Bingo!

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Bingo!

Von Heiner Hug, 25.04.2017

Frankreichs Meinungsforscher lagen goldrichtig und retteten die Ehre ihrer Zunft.

Das Image der Umfrageinstitute hat in jüngster Zeit arg gelitten. Nicht umsonst.

  • In Grossbritannien sagten die Meinungsforscher ein Nein zum Brexit voraus. 51,9 Prozent der Briten und Britinnen stimmten Ja.
     
  • Alle ernsthaften US-Institute prophezeiten im letzten November einen klaren Sieg von Hillary Clinton. Nat Silver, der Oberguru der Meinungsforscher, sah Trumps Siegeschancen kurz vor der Wahl bei 15,2 Prozent.
     
  • Im Saarland schlossen im letzten Monat die Umfrageinstitute einen Sieg der SPD nicht aus. Die CDU gewann mit elf Prozent Vorsprung.

Und jetzt Frankreich.

Der französische Fernsehsender BFMTV fasst in einer so genannten „Boîte à sondages“ die Umfragen der zehn grossen Institute zusammen und ermittelte ihren Mittelwert.

Abweichung von 0,01 Prozent

Zwei Tage vor der Wahl prophezeiten die Institute für Emmanuel Macron („En Marche!“) einen Wert von 24 Prozent. Er erreichte laut den offiziellen Zahlen des Innenministeriums 24,01 Prozent. Also eine Abweichung von 0,01 Prozent.

Marine Le Pen („Front National“) gaben die Demoskopen 21,8. Sie kam auf 21,3 Prozent.

Für François Fillon („Les Républicians“) errechneten die Meinungsforscher 19,5 Prozent. Er erhielt 20,01 Prozent.

Den rasanten Aufstieg des radikalen Linkskandidaten Jean-Luc Mélenchon („La France insoumise“) sahen die Institute seit Wochen voraus. Sie rechneten damit, dass er 19,3 Prozent der Stimmen erhalten würden. Er erhielt 19,58 Prozent.

Ebenso sahen die Demoskopen seit langem einen Zusammenbruch des offiziellen sozialistischen Kandidaten voraus. Sie prognostizierten für ihn 7,3 Prozent. Er erhielt 6,36 Prozent.

Enttäuschung beim Front National

Grosse Unsicherheit bestand vor allem in Bezug auf die Prognose für Marine Le Pen. Es ist bekannt, dass Rechtspopulisten und Rechtsaussen-Menschen sich oft nicht getrauen, den Meinungsforschern zu sagen, dass sie rechtsextrem stimmen.

In einer Nachlese zum ersten Wahlgang hatten sich denn auch viele Front National-Wähler enttäuscht gezeigt. Sie hatten gehofft, die Meinungsforscher würden sich radikal täuschen. Viele FN-Anhänger rechneten mit einem Ergebnis von bis zu 30 Prozent. Doch, wie Hans Woller in seinem Wahlkommentar schreibt: „Der grosse Durchbruch“ für den Front National war es nicht. Den Meinungsforschern war es gelungen, das rechtsnationale und rechtsextreme Potential richtig auszuloten.

Werden die Institute auch für die Stichwahl am 7. Mai richtige Voraussagen publizieren? Bereits liegen erste Befragungen vor.

Das Institut „Ipsos“ führt Umfragen für das öffentlich-rechtliche französische Fernsehen, für Radio France, „Le Monde“ und „Le Point“ durch.

72 Prozent für Macron?

Laut einer ersten Ipsos-Umfrage für die Stichwahl würden

72 Prozent für Macron und 12 Prozent für Le Pen stimmen. 16 Prozent haben sich noch nicht entschieden oder keine Meinung geäussert.

Sowohl die Bürgerlichen als auch die Sozialisten haben am Abend des 1. Wahlgangs die Wähler aufgerufen, in der Stichwahl für Macron zu stimmen. Werden sie das tun?

Laut der Ipsos-Umfrage würde Emmanuel Macron Stimmen erhalten von

  • 62 Prozent jener, die für den radikalen linken Kandidaten Jean-Luc Mélenchon gestimmt haben
  • 79 Prozent jener, die für den sozialistischen Kandidaten Benoît Hamon gestimmt haben
  • „nur“ 48 Prozent jener, die für den bürgerlichen Kandidaten François Fillon gestimmt haben.

Marine Le Pen würde Stimmen erhalten von

  • 9 Prozent jener, die für Mélenchon gestimmt haben
  • 4 Prozent jener, die für Hamon gestimmt haben
  • und 33 Prozent jener, die für Fillon gestimmt haben

Dies würde bedeuten, dass immerhin ein Drittel der „Républicains“, der Partei Sarkozys, Sympathien für die Rechtsaussen-Partei hat.

Erstaunlich ist die hohe Zahl der Sozialisten, die für Macron stimmen könnten. Er gilt in linken Kreisen als Vertreter des Grosskapitals und des rechtsbürgerlichen Establishments.

Kommentare

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Der neue französische Präsident dürfte E. Macron heissen, sofern nichts Unvorhergesehenes, ein Skandal oder ähnliches dazwischen kommt.
Die Präsidentschaft gibt es für E. Macron allerdings nicht zum Nulltarif. Aus eigener Kraft kann er nicht regieren. Nach den Parlamentswahlen wird sich zeigen, wie hoch der Preis ist. Vor der Präsidentenwahl werden die sogenannten Unterstützer aus den gegnerischen Lagern, Republikaner und Sozialisten, ihm schon wesentliche Bedingungen für ihren Beistand präsentieren. Seine im Wahlkampf vertretene politische Agenda dürfte in der Realität kein Bestand haben und die Enttäuschungen dürften vorprogrammiert sein, auf allen Seiten.

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