Cultiver son jardin

Eduard Kaeser's picture

Cultiver son jardin

Von Eduard Kaeser, 10.06.2018

Über den hortikultivierten Menschen.

Der Gegensatz von Stadt und Natur ist längst aufgehoben. Friedrich Schiller konnte auf seinem „Spaziergang“ hinaus aus der Stadt den Bauernstand noch als „glückliches Volk der Gefilde“ titulieren, das „nachbarlich (...) mit dem Acker zusammen (wohnet)“. Und in solcher Kohabitation teilt dieser Menschenschlag mit seiner „Flur fröhlich das enge Gesetz“ der Natur, während die Städter schon zur bürgerlichen Freiheit erwacht sind. Das sind vergangene Zeiten. Bertold Brechts Herr Keuner geht nicht mehr „hinaus“ vor die Tore der Stadt. Er möchte Bäume sehen, „aus dem Hause tretend.“ Genau das ist das Verhältnis des Städters zur Natur: Er möchte sie im Haus, durch das Fenster, oder vor dem Haus, aus der Tür tretend, wahrnehmen. Natur als sehnsuchtgrundiertes Dekor der verstädterten Lebensform, quasi als Memento des Ungebrauchten, Unverwerteten im ganzen modernen Gebrauchs- und Verwertungszusammenhang. Notfalls genügen auch Hydrokultur, Kunstrasen oder die Tapete mit Waldmotiv.

Urban Gardening

Seit einiger Zeit mehren sich Zeichen, die auf eine besondere Besitzergreifung der Städte durch ihre Bewohner hindeuten, quasi auf eine „Gartennahme“ des urbanen Raums. „Urban gardening“ nennt sich die Bewegung im Englischen: ein Bepflanzen der Lücken und Abräume, welche die städtische Architektur hinterlässt. Dächer, Hinterhöfe, aufgelassene Fabrik- und Bahnhofsareale, ruderales Gelände werden urbar gemacht. Man zieht Obst, Gemüse, Blumen oft in mobilen Kisten, die sich leicht verschieben lassen, und man betreibt so eine Art von nomadischem Gärtnern, bedingt auch durch die wechselhaften Bedingungen des baupolitischen Klimas einer Stadt. Entsprechend schillernd präsentiert sich die Motivation dieses Engagements für Kraut und Rüben. Sie reicht von Selbstversorgung über makrobiotischen Fundamentalismus bis zur ökopolitischen Aktion oder ästhetischen Performance.

Gärten als Subversion

Dass sich Gärten in städtischen Zwischenräumen einnisten, lässt sich als Symptom unseres Bedürfnisses nach Orthaftigkeit interpretieren. Menschen sind lokale Wesen, sie brauchen „ihre“ Orte, wo sie wohnen und sich wohlfühlen; „wohnen“ heisst auch „gern haben“. Selbst Obdachlose und Stadtstreicher bauen sich aus Abfallmaterial ihr hortikulturelles Heim in urbanen Brachen, wie dies etwa Diana Balmori und Margaret Morton in ihrem Buch „Transitory Gardens, Uprooted Lives“ (1995) über New York eindrücklich dokumentieren. Die beiden Autorinnen konstatieren, dass diese oft nur einige Tage existierenden Gärten stets die persönliche Signatur ihrer Erbauer tragen, als wollten sie, die Randständigen und Habenichtse, einer zunehmend unpersönlichen Umgebung ihre eigene Physiognomie aufprägen. Gerade dadurch, dass sich Stadtplanung heute immer mehr um die Positionierung im Netz der globalen Standortvermarktung kümmern muss („Europas Trendstädte“), wäscht sie aus den Städten ihre Orthaftigkeit heraus. Städte werden zu Ansammlungen von Nicht-Orten, wie sie der französische Anthropologe Marc Augé genannt hat: zu Durchlauferhitzern der Touristen-, Kunden- und Pendlerströme. Umso mehr fühlt sich der Bürger provoziert, sich selbst seine Orte zu schaffen, wo er zumindest vorübergehend „sesshaft“ werden kann. Der Garten kann vorzüglich als ein solcher Ort dienen. Und Voltaires „à cultiver son jardin“ gewinnt in diesem Kontext sogar eine neue, subversive Bedeutung: Hortikultivierung gegen Masterplan!

Gärtner und Roboter

Der tschechische Autor Karel Čapek war – unter Schriftstellern keine Ausnahme – ein passionierter Gärtner. Und er schrieb nicht nur ein dystopisches Stück über künstliche Arbeiter – Roboter („Rossums Universale Roboter“, 1921) –, sondern auch ein lesenswertes kleines Buch über Gartenarbeit: „Das Jahr des Gärtners“ (1929). In ihm begleitet er „den“ Gärtner ein Jahr lang bei seiner Arbeit. Und dabei wird ein Zusammenhang von Roboter und Gärtner offensichtlich, den man als Symptom für ein typisch defizitäres Verhältnis zur heutigen Arbeit auffassen kann. Tatsächlich wird diese Arbeit – der Bullshit-Job – für viele Menschen immer „roboterhafter“; verlangt sie bloss nach der Bedienung von Tastaturen und Interfaces. Und dadurch weckt sie – kompensatorisch – ein Bedürfnis nach pfleglichem Hand-Anlegen, das sich beispielhaft gerade im Garten-Anlegen ausdrückt. Es liesse sich sogar sagen, dass Gärtnern so etwas wie die Austreibung unseres „inneren Roboters“ bedeutet – oder anders gesagt: die Wiederbeseelung der Arbeit.

Gelassenheit heisst Wachsen lassen

Im Gärtnern reift eine Haltung heran, auf die wie kein anderes das Wort „Gelassenheit“ zutrifft. Gartenarbeit ist der Gelassenheit verpflichtet, nicht der Produktivität. Wie es Čapek in einer seiner vielen schönen Passagen formuliert: „Und dir Alpenglockenblume grabe ich ein tieferes Bett. Ist das Arbeit? Man kann dieses Abmühen an der Erde Arbeit nennen, denn ich sage dir, es stärkt Rücken und Knie. Du machst diese Arbeiten nicht, weil Arbeit schön ist, oder weil sie dich veredelt, oder weil sie gesund ist, sondern du machst sie, damit eine Alpenglockenblume blühen (...) kann. Wenn du etwas zelebrieren willst, dann nicht deine Arbeit, sondern die Alpenglockenblume, für die du so etwas tust.“ Der Garten ist die Stätte des Wachsens und damit des Sein-Lassens. Und insofern hat das Anlegen von Gärten zu tun mit dem Ausbruch aus der Sterilität von Büros, Labors und Fabrikhallen, in denen fortdauernd etwas gemacht und nichts wachsen gelassen wird.

Der Komfort der Pflanze

Gartenarbeit stärkt nicht nur Rücken und Knie, sie bietet eine innere Stärkung: Komfort. Das Wort „Komfort” bedeutet seinem urspünglichen Sinn nach Stär­kung, Festigung, Trost – im technischen Kontext dagegen Bequemlichkeit, Erleichterung, Entlastung. Der Kontrast könnte sprechender nicht sein. Die Erleichterung durch Geräte führt nämlich nicht notwendig zum Komfort eines „gestärkten” Lebens.

Gärtnern entschädigt die entkörperlichte und vielfach unqualifizierte Arbeit im Alltag mit einer qualifizierten, d. h. sinn- und sinnenvollen Inanspruchnahme des Körpers in Praktiken wie Säen, Hacken, Jäten, Pflügen, Begiessen, Pikieren, Ausgeizen, Kompostieren. Es ist die Befriedigung „eingefleischten“ Wissens und Könnens, die man erlangt, die Genugtuung des Amateurs, des „Liebhabers“. Und die Analogie, die Čapek in diesem Zusammenhang verwendet, hat nichts mit dem Blut-und-Boden-Genre zu tun: „(Das) ist mein Boden, von meinem Schweiss und Blut benetzt, und das buchstäblich, denn wenn du einen Zweig oder Trieb wegschneidest, schneidest du dir fast immer in den Finger, und er ist ja auch nur ein Zweig oder Trieb.“ Genau hier liegt der anthropologische Kern. Mit den Worten des Philosophen Gernot Böhme: Man entdeckt und erfährt in der Gartenarbeit die Natur, die man selbst ist.

Der Hors-Sol-Mensch

Nahrung beziehen die meisten von uns nicht mehr aus dem eigenen Garten, sondern aus der Industrie. Nehmen wir zum Beispiel die Hors-Sol-Tomate. Sie steht geradezu als Emblem für die technisierte Ernährungsform des Menschen. Das Gemüse wird zum „Gerät“ in dem Sinne, dass es heute nicht mehr naturgegebenen Wachstums- und Reifeprozessen unterworfen, nicht mehr an Ort, Boden, Zeit, Wetter, Klima gebunden ist. Der Ort der industrialiserten Tomate befindet sich dort, wo die nötige Infrastruktur (Energie- und Technikaufwand, günstige Lohnkosten etc.) entsprechende Technotope garantiert – sei dies nun am Nordpol oder in der Sahara. Die industrialisierte Tomate verdrängt eben nicht bloss die Anstrengung des Anbaus, sie verdrängt zunehmend auch pflanzerische Fähigkeiten und Kenntnisse, welche wir nur mit unseren Händen, unter ganzem Körpereinsatz, gewinnen können. Wir wissen ja kaum mehr, was wir auf die Gabel spiessen und noch weniger wissen wir, wie man es herstellt.

Der Hors-Sol-Tomate entspricht der Hors-Sol-Mensch, der „bodenlose“ Mensch. Er sagt sich von der Erde los, lebt im Gehäuse der Technik, verflüchtigt sich in einer immateriellen Seinsweise. Dadurch verliert er seine Kultur. Denn es gibt keine menschliche Kultur, welcher der Boden gleichgültig ist. Das Wort „Kultur“ selbst bedeutet Bebauen, Bewirtschaften des Bodens. Aus der Gartenerde wächst neben Früchten, Gemüsen und Blumen auch der ganz besondere Geist der Sorge. Der Hors-Sol-Mensch sorgt nicht mehr für die Erde. – Und mit ihr „entsorgt“ er sich im Grunde gleich selbst.

Das Gartenglück

Wenn die Grunddevise moderner Produktivität lautet: Viele Produkte – wenig Arbeit, so zeigt sich im Garten deren Umkehrung: Wenige Produkte – viel Arbeit. So betrachtet, zeigt die oft recht strapaziöse freiwillige Fron im Garten gewissermassen die Rückansicht unseres technisch entlasteten Alltags. Sie entschädigt uns nicht nur mit selbstgezogenem Gemüse (das ja  – geben wir es zu – oft kümmerlich genug ist). Sie entschädigt die entkörperlichte und vielfach unqualifizierte Arbeit im Alltag mit einer qualifizierten, d. h. sinn- und sinnenvollen Inanspruchnahme des Körpers. Eigentlich produziert man nicht Tomaten, sondern sein eigenes kleines Glück. Gartenarbeit mag unproduktiv sein, aber es war immerhin der Ökonom John Kenneth Galbraith, der erkannte: „Gartenarbeit ist rentable Glücksproduktion“.

Oder um es biblisch zu wenden: Gott verbannte Eva und Adam aus dem Paradiesgarten, damit sie das irdische Gärtnern lernten, den mühevollen, körperintensiven, und gerade deshalb erfüllenden Umgang mit dem Stoff, aus dem wir alle gemacht sind, Mensch und Kraut. Man muss den Sündenfall als Glücksfall begreifen.

Kommentare

Die Redaktion von Journal21.ch prüft alle Kommentare vor der Veröffentlichung. Ehrverletzende, rassistische oder anderweitig gegen geltendes Recht verstossende Äusserungen zu verbreiten, ist uns verboten. Da wir presserechtlich auch für Weblinks verantwortlich sind, löschen wir diese im Zweifelsfall. Unpubliziert bleiben ausserdem sämtliche Kommentare, die sich nicht konkret auf den Inhalt des entsprechenden Artikels oder eines bereits aufgeschalteten Leserkommentars beziehen. Im Interesse einer für die Leserschaft attraktiven, sachlichen und zivilisierten Diskussion lassen wir aggressive oder repetitive Statements nicht zu. Über Entscheide der Redaktion führen wir keine Korrespondenz.

Danke, Herr Kaeser, für diesen wunderbaren Beitrag. Sie erinnern mich daran, dass ich das Buch "Philosophischer Garten" noch einmal lesen muss. Auf meinem 'blühenden' Balkon empfinde ich ähnlich. Zwei Tomatenpflänzchen erhielt ich geschenkt. Jeden Tag wachsen sie ein kleines Stückchen. Und irgendwann die Früchte. Es ist ein Wunder; ja, ein bescheidenes Paradiesgärtlein.
MfG km

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren