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Bild an Bild an Wand an Wand

Von Alex Bänninger, 06.02.2017

Erstrangige Kunstsammlungen sind ein Erlebnis. Und solche mit Ecken und Kanten? Darauf gibt das Nidwaldner Museum eine eindrückliche Antwort.

Alte Meister sind ein populäres Argument für einen Museumsbesuch. „Alte Meister“ heisst denn auch die aktuelle Ausstellung im Nidwaldner Museum in Stans. Sie wird dem Titel mit Gemälden von Anthonis van Dyck, Hyacinthe Rigaud oder Peter Paul Rubens und dessen Werkstatt gerecht. Aber die Ausstellung bietet wesentlich mehr und Einzigartiges dazu.

„Verkündung“, Flämische Schule, 16. Jahrhundert © Foto Christian Hartmann
„Verkündung“, Flämische Schule, 16. Jahrhundert © Foto Christian Hartmann

Verwirrend, ja berauschend

Das Auge geht über. Die Sprache versagt. Die 200 Bilder in Salonhängung in einem einzigen Raum an vier Wänden dicht an dicht von knapp über dem Boden bis hoch hinauf zur Decke berauschen mit ihren Farben und Stilen. Eine wahre Orgie.

Salonhängung Alte Meister © Foto Christian Hartmann
Salonhängung Alte Meister © Foto Christian Hartmann

Auch mit wieder beruhigten Sinnen fällt die Orientierung schwer. Das „Alpenglühen“ des Wieners Alois Arnegger (1879–1963) bannt den Blick, in Sekundenschnelle der Regenbogen über der „Muttergottes mit Kind“ des Stansers Melchior Paul Deschwanden (1811–1881), dann zwischen Gemälden von Heiligen und Aristokraten der liebliche „Rolls Royce“ der in Texas US lebenden Deutschen Wilma Langhamer (*1942).

Highlights der Kunstgeschichte seit dem 16. Jahrhundert wechseln mit Arbeiten, die den Weg zum Ruhm säumen, Grossformate in Öl mit zeichnerischen Miniaturen, lichtdurchflutete mit melancholischen Landschaften, niederländische mit nidwaldnerischen Werken.

Generosität des Herzens

Zu sehen ist eine Auswahl der Sammlung, die das – nunmehr verstorbene – Stansstader Ehepaar Ruth und Anton Frey-Näpflin, im Treuhand- und Immobiliengeschäft vermögend geworden, während eines halben Jahrhunderts zusammentrug. Der in eine private Stiftung überführte Schatz ging nun zu Teilen als Dauerleihgabe an den Kanton Nidwalden, der ihn in seinem Museum betreut und jetzt im wortwörtlichen Sinn ausbreitet.

Das Sammeln folgte keinem professionellen Konzept, sondern der Freude an der Kunst und der Lust, das als schön, wahr und gut Empfundene mit der Generosität des Herzens zu kaufen.

Wenn es einen gemeinsamen Nenner gibt, dann ist es das Konventionelle, das Figürliche. Wir kennen Sammlungen, die mit Fachwissen, zielbewusst kritisch und höchstem Anspruch erworben wurden. In Stans tritt uns eine opulente Sammlung entgegen, die einem bildungsbürgerlichen Ideal ausserhalb urbaner Zentren entspricht. Das ist sehr aufschlussreich.

Spiel mit der Kunstgeschichte

Es mag Patrizia Keller, promovierte Kunsthistorikerin und der modernen Kunst verbunden, eine Qual gewesen sein, das Konvolut kuratorisch überzeugend zu bewältigen. Sie bestand die Herausforderung mit dem Verzicht auf eine qualitative Bereinigung und eine zeitliche, stilistische oder thematische Ordnung. Leitend war der Respekt vor der Authentizität, um den Sammlern gerecht zu werden.

Gerade aus dem bunten Nebeneinander und den zufälligen Bezügen gewinnt die Ausstellung ihren Reiz. Der Betrachter fühlt sich ermuntert, im Geiste umzuhängen, Gegensätze anders zu kombinieren oder andere Übereinstimmungen zu entdecken. Die Kunstgeschichte mal nicht als Disziplin, sondern als Spiel verleiht der Ausstellung einen weiteren Wert.

Nur die Platzierung der Rubens-Gemäldereihe „Christus und die 12 Apostel“ – mutmasslich zwischen 1617 und 1626 entstanden – sollten die Besucher belassen, physisch ohnehin, aber auch in der Fantasie. Die Kuratorin verteilte den Zyklus auf die vier Wände. Er sichert die innere Statik der Ausstellung und dient als Referenzpunkt für die Qualitäts- und Bedeutungsvergleiche. Das ist als Orientierungshilfe augenzwinkernd und klug ausgedacht.

Nidwaldner Museum Winkelriedhaus, „Alte Meister“, mit Rahmenveranstaltungen, bis 7. Mai 2017

www.nidwaldner-museum.ch

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