Berührungen und Schmetterlinge

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Berührungen und Schmetterlinge

Von Urs Meier, 25.10.2019

Die Werke zweier unterschiedlich gearteter Künstler, die in ihren Karrieren an verschiedenen Stellen stehen, kommen in Winterthur überraschend in ein Gespräch.

Das Kunstmuseum Winterthur zeigt zwei Künstler, die auf den ersten Blick nichts miteinander gemein haben. Der eine hat nicht nur in der Kunstszene der Schweiz, sondern international längst einen klingenden Namen: der 49-jährige Schaffhauser Yves Netzhammer. Der andere, fast zwanzig Jahre jünger und aus Kalifornien stammend, hat nach einem BA in Fotografie an der ZHdK (Zürich) an der Hochschule für Gestaltung und Kunst an der FHNW (Basel) eben seinen Master gemacht und gleich den renommierten Manor Kunstpreis gewonnen: Brigham Baker.

Bei näherer Betrachtung jedoch finden sich Gemeinsamkeiten: Netzhammer und Baker sind visuelle Experimentatoren, installative Tüftler, Perfektionisten des Beiläufigen, philosophierende Gestalter, künstlerische Selbsterforscher. Und bei beiden kommen Äpfel vor – beim einen als zentrales Thema, beim anderen als Detail. Diese Bezüge sind augenscheinlich nicht geplant oder absichtsvoll herbei kuratiert, sondern sie haben sich eingestellt wie ein Gespräch, das sich zufällig ergibt.

Beziehungsreiche Interventionen

Yves Netzhammer zeigt in der Sammlung von Meisterwerken, die das Haus in Winterthur im Bereich der Klassischen Moderne zu bieten hat, drei Arbeiten. Die grösste davon, «Nistplätze für Berührungen» (Bild ganz oben), ist eine komplexe skulpturale Medieninstallation im intimen Kabinett der Degas, Toulouse-Lautrec, Bonnard, Vuillard, Redon. Vier in der Raumdiagonalen stehende Podeste tragen weisse oder weiss verhüllte Objekte – Apfel, Scherben, Spiegel, Amphore, Schublade –, auf die in Endlosschlaufen rund 150 digitale Strichzeichnungen projiziert werden. Das 2006 entstandene Werk wurde dem Kunstmuseum Winterthur geschenkt. 

Am jetzigen Ort spielt es von seinen Ausmassen und dem apparativen Aufwand her fast allzu mächtig auf. Doch mit seinen Inhalten, den teilweise beklemmenden und absichtlich etwas unbeholfenen Zeichnungen (Netzhammer hat sie am Computer mit der Maus erstellt), nimmt sich Netzhammers Arbeit gleichzeitig zurück. Nistplätze will sie in die Meistersammlung hineinschmuggeln, und Berührungen sollen daraus erwachsen. Das klingt etwas nach Wohlfühlprogramm, ist es aber nicht. Zwar ergeben sich Korrespondenzen mit den zumeist Interieurs zeigenden Bildern an den Wänden rundum, da auch sie zumeist eine aufgeladene Atmosphäre der Stille und des Rätselhaften aufweisen. Doch in diesem Zusammenklang ist mehr Beunruhigung als Harmonie.

Yves Netzhammer: Objektarbeit, 2019, Stahlrohr, Ballone, Faden, 2 Projektionen (oben: 5.20 min / unten: 4.55 min, LOOP), 195 x 115 x 180 cm, Courtesy der Künstler; Foto: J21, Urs Meier
Yves Netzhammer: Objektarbeit, 2019, Stahlrohr, Ballone, Faden, 2 Projektionen (oben: 5.20 min / unten: 4.55 min, LOOP), 195 x 115 x 180 cm, Courtesy der Künstler; Foto: J21, Urs Meier

Die Präsentation des dem Museum geschenkten Werks war für Yves Netzhammer Anlass, eine weitere bereits vorhandene sowie eine eigens für die jetzige Ausstellung geschaffene Arbeit als beziehungsreiche Interventionen in die Winterthurer Sammlung hineinzupflanzen. Vor allem die Letztere, die den Raum mit Alberto Giacometti, Giorgio de Chirico, René Magritte und Paul Klee bespielt, überzeugt und begeistert als Paraphrase auf die in diesem Saal versammelte Poesie des Absurden. 

Das Gebilde balanciert auf vier Ballonen und wird von einem heliumgefüllten weiteren Ballon hochgezogen. Zwei Mini-Projektoren werfen Zyklen von computergenerierten Objektbildchen auf den schwebenden Ballon und an die Wand, wobei die Putzigkeit der Projektionen immer wieder im Kontrast zu den mit ihnen konnotierten Bedeutungen steht. Bei den wiederholt aufscheinenden Totenköpfen und Gummibooten sind harmlose Lesarten ja zumindest nicht naheliegend. Gleichwohl sind die Irritationen aufgehoben im Staunen angesichts des konstruktiven Raffinements und der fragilen Eleganz des Objekts.

Bewältigte Komplexität

Auch Brigham Baker hat es mit den Irritationen. Das fängt schon an mit dem Titel seiner Ausstellung. «Schmetterlinge» nennt er sie, doch zeigen tut sie «Only Apples» – so der Titel der Begleitpublikation, die kein klassischer Ausstellungskatalog, sondern eine Variation der Präsentationsform ist: hier Ausstellung, da Künstlerbuch.

Schmetterlinge sind in ihrem Flug von jedem Windhauch hin und hergeworfen, können ihr Ziel nicht geradenwegs anfliegen, sondern erreichen es nur mit dauernden Korrekturen. Anders gesagt: Sie sind Systeme, denen dauernd andere Systeme in die Quere kommen. Für Baker ist dies das ins Überdeutliche vergrösserte Abbild der menschlichen Existenz. Auch sie ist gekennzeichnet von Interferenzen ständig wechselnder Systeme, und zwar im Kleinen des individuellen Lebens wie im Grossen der gesellschaftlich-kulturellen Dimension.

Es ist dieser Denkansatz, mit dem sich Brigham Baker den Phänomenen der Natur nähert. Er, der auch als Imker und Gärtner tätig ist, sieht natürliche und zivilisatorische oder technische Systeme in stetiger Interaktion. Solchen Prozessen spürt er als Künstler nach. So hat er gebrauchte «schmutzige» Fussmatten eingesammelt und unter Wärmelampen gelegt, bis die im Schmutz mitgeführten Samen keimten und sprossten und so die Matten zu Pflanzenbeeten transformierten.

Brigham Baker (*1989): Apple, 2019, C-Print, 170 x 120 cm, © Kunst Museum Winterthur
Brigham Baker (*1989): Apple, 2019, C-Print, 170 x 120 cm, © Kunst Museum Winterthur

Vor den Fenstern von Bakers Zürcher Ateliers liegt ein unzugänglicher Hinterhof, in welchem vergessene Apfelbäume stehen. Deren Früchte fotografierte er erst nur zum Spass, doch dann begann ihn das Wachsen, Verfaulen und Verrotten der Äpfel zu faszinieren, sodass daraus ein künstlerisches Projekt wurde. Baker verdichtete die fotografische Arbeit auf ein strenges Format: der Apfel zentral platziert, hier hervorgehoben durch Farbe und Licht, dort in Unschärfe zur rätselvollen Erscheinung umgedeutet, schliesslich im Verfallstadium zum Vanitas-Stillleben geworden. 

Brigham Baker: Apple, 2019, C-Print, 170 x 120 cm, © Kunst Museum Winterthur
Brigham Baker: Apple, 2019, C-Print, 170 x 120 cm, © Kunst Museum Winterthur

Das einheitliche Hochformat der Fotografien lässt an Porträts denken. Baker berichtet denn auch, die an den Apfelbildern ablesbare Zeitspur habe ihn zum Nachdenken über sich selbst gebracht: Wie erlebte ich die Zeitspanne, welche die Fotos dokumentieren? Was ist mit mir geschehen, während die Früchte reiften und verrotteten? Was habe ich selbst bei mir verändert in der vergehenden Zeit? Gleicht mein Leben nicht dem Flug des Schmetterlings, der sein Ziel nur ungefähr kennt und «Systemen» ausgesetzt ist, die er nicht beeinflussen kann?

Brigham Bakers Apfel-Projekt leistet, was gute Kunst immer auszeichnet: Es bringt ein nicht zu überblickendes und zu bewältigendes Ausmass an Komplexität in eine Form, die zwar diesen Komplexitäts- und Bedeutungsüberschuss erkennen lässt, aber doch begrenzt und klar ist und so das Kunst-Schöne erzeugt. Bakers Apfel-Bilder sind in genau diesem Sinn schön, und sie sind deshalb überzeugende Kunst.

Kunst Museum Winterthur | beim Stadthaus: Yves Netzhammer, Nistplätze für Berührungen, bis 5.1.2020

Brigham Baker, Schmetterlinge, 11. Manor Kunstpreis Kanton Zürich, bis 5.1.2020

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