Er ist treffend. Nichts können immer mehr Politiker besser, als kurzfristig im Rampenlicht zu stehen. Auffallen um jeden Preis. Und der Preis ist für all jene hoch, die sich einer Sache wegen Lösungen wünschen. In der Wirtschaft ist es genau das Gleiche: Viele Kapitäne schwafeln von nachhaltigem Wirtschaften und schauen im Geheimen nur auf den Bonus Ende Jahr. Es ist ein Schall und Rauch Zeitalter. Es wurde noch nie soviel geredet, geschrieben, getwittert und auch gelogen. Wenn etwas wirklich Hochkonjunktur hat, ist es die Verlogenheit. Bevor das ganze Wertesystem crasht, bedient man sich noch einmal so richtig nach Belieben. Der Selbstbedienungsladen ist kaum je in Gefahr. Denn Abzocker müssen einen Skandal nicht lange aussitzen: Er hat eine Halbwertszeit von einer Woche. Mit ein Grund, dass sich Hype an Hype reiht und alle noch einen Zacken zulegen müssen. Ich befürchte, dass diese schöne, neue Weltordnung noch eine Weile Bestand hat.

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