Bombay Underground

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Bombay Underground

Von Bernard Imhasly, Bombay - 27.01.2019

Bombay erhält seine erste U-Bahn. Sie wird den Kosmos der sieben Millionen Eisenbahn-Pendler umdrehen: Der Himmel ist unten, die Hölle oben.

Letzte Woche erreichte die Luftverschmutzung in Bombay zum ersten Mal Werte, die über jenen von Delhi lagen. Dass eine Stadt mit Meeresbrise Indiens Dreckschleuder Nr. 1 überholen kann, ist ein herber Schlag für viele Bombaywallahs. In den letzten Jahren haben sich zahlreiche Geschäftsleute und Expats genau aus diesem Grund von Delhi abgewandt und der westindischen Metropole den Vorzug gegeben.

Die wichtigste Ursache für die zunehmende Vergiftung der Luft ist die Bautätigkeit. Wie Delhi wächst auch Bombay rasant. Namentlich im alten Industrieviertel der historischen Stadtmitte wachsen auf dem Boden ehemaliger Textilfabriken immer neue Büro- und Wohntürme in die Höhe. Aber auch die nördlichen Aussenbezirke nehmen immer stärker die stereotypen Konturen globaler Monsterstädte an.

Ein wichtiger Faktor für die geografische Gewichtsverschiebung sind die Engpässe im Transport. Bombay weist mit 51’000 Personen/km2. die zweithöchste Bevölkerungsdichte der Welt auf (nach Dhaka). Und es kann sich nur nach Norden und Osten ausbreiten. Die Nähe zum Flughafen, aber auch zu den billigen Wohnadressen am Stadtrand veranlasst viele Firmen, ihren Angestellten zumindest ein Stück des Arbeitswegs entgegenzukommen.

Desesperanza

Was der grossen Masse von Eisenbahn-Pendlern in Bombay zugemutet wird, ist erschreckend. Die Assistentin meiner Zahnärztin ist jeden Tag – von Tür zu Tür – vier Stunden unterwegs. Esperanza erzählte mir, sie nehme, um dem Massenandrang beim Ausgangsort Virar zu entgehen, am Morgen einen Bummelzug zur zweiten Station.

Dort steigt sie in den Zug zurück nach Virar ein, wo dieser kurz darauf wieder in Richtung Stadtzentrum abfährt – und Esperanza hat nun einen Sitzplatz. „Ich kann zuschauen, wie die Leute den Zug stürmen, während ich in Sicherheit bin.“ Als ich sie nach einer ihrer Pendlergeschichten einmal Desesperanza nannte, lachte sie gutmütig. Es war für mich der Beweis, dass sie doch den richtigen Namen trug.

Sieben Millionen Personen fahren jeden Tag auf einer der drei Nord-Süd-Strecken, ein Wunder von Logistik – und Leidensfähigkeit. So sehen es zumindest die PR-Abteilung der Eisenbahn und die Politiker, die die stagnierende Infrastruktur mit dem schieren Überlebenswillen der Pendler schönreden.

In über 30 Metern Tiefe

„Überlebenswillen“ klingt wie Hohn, denn jeden Tag sterben acht Menschen entlang der Trassen der Suburban Railways. 2981 waren es letztes Jahr. Die Hälfte der Opfer sind Leute, welche die Geleise überqueren und von Zügen erfasst werden, die manchmal im Zwei-Minuten-Takt aus beiden Richtungen heranbrausen. Über eintausend hängen aus offenen Türen heraus, werden von Masten erfasst, oder sie verlieren in der Menschentraube Griff und Stand. Die Züge transportieren in Spitzenzeiten das Dreifache ihrer Kapazität.

Doch nun soll endlich Abhilfe geschaffen werden. Eine Untergrundbahn von zunächst 34 km soll gebohrt werden, von der Südspitze der Stadt bis in die nördlichen Vororte, mit 27 Stationen. Esperanza und Millionen mit ihr können endlich Hoffnung schöpfen.

Weltweit ist angeblich noch nie in einer so grossen und dichtbesiedelten Stadt ein derartiges Projekt unternommen worden. Bombay bestand einmal aus sieben Inseln, und so befanden die Geologen, dass die Betonröhre in über dreissig Metern Tiefe gebohrt werden muss, um eine homogene und sichere Gesteinsschicht vorzufinden.

Sorge um die Götter

Noch komplexer ist jedoch die Lage über dem Boden. Denn die Bahn wird nicht nur unter Slums, Salzwasser, dem Flughafen und jahrhundertealten Kolonialbauten fahren, sondern auch unter Tempeln. Dies ist Indien, und so gehört es sich, dass sich fromme Bürger mehr noch als über ihre privaten Schlafstörungen über jene der Götter sorgen, denen die Vibrationen die transzendentale Ruhe nehmen könnten.

Nicht weniger als 65 Gerichtsklagen wurden eingereicht, nicht nur wegen Landrechten und der Furcht vor Einbrüchen alter und instabiler Bauten. Unter den Klägern befanden sich auch zwei Tempel-Obere der winzigen Parsi-Minderheit, den Anhängern Zarathustras. Ihr zentrales Symbol, das Ewige Feuer, könnte Schaden nehmen, fürchten sie. Noch bizarrer, das Überschreiten (bzw. Unterschreiten) des Feuers durch Nicht-Parsen oder menstruierende Frauen könnte dessen sakrale Reinheit besudeln.

Inzwischen wurden alle Einsprüche abgeschmettert und das Projekt wird an nicht weniger als siebzehn Baustellen vorangetrieben. „We have to open Mumbai’s Belly on so many locations“, sagte die Projektleiterin Ashwini Bhide einem Journalisten des Business Standard. Riesige Tatzelwürmer von integrierten Bohr-/Betonmaschinen, jede fast hundert Meter lang, treiben die Stollen in beiden Richtungen voran. Jeden Monat, so Bhides Vorgabe, soll eine Meile Tunnel dazukommen; neun Meilen sind bereits geschafft.

Mischung aus Gelassenheit und Resignation

Die Baustellen strapazieren nicht nur den  vielbemühten „Überlebenswillen“ der Pendler, sondern auch der Autofahrer und Fussgänger der Stadt. Ganze Strassenzüge sind zugerammelt, riesige Kräne zwängen sich zwischen Häuserzeilen. Autos werden über erhöhte Notbrücken geführt, Fussgänger werden in enge Passagen gezwängt oder müssen auf die Fahrbahnen ausweichen. Statt die Strasse überqueren zu können wurde ich kürzlich an einer Ecke in ein Gebäude gelenkt und beim Hinterausgang in eine Seitenstrasse ausgespuckt.

Verkaufsläden sind von ihren Kunden abgeschnitten, während Prozessionen von Passanten über Kreuzungen schwärmen, als gälten die Ampeln nur für Pkws. Einmal mehr staune ich, mit welcher Mischung aus Gelassenheit und Resignation Menschen aus den dichtgedrängten Zügen steigen und sich in das nächste Schlamassel, „die letzte Meile“ zum Arbeitsplatz, stürzen.

„Schlamassel“ ist das falsche Wort. Es ist eher wie ein ruhiger, aber scharfäugiger Zweikampf ums Weiterkommen zwischen zwei bewegten Massen, den Autos und den Fussgängern. Die Fussgänger sind dabei nicht immer die Schwächeren, die  nachgeben. Sie lernen von Kindsbeinen auf, sich in dichtem Gedränge zu bewegen, und sie tun es ohne Berührungsangst, aber auch fast ohne Aggressivität.

So kann man überleben

„Wie Wasser“, denke ich oft, wenn ich – z. B. aus einem im Verkehr blockierten Fahrzeug heraus – wieder einmal eingedeckt werde von Fussgängern vorne, seitlich, und hinten. Sie wissen intuitiv, dass sie nicht die Einzigen sind, die über die Strasse wollen. So bilden sich kleine Rinnsale oder dichtgedrängte Gruppen, die tropfenweise oder wie stürzende Bäche vorwärtsfliessen, den kleinsten Freiraum sofort ausfüllen oder in Spalten und Öffnungen in die dichte Blechmasse einsickern.

Selbst bei Schulkindern lässt sich dies beobachten, wie jeder Autofahrer in Bombay weiss, der bei Unterrichtsende vor einer Schule stecken geblieben ist, weil sich dort wartende Busse, Privatautos und Rikschas stauen. Die Kinder kommen schwatzend und kreischend aus dem Gebäude und breiten sich auf der Strasse aus, als gehöre sie ihnen. Sie suchen nur ihr Fahrzeug und schlängeln sich trotz dem ohrenbetäubenden Hupen zwischen Autos vorbei, selbst wenn sich diese langsam in Bewegung gesetzt haben.

Es ist, als beherrschten Fussgänger – neben dem Gesetz „Massierung ist Macht“ – intuitiv ein zweites, das sich ideal mit dem ersten verbindet. Es lautet: Deine Verwundbarkeit ist Deine Stärke. Will sagen: Der Fussgänger weiss, dass sich der Autofahrer, sicher in seiner Metallschale, davor fürchtet, einen „unbeschalten“ weichen Menschenleib zu verletzen. Und da jeder Fahrer dann und wann ein Fussgänger ist, sitzt dieses Wissen tief und macht seine Macht zur Ohnmacht. So kann man in einer Achtzehnmillionen-Stadt überleben.

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