Bilder - klar wie Kristalle

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Bilder - klar wie Kristalle

Von Stephan Wehowsky, 07.10.2015

Das Werk von Steve McCurry ist geradezu betörend. Der Prestel Verlag legt nun einen Band mit seinen Bildern aus Indien vor. Es sind Zeugnisse, die man nicht vergisst.

Steve McCurry erzeugt mit seinen Bildern eine unglaubliche Präsenz. Es ist, als sähe man Dinge zum ersten Mal, von denen man geglaubt hatte, man hätte sie schon tausendmal gesehen.

Bilder aus 35 Jahren Indien

Die Bilder von Steve MacCurry können aber auch die Frage provozieren, ob es sich um raffinierte Effekthascherei handelt. Geht es bei den Bildkompositionen und den Farben wirklich mit rechten Dingen zu? Man tut McCurry mit dieser Frage nicht Unrecht, denn sie erlaubt es, sein Werk erst richtig zu würdigen.

Der Band über Indien gibt eine erste Antwort. Denn die dort versammelten Bilder gehen bis 1978 zurück, und das jüngste stammt von 2014. Wir haben es also mit einem Zeitraum von dreieinhalb Jahrzehnten zu tun. In seinem Vorwort schreibt der Weltreisende William Dalrymple, dass Steve McCurry über dreissig Mal in Indien war und das Land „wie seine Westentasche“ kennt.

Amritsar, Punjab, 1996. Betender Sikh vor dem Goldenen Tempel. © Steve McCurry aus "Indien" (Prestel Verlag, 2015)
Amritsar, Punjab, 1996. Betender Sikh vor dem Goldenen Tempel. © Steve McCurry aus "Indien" (Prestel Verlag, 2015)

Sorgfältiger kann ein Fotograf also nicht arbeiten. Und es ist nicht nur die Sorgfalt allein. Als Steve McCurry, Jahrgang 1950, aufgrund eines Fotokurses, den er während seines Studiums besuchte, seine Leidenschaft für die Fotografie entdeckte, jobbte er bei einer Lokalzeitung in Philadelphia. Er sparte, wo er konnte, und eines Tages brach er mit 300 Filmen im Gepäck nach Indien auf. Auch während seiner späteren Reisen in alle Welt war er nicht auf Rosen gebettet.

Intensität statt Routine

Er resümiert: „Ich bin in einigen der schlechtesten Hotels dieser Welt abgestiegen, und wenn ich für jedes Mal, als mir übel war, fünf Cent bekäme, wäre ich ein reicher Mann.“ Die Mühe aber hat sich gelohnt. Seine Bilder wurden weltweit von führenden Zeitschriften übernommen, er publiziert regelmässig im National Geographic Magazine und seit 1991 ist McCurry Vollmitglied bei Magnum. Seine Arbeiten wurden zudem mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

Steve McCurry gilt als einer der produktivsten Fotografen unserer Zeit. Auf seiner Website http://stevemccurry.com/ und auf der entsprechenden Seite von Magnum präsentiert er mit erstaunlicher Grosszügigkeit seine Bilder. Trotz der Vielfalt seiner Themen hat man nie den Eindruck der Routine. Jedes einzelne Bild vermittelt das Gefühl, dass Steve McCurry sich mit äusserster Intensität seinen Themen zuwendet und sie intellektuell durchdringt. Seine Bilder sind wahr.

Mumbai, 1993. Ein Gläubiger trägt während des rituellen Eintauchens am
Chowpatty-Strand eine Ganesha-Staute ins Wasser des Arabischen
Meers. © Steve McCurry aus "Indien" (Prestel Verlag, 2015)
Mumbai, 1993. Ein Gläubiger trägt während des rituellen Eintauchens am
Chowpatty-Strand eine Ganesha-Staute ins Wasser des Arabischen
Meers. © Steve McCurry aus "Indien" (Prestel Verlag, 2015)

Und er hat ganz offensichtlich die Gabe, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein. Was das im Extremfall bedeutet, lässt sich an dem Magnum-Band zum 11. September 2001 sehen (Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart München 2002). Dieser Band wird mit den Bildern von McCurry eröffnet. Vom Dach seines Bürogebäudes konnte er die Türme in den entscheidenden Momenten fotografieren. Das mag Zufall sein. Aber sogleich machte er sich zum Ort des Geschehens auf. Da entstanden die typischen McCurry-Bilder.

Elliott Erwitt, Fotograf und zeitweilig Präsident von Magnum Fotos, schreibt über Steve McCurry, er sei ein „Ein-Mann-Friedenscorps“. Und Steve McCurry ist, wie man in der Ethnologie sagen würde, ein „teilnehmender Beobachter“. So gibt es in dem Indien-Band zahlreiche Porträts. Hier hat es intensive Begegnungen gegeben, und man fragt sich wieder und wieder, was diese Menschen, deren Blicke so intensiv auf den Fotografen gerichtet sind, ihm mitgeteilt haben und was sie von ihm zurückbekamen.

Westbengalen, 1983. Fahrräder hängen an der Aussenwand eines
Eisenbahnwaggons. © Steve McCurry aus "Indien" (Prestel Verlag, 2015)
Westbengalen, 1983. Fahrräder hängen an der Aussenwand eines
Eisenbahnwaggons. © Steve McCurry aus "Indien" (Prestel Verlag, 2015)

Die Eindringlichkeit des fotografischen Erzählens wird durch die Farbgebung gesteigert. McCurry scheint so vorzugehen, dass er bei seinen Bildern die dominierenden Primärfarben verstärkt und die weniger wichtigen Zwischentöne etwas dämpft. Das steigert die Klarheit, aber man muss betonen, dass McCurry dabei äusserst behutsam vorgeht und eigentlich nur Tendenzen, die er in seinem Bild erfasst hat, verstärkt. Er handelt wie ein guter Komponist, der für die richtigen Klangfarben sorgt.

Gemessen an Umfang und Vielfalt seines Werkes ist Steve McCurry auf dem deutschen Buchmarkt eher schwach vertreten. Es gibt vereinzelte Titel wie zum Beispiel eine neue Auflage seiner Porträts bei Phaidon und Übernahmen aus dem englischen Sprachraum. Der sorgfältig gestaltete und auch vom Format her repräsentative Band im Prestel Verlag erschliesst den deutschsprachigen Lesern einen zentralen Aspekt im Schaffen Steve McCurrys. Es sollten weitere Bände folgen.

Steve McCurry, Indien, Mit einem Text von William Dalrymple, 208 Seiten mit 96 Farbabbildungen, Prestel Verlag, München 2015

Kommentare

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Vielen Dank für den aufschlussreichen Artikel zu diesem wunderbaren Fotografen. Leider bin ich erst heute auf ihn gestossen. Ich habe den Hinweis zur Ausstellung über Steve McCurry im Zürcher Museum für Gestaltung im Toniareal vermisst. Leider dauert die Ausstellung nur noch bis zum 18.10. Mit freundlichem Gruss S. Rohrer

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