Berns heikles Bilder-Erbe

André Pfenninger's picture

Berns heikles Bilder-Erbe

Von André Pfenninger, 08.05.2014

Das Kunstmuseum Bern erbt eine der ungewöhnlichsten und wohl heikelsten Kunstsammlungen der Welt. Der in München verstorbene Cornelius Gurlitt hat ihm seinen Kunstschatz vermacht. Das wirft viele Fragen auf.

Die Nachricht war eine Sensation - weit über die Grenzen der Bundesstadt und der Schweiz hinaus. Cornelius Gurlitt, der am Dienstag an den Folgen einer schweren Herzerkrankung und Operation 81jährig gestorben ist, hat seine umstrittene Kunstsammlung dem Kunstmuseums Bern vermacht. „Die Nachricht hat uns getroffen wie ein Blitz aus heiterem Himmel“, heisst es im Kunstmuseum der Bundesstadt.

Kunstmuseum Bern
Kunstmuseum Bern

Völlig überraschend

Direktor Matthias Frehner versichert, Gurlitt nicht gekannt zu haben und niemand im Hause hatte je mit dem deutschen Kunstsammler und –händler zu tun. Die Schenkung bezeichnet er dem Journal21 gegenüber als eine der grössten und bedeutendsten, die das Museum in den letzten Jahren erhalten habe.

Die Sammlung umfasst etwa 1400 Werke, deren Gesamtwert unzählige Millionen Franken wert ist. Anfangs war gar die Rede von einem Milliardenwert. Der genaue Betrag ist heute noch nicht bekannt. Sicher ist, dass die Sammlung zahlreiche hochkarätige Werke enthält, u.a. Gemälde von Picasso, Matisse, Renoir, Beckmann, um nur diese zu nennen.

Mysteriöse Geschichte

Sicher ist auch, dass die genaue Herkunft der Bilder nicht so sicher ist. Stammen sie aus dem Bestand der Raubkunst des Nationalsozialismus, waren sie als „entartete Kunst“ von den Nazis aus dem Verkehr genommen worden? Viele Fragen bleiben offen. Experten sind noch an der Arbeit. Mysteriös ist aber noch vieles mehr. Einmal die Geschichte und Vergangenheit der Besitzer, nämlich des Kunsthändlers und Sammlers Cornelius Gurlitt und seines bereits in den 50er Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommenen Vaters. Mysteriös ist auch, wieso Cornelius Gurlitt testamentarisch die Stiftung Kunstmuseum Bern als „unbeschränkte und unbeschwerte Alleinerbin“ eingesetzt hat.

Gurlitt und Kornfeld

Ja, wie kam Gurlitt auf die Idee, die Sammlung nach Bern zu vergeben. Wie weit kannte er die Bundesstadt? War er vielleicht sogar einmal im Museum? Ausgeschlossen ist es nicht. Jedenfalls kannte er bestens den wohl prominentesten Kunsthändler und Auktionär der Schweiz, Eberhard Kornfeld. Ihn hat er schon einmal vor Jahren besucht, und Kornfeld bestreitet nicht, mit Gurlitt geschäftlich verkehrt zu haben.

Der Name Kornfeld jedenfalls hat zu Beginn dieses Jahrzehnts die „Affäre Gurlitt“ ungewollt und ohne davon zu wissen ins Rollen gebracht. Gurlitt befand sich im Zug auf einer Rückreise von Zürich zurück nach München. An der Grenze wurde er von deutschen Beamten kontrolliert. Sie fanden bei ihm 9000 Euro in bar. Die Herkunft? Gurlitt antworte prompt, von Kornfeld in Bern. Der Berner Kunsthändler weist dies vehement zurück, er habe zu diesem Zeitpunkt überhaupt keinen Kontakt zu Gurlitt mehr gehabt. Der Deutsche hat wohl an diesem Tag nicht die Wahrheit gesagt.

Der kleine Zwischenfall führte aber zu einer Hausdurchsuchung bei Gurlitt in München. In der Wohnung entdeckte die Polizei einen Kunstschatz. Die Bilder wurden beschlagnahmt und in ein Depot transportiert. Bekannt wurde die ganze Affäre allerdings erst im November letzten Jahres.

Dubioser Hintergrund des Vaters

Gurlitt hatte die Sammlung von seinem Vater geerbt, der sie rechtsmässig aufgebaut haben soll. Er, Cornelius Gurlitt, habe weitere Bilder nach und nach zugekauft. Er hat auch laufend Bilder verkauft, um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Stammten nun die Bilder aus geraubten Beständen oder nicht? Tatsache ist, dass Gurlitts Vater zu Beginn des letzten Jahrhunderts sich noch öffentlich für moderne Kunst einsetzte.

Hitler bei der Besichtigung der Ausstellung "Entartete Kunst" in den dreissiger Jahren in Dresden.
Hitler bei der Besichtigung der Ausstellung "Entartete Kunst" in den dreissiger Jahren in Dresden.

Nach Hitlers Machtergreifung durch die Nationalsozialisten hatte er allerdings die Meinung geändert und stand jenen Kreisen nahe, die Museen ausräumten und viele Werke verkauften oder vernichteten. Die Zahl der Werke ist unbekannt. Die Rede ist von 20'000 bis weit über 100'000. Über diesen Weg kam Hildebrand Gurlitt zu seinem Kunstschatz. Nach 1945 konnte er sich von Verdächtigungen und Anklagen rasch loslösen und bald wieder frei dem Kunsthandel widmen.  

Freude und Last zugleich

Sowohl Stiftungsrat als auch die Direktion des Konstmuseums Bern zeigten sich überrascht und auch hocherfreut über die ungewöhnliche, grossartige Schenkung. Man war sich aber auch sogleich im Klaren, dass das schöne Geschenk unschön verpackt ist. Was kommt wohl beim Auspacken zum Vorschein? Wir „wollen nicht verhehlen, dass das Vermächtnis uns eine erhebliche Verantwortung und eine Fülle schwierigster Fragen aufbürdet, Fragen insbesondere rechtlicher und ethischer Natur“, so verlautete es  bereits Mittwochabend aus dem Museum.

Wie soll es nun weitergehen? Auch auf diese Frage gibt es zum jetzigen Zeitpunkt noch keine präzise Antwort. Direktor Matthias Frehner reist bereits am kommenden Montag nach München, um mit den zuständigen Behörden erste Kontakte aufzunehmen, und eventuell einen ersten Blick in die Sammlung zu werfen. Ein Teil der Bilder wird übrigens noch von deutschen Experten im Auftrag der Bayerischen Staatsanwaltschaft zur genauen Abklärung zurückbehalten.

Das Museum hat sechs Monate Zeit, um zu entscheiden über die Annahme des Vermächtnisses. „Erst wenn alle Fragen geklärt sind, werden wir endgültig entscheiden“, bestätigt Frehner. Bereits denkt er aber über eine Ausstellung der wichtigsten Werke aus Gurlitts Sammlung nach, wie seinen Worten zu entnehmen war.

Picassos "Buveuse assoupie", 1902
Picassos "Buveuse assoupie" 1902

Herkunft nahtlos abklären

Mit heiklen, mit Problemen behafteten Werken weiss das Kunstmuseum Bern bestens umzugehen und hat dies in der Vergangenheit auch bewiesen. In der eigenen Sammlung befinden sich nämlich Bilder, deren Herkunft ebenfalls einer genauen Abklärung bedurfte. So beispielweise das berühmte Bild von Pablo Picasso „Buveuse assoupie“ aus dem Jahre 1902. Das Bild kam auf abenteuerlichen Wegen und Abwegen nach Bern. Die Rechtslage lässt heute keine Zweifel mehr offen, und für Frehner ist das Bild eines der zehn bedeutendsten Werke der hauseigenen Sammlung, wie er kürzlich der „Berner Zeitung“ anvertraute.

Es wurden stets die grössten Anstrengungen unternommen, um die  Herkunft der Kunstwerke einwandfrei und nachvollziehbar abzuklären. Der frühere Vizedirektor des Museums, Sandro Küthy hatte bereits erklärt: „Wir sind offen für Gespräche, wenn ein rechtsmässiger Anspruch kommt, und sei es nur ein moralischer“. Das soll auch heute noch Gültigkeit haben, wie Frehner sagt.

Klärung bei der Sammlung Bührle in Zürich

Weltweit  waren und sind auch heute immer wieder Sammler und Museen mit der Problematik der Raubkunst konfrontiert. Auch in der Schweiz. Im Vordergrund steht sicher die bekannte und gewaltige Sammlung Bührle, heute im Kunsthaus Zürich zuhause. Sie enthielt zum Teil ebenfalls nachweisbar mehrere Werke aus dem Bestand der Raubkunst. Jeder einzelne Fall konnte inzwischen geregelt werden.

Auch in Ausstellungen werden immer wieder die traurigen Ereignisse thematisiert. Selbst die Abegg-Stiftung in Riggisberg bei Bern hat sich letztes Jahr dem Thema gewidmet und Werke aus früheren Jahrhunderten gezeigt, die einmal geraubt wurden und heute sorgfältig gehütet werden. Das Problem ist also nicht neu.

Kommentare

Die Gurlitt-Erbschaft ist weder heikel noch problematisch. Und sie wirft auch nicht "viele Fragen" auf, sondern nur genau eine: Welche der über tausend Werke sind Raubkunst und damit den Nachfahren ihrer rechtmässigen Eigentümer zurück zu geben?
Und auch diese Frage ist ja längst in Abklärung: Ein Expertenteam ist bereits an der Arbeit. Diese soll weitergehen. Und es kommen dann halt nur jene Bilder nach Bern, auf die kein anderer Anspruch besteht. Käme aus Versehen dennoch Raubkunst mit der Gurlitt-Erbaschaft nach Bern, wäre das auch kein Problem: Die Rückgabe solcher Bilder wäre ja jederzeit auch später noch möglich. Ansprüche des Staates Deutschland, von denen der Berner Stadtpräsident ohne weitere Begründung schon redete, gibt es hingegen kaum. Damit ist die Sache eigentlich klar: Bern und die Schweiz bekommen eine sehr interessante Erbschaft. Wohl auch darum, weil Gurlitt die Kompetenz der Berner kannte und schätzte, und weil er seinen Nachlass im neutralen Nachbarland sicherer wähnte.
Auffällig ist derweil in der ganzen Sache das völlig widersprüchliche Verhalten der Berner Offiziellen im Raubkunstfall Gurlitt – und im nicht minder interessanten Raubkunstfall Ekeko. Bei Gurlitt wollen sie genaustens darauf achten, dass ja nicht etwa Werke dubioser Herkunft ihnen die schöne Erbschaft "vergiften". Und dies zu vollem Recht. Beim Ekeko hingegen finassieren und drucksen sie herum, und wollen den Bolivianern in erschreckend eurozentristischer Kolonialherrenmanier erklären, was denn bei ihnen in Bolivien heilige Figuren seien und was nicht. Dabei steht längstens fest, dass es sich beim Ekeko um Raubkunst aus kolonialen Zeiten handelt: Der Glarner Johann Jakob Tschudi hat die Steinstatue vor 155 Jahren am Titicacasee rechteigentlich gestohlen (ein paar Einheimische hat er mit Cognac abgefüllt, wie er in seine Berichten selber prahlt – und ihnen dann die Kostbarkeit "abgekauft"). Seit 1929 ist sie nun im Berner Historischen Museum. Es gibt überhaupt keinen Grund, warum das Museum, die Stadt und der Bund diese Raubkunst nicht sofort an Bolivien zurückgeben. Dass die Berner im Fall der eventuellen Raukunstwerke aus der Gurlitt-Sammung dermassen herumeiern und lamentieren wollten, wie nun im längst klaren Fall des Ekeko, ist jedenfalls undenkbar und wäre mehr als nur peinlich. Niklaus Ramseyer

Wenn man bedenkt, das die Schweiz vielen Europäern als Hort von Neutralität und Rechtssicherheit gilt, erscheint die Wahl des Kunstmuseums in Bern als Alleinerbe durch den Herrn Gurlitt gar nicht so mysteriös als es auf den ersten Blick ausschaut. Die Schweizerische Justiz hat aus der Sammlung Bührle nichts ohne Prüfung beschlagnahmt. Die Justiz in Bayern hat sich durch die Beschlagnahme aller Bilder ohne Prüfung der Rechtmäßigkeit des Besitzes durch Herrn Gurlitt alles andere als rechtsstaatlich verhalten. Dadurch ist dem Herrn Gurlitt das Vertrauen in deutsche Behörden wohl völlig zu Recht abhanden gekommen.

Kunst und Politik - zwei Domänen die nichts Gemeinsames haben. Das grosse Übel: Immer will Politik über Kunst herrschen. Macht rechtlich alles klar. Die Kunst bleibt einsam. Vorallem diejenigen, die mit wahrer Kunst beschäftigt sind. Z.B. ist Berns Stapi Alexander Tschäppet ein art-typischer Politiker...

Wohltuend anders, Herr Pfenninger, ist ihr Bericht zur geschenkten
Gurlitt-Sammlung als etwa das freche und dummdreiste Geschnorr des Berner Stadthäuptlings Alexander Tschäppet in den SRF- Nachrichtensendungen zum Thema. Wieso gab es eigentlich von Herr Tschäppet und nicht vom Direktor des Kunstmuseums, Matthias Frehner, eine öffentliche Stellungsnahme ? Politisches Kompetenzgerangel ?

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren