Bichsels Schweiz

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Bichsels Schweiz

Von Christoph Kuhn, 28.06.2021

Radikale An- und Einsichten, die zu denken geben

Eines der spannendsten Interviews, das ich in letzter Zeit gelesen habe, findet sich in der jüngsten  Schweiz-Ausgabe der «ZEIT». Da besuchen die Journalisten Matthias Daum und Sarah Jäggi den 86-jährigen Peter Bichsel an seinem Wohnort in Bellach und befragen ihn ausführlich zum Zustand der Schweiz. Peter Bichsel war zeitlebens das, was man einen kritischen Patrioten nennen möchte. Dem Land eng verbunden, ihm zeitweilig auch ganz direkt dienend (als Redenschreiber für seinen Freund, Bundesrat Willi Ritschard zum Beispiel), hat er Schweizer Zustände, Schweizer Entwicklungen immer auch scharfsinnig kritisiert – auf literarisch brillante und erst noch unterhaltsame Art.

Wie seine Kollegen Friedrich Dürrenmatt, Max Frisch, Adolf Muschg ist Bichsel im Alter nicht milder, sondern radikaler geworden. Und wie den drei Genannten verdanken wir auch seiner Radikalität ebenso mutige wie schonungslose Aussagen, Analysen, die sich, auch wenn sie gelegentlich übertrieben sein mögen, erfrischend vom Klein-Klein-Politisieren, das uns bis zum Ueberdruss serviert wird, abheben und zum Nachdenken zwingen.

Besagtes «ZEIT»-Interview bietet dafür ein gutes Beispiel. Der Autor hat das Gefühl, in einem «demokratischen Land ohne Demokraten» zu leben, er beklagt den Niedergang der Parteien, die allgemeine Verbeamtung, die Kapriolen eines zu starken Föderalismus. Er glaubt nicht an das, was uns in den letzten Monaten so viele Kolumnistinnen und Leitartikler einreden wollten, dass nämlich die Schweiz nach ausgestandener Pandemie zu einer neuen Art von Solidarität, zu einem neuen Humanismus finden würde. Dass ihm jemand ein vermeintliches Kompliment macht, indem er behauptet, die 1969 unter dem Titel «Des Schweizers Schweiz» publizierten Aufsätze seien brandaktuell, könnte ihn dazu bringen «loszuheulen», heisst es doch nichts anderes, als dass sich in 50 Jahren politisch nichts verändert hat in unserem Land.

Bichsel, der angibt, ausschliesslich Frauen in politische Ämter zu wählen, weil er das traditionelle männlich dominierte Politisieren satt hat, beschränkt seine Gefühle für das Wesen der Schweiz auf die Tour de Suisse und den Fussball – aber diese zum Schluss des Interviews geäusserten Provokationen braucht man nicht ganz ernst zu nehmen. Der Autor versucht sich mit «untauglichen Argumenten» wie er sagt, zu trösten über den für ihn lamentablen Zustand einer Schweiz, die er ein Leben lang befragt, kommentiert  hat – und die ihn, trotz (oder wegen) allem, immer auch inspiriert hat.

"Wie seine Kollegen Friedrich Dürrenmatt, Max Frisch, Adolf Muschg ist Bichsel im Alter nicht milder, sondern radikaler geworden." Da bin ich ganz dabei. Es ist das Privileg und auch die Erkenntnis der Intellektuellen, dass sie mit zunehmendem Alter radikaler sein dürfen, ja müssen. Den die Zeit die noch zur Verfügung steht ist endlich und da braucht es keinen "Schmus mit Fransen" mehr um einen Zustand zu beschreiben. In diesem Sinne bin ich Dürrenmatt, Frisch, Muschg und Bichsel sowie allen Anderen dafür sehr dankbar.

Peter Bichsel war und ist noch immer ein profunder, scharfzüngiger Beobachter und Kritiker der Schweiz. Er ist so etwas wie eine Konstante, wenn es darum geht, den Zustand unseres Landes unter die Lupe zu nehmen. Ich gehe mit Bichsel einig, dass wir in einem Staat leben, der sich in manchen Punkten seit fünfzig Jahren kaum verändert hat. Die Schweiz ist ein Sonderfall geblieben. Das magistral beerdigte institutionelle Rahmenabkommen ist ein treffendes Beispiel hierfür. Die Schweiz rühmt sich ihrer einmaligen Demokratie wegen, vor allem Rechtsbürgerliche betonen gebetsmühlenartig die Unabhängigkeit und Neutralität als Erfolgsgarant unseres Wohlstandes. Wenn es um die Wirtschaft und deren profitablen Geschäfte geht, und seien diese aus ethischen oder/und menschenrechtsverletzenden Gründen noch so zweifelhaft, verhält sich unser Land alles andere als neutral oder rechtsstaatlich integer. Der Staat mit einem aufgeblähten bürokratischen Apparat ist mehr und mehr dazu berufen, Profite aller Art zu legalisieren, die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu optimieren und den Souverän mit immer mehr Bürokratie und Gesetzen darin zu bestätigen, dass wir alles im Griff hätten. Arme, vom Staat abhängige Menschen werden gegängelt - im Gegensatz dazu werden Konzerne und Reiche mit Steuervergünstigungen und anderen Privilegien fürstlich belohnt. Dies stets mit der gleichen Leier, dass damit Arbeitsplätze geschaffen würden. Die letzten Abstimmungen haben mit aller Deutlichkeit auch gezeigt, dass der Souverän Mammons Reich intus hat. Nur schon etwas mehr Engagement für die Natur, deren Artenvielfalt, weniger verschmutzte Gewässer und gesündere Böden scheitert am Geld. Ein Armutszeugnis; insbesondere wenn man sieht, wie viele SUV's auf unseren Strassen herumkurven und dies ein Zeugnis dafür ist, wofür das Geld ausgegeben wird. Diese egozentrische Lebensart, gepaart mit einer Wohlstandsbesoffenheit, ohne Empathie für die Welt als Ganzes, ist die Schweiz in Reinkultur. Diese satte Selbstzufriedenheit, als seien wir der Nabel der Welt, hält uns davon ab, uns mehr um die Welt zu kümmern, mit mutigen Schritten voranzugehen, gerade in der Umwelt- und Klimapolitik. Wir sind Weltmeister im Geld ausgeben und/oder verwalten und der landläufigen Meinung darüber, dass wir unseren Reichtum selbst erschaffen hätten. Daran dürfte auch Bichsel keine Freude haben wie auch an einer Schweiz, die in fünfzig Jahren nur ansatzweise etwas weniger selbstgefälliger geworden ist.

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