Das Benennen der Wirklichkeit

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Das Benennen der Wirklichkeit

Von Urs Meier, 06.03.2017

Herta Müllers Sprachkunst zeigt eindringlich, was Unfreiheit mit Menschen macht. Ihre Werke sind unentbehrlich in Zeiten auftrumpfender Freiheitsverachtung.

Die Literatur-Nobelpreisträgerin kommt nicht los vom Trauma der Ceaucescu-Diktatur. Es gab tatsächlich Kritiker, die ihr das vorwerfen. Sie habe es nach ihrer 1987 erfolgten Ausreise nach Westdeutschland verpasst, sich neuen Themen zuzuwenden, hiess es. Nun sind aber die Diktaturen nach 1989 bekanntlich nicht aus der Welt  verschwunden, und manche politische Strömungen der Gegenwart wecken die Furcht vor neuen Totalitarismen. Allein schon deshalb ist es notwendig, die Erfahrung radikaler Unfreiheit literarisch zu bearbeiten. Das Thema ist nie erledigt.

Diktatur in Sprache gefasst

Vor drei Jahren erschien unter dem kryptischen Titel „Mein Vaterland war ein Apfelkern“ ein Gesprächsband. Die Lektorin Angelika Klammer befragt Herta Müller über ihr Leben und Schreiben. Sie tut das als wohltuend zurückhaltende Impulsgeberin, die der Schriftstellerin das Feld zum Erinnern und Erzählen überlässt. In dem Buch sind die Ergebnisse von fünf langen Gesprächen gesammelt, die um den Jahreswechsel 2013/2014 geführt wurden.

Herta Müller ist nicht nur eine Literatin von hohem Rang, sie ist auch bei spontanen Äusserungen immer wieder aufgefallen mit der Fähigkeit der gedanklich dichten und sprachlich vollendeten Rede. Offenkundig hat sie ihre Lebensthemen in einer Weise verarbeitet, die es ihr ermöglicht, im Gespräch auf einem literarischen Niveau zu formulieren.

Herta Müller wurde 1953 in Rumänien als Angehörige der Banater Schwaben, einer deutschen Minderheit, geboren. Ihre Themen liegen zunächst in den Erfahrungen des Aufwachsens in einer Familie, in der das Grauen von Nationalsozialismus und Sowjetdiktatur nachhallte: Der Vater hatte der Waffen-SS angehört, die Mutter war erst 1950 aus der Zwangsarbeit im Gulag zurückgekehrt. Als Kind entdeckte Herta Müller die Sprache als Refugium; als Erwachsene fand sie im Benennen der Wirklichkeit eine Kraft, die ihr half, unter der alles durchdringenden Dürftigkeit und Niedertracht des Ceaucescu-Systems nicht zu zerbrechen.

Found poetry als Werkstatt der Freiheit

Neben dieser Verarbeitung von Unterdrückung und Verfolgung scheint im Rückblick auf das Leben und Schaffen der Autorin ein scheinbar ganz anderes literarisches Arbeitsfeld auf: Herta Müller ist auch als experimentelle Lyrikerin hervorgetreten. Sie sammelt Wörter, die sie aus Zeitungen und Magazinen ausschneidet, und fügt sie zu poetischen Textcollagen zusammen. Ursprünglich eine Bastelei, um Freunden auf Postkarten anspielungsreiche Wortgebilde zu schicken, ist daraus eine dichterische Werkstatt geworden. Daraus sind mehrere Collagenbücher hervorgegangen, zuletzt „Vater telefoniert mit den Fliegen“.

Von dieser „Found poetry“ – eine Entsprechung zum Objet trouvé oder Readymade in der bildenden Kunst – ist im Gesprächsband ausführlich die Rede. Es wird deutlich, dass das Herauslösen von Wörtern aus ihren Kontexten und die Schaffung vieldeutig schillernder Gebilde für Herta Müller die Grundlage ist für die literarische Auseinandersetzung mit ihrer Erfahrungswelt. Durch das künstlerische Spiel gibt sie den Wörtern gewissermassen ihre Reinheit zurück. Sie gewinnt so für ihre genaue, oft von subtilen Brüchen geprägte Prosa ein Sprachinstrumentarium, das dem übermächtigen, niederdrückenden Wust von Propaganda, Dumpfheit und Lüge zu widerstehen vermag.

Auf der letzten Seite des Gesprächsbands wird übrigens das Rätsel um die Bedeutung seines Titels gelüftet. Nachdem ihr in Rumänien brutal deutlich geworden war, dass sie als Staatsfeindin immer und überall mit Zugriffen der Securitate rechnen musste, lebte Herta Müller jahrelang in einem Zustand totaler Unsicherheit. Für den Fall einer Verhaftung hatte sie jederzeit eine Zahnbürste bei sich. In ihrer Wohnung war sie in Gefahr – Agenten drangen mehrfach in ihrer Abwesenheit ein und liessen düster drohende Zeichen wie einen von Mal zu Mal mehr zerschnittenen Fuchspelz zurück. Praktisch unbehaust streunte sie oft herum, wenn auch ohne Hoffnung, sich dadurch dem Geheimdienst entziehen zu können. Um sich Mut zu machen, sagte sie sich jeweils einen absurden, nach Kinderversen klingenden Spruch vor:

Mein Vaterland war
ein Apfelkern man
irrte umher zwischen
Sichel und Stern

Das übermächtige System zum Apfelkern zusammenschnurren zu lassen und die Verfolgung durch dessen Agenten in die Vergangenheit zu versetzen: das phantasierten diese Handvoll Wörter herbei. Seitdem Herta Müller der Diktatur endlich entkam, braucht sie sich nicht mehr mit surrealistischen Versen über Wasser zu halten. In der Freiheit und mit Distanz zum Erlebten geht es ihr nicht mehr allein darum, der bedrohlichen Realität zu entwischen, sondern vielmehr sie zu benennen in der ganzen Breite ihrer gesellschaftlichen Dominanz und in der ganzen Tiefe ihrer Durchdringung der menschlichen Existenz.

So lange es politische Systeme der Unfreiheit gibt oder auch nur geben kann, bleibt die Auseinandersetzung mit ihnen unabdingbar. Die Literatur wird sich diese Thematik nie verbieten lassen, schon gar nicht von Zeitgeist-Agenturen, die einer Herta Müller bei den Stoffen einen Turnaround anraten wollen.

Herta Müller: Mein Vaterland war ein Apfelkern. Ein Gespräch mit Angelika Klammer, Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2016 (original: Carl Hanser Verlag, München 2014), 240 Seiten

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