Bittere Niederlage eines Kriegshelden

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Bittere Niederlage eines Kriegshelden

Von Heiner Hug, 04.07.2015

Völlig überraschend verliert Winston Churchill vor siebzig Jahren die Unterhauswahlen.

Zwei Monate nach dem Kriegsende in Europa finden in Grossbritannien am 5. Juli 1945 die ersten Unterhauswahlen seit zehn Jahren statt. Während des Krieges war nicht gewählt worden.

Grosser Favorit ist Premierminister Winston Churchill und seine Konservative Partei. Churchill hatte die Briten seit 1940 mutig durch den Zweiten Weltkrieg geführt und längst den Status eines Helden erworben.

Er führt einen intensiven Wahlkampf. Er spricht von „anstrengenden Autoreisen nach den grössten Städten England und Schottlands mit drei bis vier Ansprachen täglich vor gewaltigen und wie es schien begeisterten Menschenmengen“.

Sieg Labours

Doch die Begeisterung war nicht allgegenwärtig. Zur völligen Überraschung fast aller verlieren Churchills Konservative 11,6 Prozent der Stimmen und kommen nur noch auf einen Wähleranteil von 36,2 Prozent.

Sieger ist die Labour Party, die von Clement Attlee angeführt wird. Labour gewinnt 11,7 Prozent dazu und kommt auf 49,7 Prozent. Die Arbeiterpartei zieht mit einem Vorsprung von 145 Sitzen ins Unterhaus ein.

Die "Grossen Drei"

Die Wahlen finden zu einem Zeitpunkt statt, als sich die Sieger des Zweiten Weltkrieges darauf vorbereiteten, eine „echte und ehrenhafte Friedensregelung für Europa“ (Churchill) zu finden. Für den 17. Juli 1945 wird in Berlin die sogenannte „Potsdamer Konferenz“ einberufen, an der die „Grossen Drei“ teilnehmen sollen: US-Präsident Truman, der sowjetische Marschall Stalin und Churchill.

Churchill will die Konferenz viel früher abhalten, nämlich schon am 1., 2. oder 3. Juli. Er fürchtet, dass die Amerikaner allzuschnell erobertes Gebiet wieder preisgeben und es den Sowjets ermöglichen, weit nach Westen vorzustossen. So würden vollendete Tatsachen geschaffen, die an einer Friedenskonferenz nicht mehr rückgängig gemacht werden könnten, sagt Churchill. Doch Truman und Stalin sind gegen eine Vorverschiebung.

"Ohne Pfand" in die Verhandlungen

Am 1. Juli ziehen sich die amerikanischen Streitkräfte auf die in Jalta zugeteilten Zonen zurück. Die Briten müssen – entgegen Churchills Willen – Wohl oder Übel nachziehen.

Churchill in Potsdam (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 183-14059-0005/CC-BY-SA)
Churchill in Potsdam (Bild: Deutsches Bundesarchiv, 183-14059-0005/CC-BY-SA)

So gehen die USA und Grossbritannien „ohne Pfand“ (Churchill) in die Verhandlungen, die zweieinhalb Wochen später im Potsdamer Schloss „Cecilienhof“ beginnen.

Churchill weiss noch nichts von seiner Niederlage. Denn in einzelnen britischen Gebieten wird wegen der Sommerferien bis zum 19. Juli gewählt. Die Ergebnisse der Wahl werden erst für den 26. Juli erwartet.

"Vormarsch des Sowjets ins Herzen Europas"

Churchill fürchtet vor Beginn der Konferenz Schlimmes für Europa. Er habe gefühlt, „wie uns ein grosser Teil dessen, wofür wir so lange gestritten hatten, drüben auf dem Kontinent entglitt und die Hoffnung auf einen frühen und dauerhaften Frieden in die Ferne rückten“. Er prophezeit den „Vormarsch der Sowjetmacht ins Herz Westeuropas und die Senkung eines eisernen Vorhangs zwischen uns und dem ganzen Osten“.

Neun Jahre nach Kriegsende beklagt Churchill in seinen Memoiren: „Die russische Besatzungsgrenze läuft quer durch den Kontinent von Lübeck bis Linz. Die Tschechoslowakei ist in sie einbezogen. Die baltischen Länder, Polen, Rumänien und Bulgarien sind in den Status von Satelliten unter einem totalitären kommunistischen Regime herabgesunken. Jugoslawien hat sich frei gemacht. Nur Griechenland ist gerettet.“

"Glückliche Geburt des Kindes"

Am Eröffnungstag der Potsdamer Konferenz erfährt Churchill, dass die Amerikaner den ersten Atomwaffentest in New Mexico durchgeführt hatten. „Jetzt wussten wir es, die ‚Geburt des Kindes‘ war glücklich verlaufen“, schreibt er in den Memoiren.

Nun wird den Amerikanern und Briten bewusst: Sie brauchen die Sowjets nicht mehr, um den Krieg gegen Japan zu beenden. Mit der Atombombe hat der Westen bei den Verhandlungen mit Stalin einen wichtigen Trumpf in der Hand. Am 4. Juli gibt Churchill sein Einverständnis, die Bombe gegen Japan einzusetzen. Am 6. August fällt dann die erste Bombe auf Hiroshima.

Stalin setzt sich durch

Trotz der Bombe: Potsdam endet für den Westen mit einer grossen Enttäuschung. Stalin setzt sich fast in allen Punkten durch.

Deprimiert schreibt der britische Premier: „In der Stunde des Sieges hat man sich eben unsere beste und vielleicht auch letzte Chance zur Herbeiführung eines dauerhaften Weltfriedens kalten Blutes entgleiten lassen“.

Russland hatte inzwischen seine Grenze zu Polen schon bis zur Curzon-Linie vorgeschoben. Drei Millionen Polen, die jetzt plötzlich auf der russischen Seite lebten, müssen umgesiedelt werden. Nicht genug: Die Streitkräfte der pro-sowjetischen polnischen Regierung hatten nicht – wie vereinbart – an der östlichen Neisse haltgemacht, sondern drangen bis zur westlichen Neisse vor. Das Gebiet zwischen diesen beiden Flüssen ist eine Kornkammer, die jetzt an Polen fällt. Acht Millionen Deutsche leben hier, die jetzt ins geschrumpfte Deutschland umgesiedelt werden müssen. Churchill warnt immer wieder vor solch einschneidenden Massnahmen.

Genug vom Krieg

Mitten in den Verhandlungen erfährt ein verblüffter Premierminister von seiner Niederlage. Am 26. Juli übergibt er die britische Verhandlungsführung dem neuen Premierminister Clement Attlee.

Verhandlungspause in Potsdam: Attlee, Truman, Stalin
Verhandlungspause in Potsdam: Attlee, Truman, Stalin (Foto: Library of Congress, Washington)

Warum hat der im Westen gefeierte Churchill die Wahl so klar verloren? Der Krieg in Europa war endlich zu Ende und die Briten wollten ein neues Kapitel aufschlagen. Churchill sprach in seinem Wahlprogramm immer wieder vom Krieg, vom Krieg gegen Japan. Doch mit Krieg wollten die Briten jetzt nichts mehr zu tun haben. Sie trauten einer unverbrauchten Labour-Regierung mehr als den Konservativen, den Wiederaufbau in Angriff zu nehmen. Dennoch hat das Ausmass von Churchills Niederlage fast alle im Vereinigten Königreich überrascht.

Was wäre, wenn...?

Wäre die Konferenz anders herausgekommen, wenn Churchill die Wahl nicht verloren hätte? Hätte er Stalin mehr Widerstand entgegengesetzt als es später Attlee tat? Wäre damit eine andere Friedensregelung in Europa entstanden - ohne weites sowjetisches Vordringen Richtung Westeuropa? Ohne Eisernen Vorhang sogar?

Churchill schreibt: „Nie hätte eine Regierung, deren Chef ich war, sich damit einverstanden erklärt, die Grenze bis zur westlichen Neisse zu erstrecken, nur weil die russischen Armeen das Gebiet dazwischen und darüber hinaus besetzt hatten“.

Lapidar stellt er fest: „Vielleicht hätte man in Potsdam noch etwas retten können, aber die Auflösung der britischen Nationalen Regierung und meine Entfernung vom Schauplatz zu einem Zeitpunkt, da ich immer noch grossen Einfluss und grosse Macht besass, vereitelten jede befriedigende Lösung.

Rücktritt um sieben Uhr früh

Doch Churchill kritisiert Attlee nicht. Der neue Premier sei gezwungen gewesen, „ohne eingehende Vorbereitung das Steuer zu übernehmen“.

Eigentlich hätte Churchill die Verhandlungen bis zum 2. August zu Ende führen können. Laut Verfassung hätte er erst im August, nach dem Zusammentreten des Unterhauses und der ersten Abstimmung, zurücktreten müssen. Doch er hatte verloren und wollte die Verantwortung schnell den neuen Männern übergeben. Am 26. Juli um sieben Uhr früh fährt er in den Buckingham-Palast und übergibt dem König das Rücktrittsgesuch.

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Winston Churchill hat das getan, was Militärs traditionell am besten beherrschen. Er hat ohne Rücksicht auf Verluste seine Leute verheizt wie alle anderen Kriegsparteien auch. Die fliegende Personal der Royal Airforce hatte zum Beispiel ab dem ersten Einsatz nur noch eine durchschnittliche Lebenserwartung von 3 Wochen.

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